„Reisen bildet.“ Podróże kształcą („aber nur die Gebildeten“ – Jacek Walkiewicz)
Vor einem Monat war ich in Hurghada. Einen Tag nach mir kam eine Gruppe von Touristen aus Polen ins Hotel, ein Rentnerverein aus Tschenstochau, wie ich später erfahren habe.
Nach dem Abendessen saßen wir draußen mit Blick auf das Meer beim Sonnenuntergang und bei angenehmen Temperaturen. Wir kamen ins Gespräch. Ich erzählte, dass ich ca. 30 km von Tschenstochau entfernt geboren wurde und bis zu meiner Ausreise nach Deutschland im Jahr 1978 dort gelebt habe.
Sie lobten mich für meine polnischen Sprachkenntnisse. Sie hatten gedacht, dass ich Pole bin. Fast jeder aus der Gruppe hatte einen Verwandten oder Bekannten, der in Deutschland oder einem anderen europäischen Land lebt oder gearbeitet hat.
Die Stimmung war ausgelassen, bis eine Dame aus der Gesellschaft auf das Thema Reparationszahlungen Deutschlands an Polen zu sprechen kam. Die 75 Jahre alte Dame war in Tschenstochau eine leitende Laborangestellte. Die Stimmung wurde gereizt. Sie meinte lautstark, dass Deutschland jedem polnischen Bürger eine Entschädigung für den Zweiten Weltkrieg zahlen solle. Die Stimmung wurde leicht aggressiv und deutschlandfeindlich. Die meisten teilten ihre Meinung. Für eine sachliche Debatte war da kein Platz. Ich sagte dazu gar nichts. Nec Hercules contra plures.
Seit dem letzten Krieg sind 81 Jahre vergangen. In mehreren Verträgen zwischen den beiden Ländern wurden gegenseitige Reparationsansprüche als erledigt betrachtet. Die Sowjetunion und Polen haben bereits im Jahr 1953 auf weitere Reparationsforderungen verzichtet, und Polen hat die Wirksamkeit des Verzichts später mehrfach bestätigt (Warschauer Vertrag 1970, Zwei-plus-Vier-Vertrag 1990).
Jetzt werden wieder, befeuert von der PiS-Partei, Forderungen in Höhe von 1,3 Billionen Złoty an Deutschland gestellt.
Die populistische und nachbarfeindliche Politik erinnert mich an die deutsch-französischen Beziehungen, die jahrhundertelang von Kriegen, territorialen Forderungen und Schuldzuweisungen geprägt waren und in die Geschichte eingingen. Frankreich und Deutschland wurden als Erzfeinde bezeichnet, bis 1963 zwei kluge Staatsmänner, Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, im Élysée-Vertrag einen Schlussstrich unter die alten Feindschaften zogen. Sie wagten einen ehrlichen politischen Neuanfang, von dem bis heute beide Seiten profitieren.
Man kann nicht nach 81 Jahren ständig von Kollektivschuld sprechen, ständig neue Forderungen stellen und das Thema politisch befeuern.
Ich bin 1955 in Schlesien geboren. Bis 1978 habe ich dort (gezwungenermaßen) gelebt. Was haben ich, meine Kinder und meine Enkel mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun? Sollen wir, die Nachkriegsgenerationen, die „Reparationen“ bezahlen?
Mein Großvater wurde nach den „Schlesischen Aufständen“ und der Zuerkennung des Kreises Lublinitz an Polen, ohne seine Adresse zu ändern, zu einem Ausländer im eigenen Land. Das geschah trotz der gewonnenen Volksabstimmung für die Deutschen. Er wurde von den Aufständischen verfolgt und bedroht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er mit seinem Bruder und seiner damals 21 Jahre alten Tochter (meiner Mutter) bereits im März 1945 in Lubliniec inhaftiert. Von dort wurden sie in das Straflager in Myslowice deportiert und meine Mutter anschließend weiter in das Arbeitslager Sosnowiec.
In der Zeit, in der mein Großvater im Lager war, vertrieben die polnischen Polizisten meine Oma mit drei kleinen Kindern aus ihrem Haus. Meinen Opa hat man enteignet. Nach der Rückkehr aus Myslowice lebte er mit seiner Frau und seinen Kindern im Wald. Die Schikanen gingen noch weiter, doch nach Deutschland durften sie nicht ausreisen.
Mein Vater hatte in seiner Arbeit keine Aufstiegsmöglichkeiten und bekam keine Prämien, weil er es wagte, einen Antrag auf Ausreise aus Polen zu stellen. Als meine Eltern schon alt waren, kam nach ca. 30 Jahren Bemühungen die Zusage zur Ausreise. Danke, wie gütig.
Ich wurde in der 11. Klasse vom Gymnasium entlassen und zweimal von der Arbeit entlassen. Meiner Familie und mir wurde Unrecht getan, und ich, meine Kinder und Enkelkinder sollen Reparationen an Polen zahlen. Wer entschädigt uns für das, was uns angetan wurde?
Johannes Kwapis
Garbsen 2026
Einladung zum Zeitzeugentreffen in Oppeln
Möchten Sie mehr über diese „etwas andere Familiengeschichte“ erfahren und mit dem Autor persönlich ins Gespräch kommen? Im Rahmen der Reihe „Tradition im Dialog“ spricht Johannes Kwapis über seine Familiengeschichte.
Johannes Kwapis zu Gast in Oppeln
Johannes Kwapis wurde 1955 in Koszęcin (Woiwodschaft Schlesien) geboren und lebte bis zu seiner Ausreise nach Deutschland im Jahr 1978 im nahegelegenen Strzebin. Nach seiner Pensionierung widmete er sich intensiv seiner Familiengeschichte. Aus seinen tiefgreifenden Recherchen entstand das Buch:
„Mein Opa, mein Vater und ich… Eine etwas andere Familiengeschichte“
In diesem Werk ordnet er seine eigenen Erinnerungen sowie die Erzählungen seiner Eltern und Großeltern ein, um ein Stück schlesischer Identität und Geschichte festzuhalten.
Das Gespräch
Mit dem Autor über Erinnerung, Familiengeschichten und die Entdeckung der eigenen Wurzeln spricht Monika Wittek. Sie ist seit vielen Jahren in der deutschen Minderheit in Polen aktiv und Vorsitzende des DFK-Ortsvereins in Zelasno bei Oppeln.
Wann und wo?
- Datum: Mittwoch, 02.09.2026
- Uhrzeit: 11:00 Uhr
- Ort: Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen (WBP), ul. Szpitalna 11, Opole (Oppeln)
- Eintritt: frei (um Anmeldung wird gebeten unter cdwbp@cdwbp.opole.pl oder Tel. 77 407 50 12)
