Wer künftig durch den Industriepark von Gogolin fährt, begegnet nicht nur moderner Infrastruktur und wirtschaftlicher Entwicklung. Drei neue Kreisverkehre tragen künftig die Namen von Persönlichkeiten, die die Geschichte der Stadt auf ganz unterschiedliche Weise geprägt haben: Leopold Cassirer, Norbert Urbaniec und Dr. Witold Jasiński.
Der Beschluss wurde am Mittwoch, den 16. Juni, einstimmig vom Stadtrat gefasst. Alle Ratsmitglieder stimmten für die Benennung. Für Bürgermeister Krzysztof Reinert ist die Entscheidung weit mehr als eine formale Adressvergabe.
„Besonders symbolisch ist, dass gerade Kreisverkehre in unserem Industriepark die Namen von Menschen tragen werden, die mit ihrer Arbeit, ihrem Engagement und ihrem Mut die Grundlagen des heutigen Gogolin geschaffen haben“, betonte Reinert in einem Facebook-Beitrag.
Die Namensgebung verbindet damit die wirtschaftliche Zukunft der Gemeinde mit ihrer historischen Identität.
Ein Unternehmer, der Gogolin veränderte
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Entscheidung, einen der Kreisverkehre nach Leopold Cassirer (1846–1922) zu benennen. Sein Name ist heute nur noch wenigen Einwohnern geläufig, obwohl er zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Gogoliner Geschichte zählt.
Als Unternehmer, Kommunalpolitiker und Philanthrop prägte Cassirer über vier Jahrzehnte die Entwicklung des Ortes. Gemeinsam mit seinem Bruder Simon betrieb er eines der wichtigsten Kalkwerke der Region. Die Firma „Gebrüder Cassirer“ gehörte zu den Motoren jener wirtschaftlichen Dynamik, die Gogolin im späten 19. Jahrhundert von einem Dorf zu einem aufstrebenden Industriestandort machte.

Leopold Cassirer und Rosalie Krämer.
Die Historikerin Regina Kalla-Szulc bezeichnet Cassirer als Schlüsselfigur der lokalen Modernisierung. Seine Kalköfen beschäftigten zahlreiche Einwohner aus Gogolin und den umliegenden Dörfern. Für die Beschäftigten richtete er bereits damals eine Krankenkasse ein – ein außergewöhnlich fortschrittlicher Schritt für jene Zeit.
Doch Cassirer war weit mehr als Unternehmer. Er gehörte dem Gemeindevorstand an, war stellvertretender Gemeindevorsteher und später selbst Gemeindevorsteher. Als Schiedsmann, Wahlvorsteher und Förderer öffentlicher Projekte genoss er hohes Ansehen über konfessionelle und gesellschaftliche Grenzen hinweg.
Auch sein ökologisches Bewusstsein war bemerkenswert. Auf ausgebeuteten Steinbruchflächen ließ er Obstbäume pflanzen – eine Idee, die später von weiteren Unternehmen übernommen wurde.
Heute erinnert bereits das Biodiversitätszentrum in Gogolin an seinen Namen. Mit dem neuen Kreisverkehr wird Cassirer nun noch stärker im Stadtbild verankert.
Ein Bürgermeister der Wendezeit
Mit Norbert Urbaniec wird zugleich an eine Persönlichkeit erinnert, die für den demokratischen Neubeginn nach 1989 steht.
Norbert Urbaniec war der erste frei gewählte Bürgermeister Gogolins nach dem Ende des kommunistischen Systems. Während seiner Amtszeit wurden zahlreiche Infrastrukturmaßnahmen angestoßen, die bis heute die Entwicklung der Gemeinde prägen.
Für viele Einwohner bleibt sein Name eng mit den Umbrüchen der frühen 1990er-Jahre verbunden – einer Zeit, in der die kommunale Selbstverwaltung neu aufgebaut wurde und Gogolin wichtige Weichen für seine Zukunft stellte.
Arzt für mehrere Generationen
Der dritte Namensgeber ist Dr. Witold Jasiński, dessen Wirken vor allem mit dem Gesundheitswesen verbunden ist.
Mehr als fünf Jahrzehnte lang war er für die Menschen der Region tätig. Als Chefarzt des Krankenhauses in Gogolin und später der Inneren Abteilung in Krappitz behandelte er mehrere Generationen von Patienten. Viele Familien verbinden mit seinem Namen persönliche Erinnerungen an medizinische Hilfe, Fürsorge und menschliche Nähe.
Die Benennung von Straßen und Plätzen ist immer auch Ausdruck dessen, welche Geschichten eine Gemeinschaft bewahren möchte. In Gogolin fällt auf, dass die drei neuen Namensgeber unterschiedliche Kapitel der Stadtgeschichte repräsentieren: Wirtschaft und Unternehmergeist, kommunale Selbstverwaltung sowie Gesundheitsversorgung.
Damit entsteht im Industriepark ein besonderer Erinnerungsort. Dort, wo heute neue Unternehmen investieren und Arbeitsplätze entstehen, wird zugleich an Menschen erinnert, die den Weg für die Entwicklung Gogolins geebnet haben.