30 Jahre Heilige Messen in deutscher Sprache

Sankt Anna voll der Gnade

4 Juni 2019, 13:14 Kirche

Viele wollten sie, anderen waren sie ein Dorn im Auge: die Messen in deutscher Sprache. Vor 30 Jahren, am 4. Juni 1989, wurde in der Basilika auf dem Sankt Annaberg die erste heilige Messe in deutscher Sprache nach 1945 gefeiert. Ein Ereignis, das Geschichte geschrieben hat. Für die Deutschen in Polen ein Zeichen der Freiheit, der Beginn eines neuen Lebensabschnittes.

 

Ab 1945 gibt es in Polen offiziell keine Deutschen, alle wurden ausgesiedelt, so heißt es, oder haben die polnische Nationalität angenommen. Doch dem ist nicht so. Viele Menschen sehnen sich danach, die deutsche Sprache, wie einst in den Kidnertagen, auch außerhalb von zu Hause zu benutzen. Rosemarie Migas aus Annaberg war zur politischen Wende 1989 Mitte 20 und hat sich mit anderen Bewohnern aus dem Dorf für die Messen in Deutsch eingesetzt: „Schon ab 1988 sind wir vier oder fünf Mal bei Pater Teofil (dem damaligen Guardian des Franziskanerklosters auf dem st. Annaberg – Anm. d. Red.) gewesen und haben ihm davon erzählt, dass wir Schlesier die deutschen Messen einfach brauchen. Vor dem Krieg war es auch zweisprachig hier und wir wollten auch Gottesdienste in unserer Muttersprache erleben können“, erinnert sich Migas.

 

Abendbrot mit Papst Johannes Paul II.

Viele Gläubige haben immer öfter ihren Wunsch deutlich ausgedrückt. Der Weg für die deutschsprachigen Messen wurde frei, als Papst Johannes Paul II. für den 1. Januar 1989 die Friedensbotschaft verfasste. Darin forderte er mehr Wertschätzung für Minderheiten, die der Papst als Weg zum Frieden bezeichnete.

Eine wichtige Rolle spielte der Einsatz des Oppelner Bischofs Alfons Nossol. Als der Papst die Fiedensbotschaft verfasst hat, war Alfons Nossol gerade in Rom. „Johannes Paul II hat mich zum Abendbrot eingladen und ich sollte ihm offen und ehrlich die Meinung zu der Friedensbotschaft sagen. Das habe ich auch getan und sagte: Sie ist einmalig und dafür will ich Ihnen gleich einleitetnd danken. Nur, wenn Sie erlauben, bei uns, in unserer Diözese Oppeln wird es nicht so einfach sein, denn die größte Minderheit ist eben die Deutsche Midnerheit, insofern wird es nicht so ohne weiteres hingenommen, sagte ich dem Papst. Er antwortete darauf, dass ich mich ruhig auf seine Friedensbotschaft berufen soll. Wir Geistlichen sind dazu da, um den Menschen zu dienen und unser Papst hat uns nicht nur dazu ermächtigt, sondern quasi geheißen“, erinert sich Erzbischof Nossol.

Tränen flossen auf die Gebetsbücher

Dank der Bemühungen der Gläubigen und der Unterstützung des Oppelner Bischofs Alfons Nossol hat es geklappt. Von den Kanzeln der Kirchen wird die Bekanntmachung gelesen, dass am vierten Juni auf dem Sankt Annaberg eine Messe in der Sprache des Herzens gefeiert wird. Zahlreiche Gläubige begaben sich auf den Annaberg, unter ihnen Johannes Ziegler aus Raschowa bei Leschnitz: „Das hat sich so herumgesprochen, wenn wir uns getroffen haben. Wir sind gleich nach dem Mittagessen hierher gekommen, ich kam mit zwei Freunden. Ich hatte Glück, dass ich in die Kirche hineinkam, denn viele haben nicht reingepasst und standen draußen“, erinert sich Johannes Ziegler. Nach langem, 44-jährigem Verbot die deutsche Sprache in Schlesien öffentlich zu benutzen, war es für viele die erste Möglichkeit deutsch außerhalb von zu Hause zu sprechen: „Damals war das wirklich ein Ereignis, nach so vielen Jahren. Die Menschen hatten alte Gebetsbücher, und beim Singen und Beten haben sie geweint. Die Tränen flossen auf die Gebetsbücher, das kann man sich nicht vorstellen“, sagt Ziegler sichtlich gerührt.

 

Parteisäkretär

Nachdem die ersten Hieligen Messen in deutsch stattgefunden haben, musste Alfons Nossol vor dem ersten Parteisekrät Andrzej Żabiński Rede und Antwort stehen. „Er sagte mir, dass es doch später passieren könne, nicht jetzt gleich. Ich habe mich, so wie es mir Johannes Paul II. gesagt hat, auf seine Friedensbotschaft berufen, die gerade jetzt erschienen ist, und ich wolle, dass auch wir im Lande unseres Papstes uns freuen können, dass wir es hochzuschätzen wissen, wie stark uns der Heilige Vater entgegengekommen ist“, erinnert sich Erzbischof Nossol.
Angst vor den Konsequenzen hatte Rosemarie Migas damals nicht: „Ich war vielleicht zu jung, um Angst zu haben. Wenn mir jemand sagte, wir müssen aufpassen, dann war ich immer der Meinung, dass wir endlich das haben, was wir immer wollten, und wir haben unser Land nicht verlassen, wir sind deutsche Schlesier und wollen das pflegen, was auch andere in eigener Sprache pflegen können. Damals dachte ich: endlich! Ich bin, wer ich bin, warum soll ich das verstecken?“, so die Bewohnerin von Sankt Annaberg.

 

Nachlass

Für Viele war und ist der Annaberg ein besonderer Ort. Vor dem Krieg wurden hier Messen in Deutsch, Polnisch und Tschechisch gefeiert. Die Deutschen pilgerten mehrmals im Jahr zu der Heiligen Anna und beteten da in ihrer Sprache. So auch Christiane Polanski aus Gogolin, die als kleines Mädchen zu Fuß von Gogolin Richtung Annaberg gepilgert ist. Nach 1945 wurde die Deutsche Sprache und so auch das Beten in der Sprache des Herzenz verboten. Erst seit 1989 wurde es wieder möglich. Christiane Polanski erinnert sich, wie die Heilige Messe in Deutscher Sprache auch in Gogolin Einzug fand: „Zuerst haben unsere Einwohner, u.a. der Gründer der Organsiation der Deutschen Minderheit, Johann Kroll, mit den Franziskanern auf dem Snakt Annaberg gesprochen, ob die Möglichkeit bestünde, dass der Pater auch bei uns in Gogolin eine Deutsche Messe feiert. Und es hat geklappt. Das war ein großes Opfer seitens der Engagierten, denn der Pater musste schon um sieben Uhr bei uns in Gogolin die Messe halten. Später hat unser Pfarrer Sydor die Messe in Deutsch am Sonntag gefeiert“, freut sich Christiane Polanski, die sowohl die Sonntagsmesse um sieben Uhr in Gogolin als auch die Mai- und Rosenkranzandachten und Kreuzwege in Deutsch, die immer am Mittwoch gefeiert werden, gerne besucht.

Bis heute werden vielerorts deutsche Messen gefeiert. In der Basilika auf dem Sankt Annaberg wird jeden Sonntag eine Heilige Messe in deutscher Sprache um 15:30 Uhr gehalten. Das ist immer noch die Sonntagsmesse von Rosemarie Migas „Wie damals, vor 30 Jahren, so erlebe ich auch heute jeden Sonntag die Messe in Deutsch in der Basilika. Ich singe gerne deutsche Messlieder. Damals, 1989, als wir angefangen haben „Sankt Anna voll der Gnade“ zu singen, hab ich geweint, ich war so stolz.“

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