Historisches Kattowitz, Oppeln oder Breslau nachzuzeichnen, fällt vergleichsweise leicht, weitaus schwieriger ist es jedoch, einen Blick in das einstige Leben jener kleinen Ortschaften zu werfen, die abseits der schlesischen Wege liegen. Von ihnen erzählen heute vor allem schweigende Häuser, Wirtschaftsgebäude und Gegenstände – manches von schmerzhaften Ereignissen gezeichnet, anderes erstaunlich gut erhalten. Sie sind stille Zeugen einer Kultur, die gemeinsam mit den Menschen allmählich und beinahe unbemerkt in Vergessenheit gerät.
Ob mit dem Auto, der Bahn, dem Fahrrad, dem Boot oder dem Wohnmobil unterwegs – Schlesien erzählt seine Geschichte selbst. Man kann achtlos an ihr vorbeifahren oder sich auf ein unscheinbares Detail einlassen, das einem noch lange im Gedächtnis bleibt. So verhält es sich mit vielen Orten, die man seit Jahren kennt oder plötzlich aus einer völlig neuen Perspektive entdeckt. Ähnlich ist es mit der schlesischen Küche. Man kann sie ganz klassisch und traditionsbewusst betrachten. Es gibt jedoch noch einen anderen, weniger offensichtlichen Weg: Altes neu zu erschaffen und ihm einen zeitgemäßen Rahmen zu geben. Dieser Gedanke kam mir in einem kleinen Dorf, als ich bei einer Tasse Kaffee saß und der Duft von frisch gebackenem Brot in der Luft lag.
„Das ist keine gewöhnliche Bäckerei. Das ist viel mehr“, hörte ich. Und ich dachte bei mir, dass ich dem Duft von frischem Brot wohl sogar bis in die Hölle folgen würde. Das einstige Seifersdorf – heute Radecz – liegt glücklicherweise sehr viel näher.
Vom Feld bis zum fertigen Brot
Wenn sich zu Hause der Duft von frisch gebackenem Brot ausbreitet, kehrt eine wohltuende Ruhe ein. Nicht ohne Grund sagt man, dass sich nicht aus jedem Mehl ein gutes Brot backen lässt. Daran ist etwas Wahres. Doch wenn einem ein Mensch begegnet, der genau weiß, aus welchem Korn der perfekte Laib entsteht, fühlt man sich sofort angekommen. Marcin Gołda, Landwirt aus Radecz, ist ein bescheidener Mensch mit einer klaren Vision. Mit seinem Produkt begleitet er den gesamten Kreislauf der Jahreszeiten – vom ersten Korn bis zum fertigen Brot.
„Brot begleitet uns jeden Tag. Es gehört zum Alltag ebenso wie zu den Festtagen und ist bei den schönsten, aber auch bei den stillsten Momenten unseres Lebens stets präsent.“
Man sagt, wer liebt, was er tut, für den wird Arbeit zur Berufung. Auf die Frage, wann er zuletzt Urlaub gemacht habe, schweigt er einen Moment nachdenklich. Seine Managerin Ewa, die sich zu unserem Gespräch gesellt, lächelt und sagt: „Wenn ich dieses Leuchten in seinen Augen sehe, weiß ich, dass er genau am richtigen Ort ist.“ Kann man überhaupt Urlaub machen, wenn man seiner eigenen Vision folgt?
Auf der Heimfahrt dachte ich lange über das Erlebte nach. Zu Hause räumte ich Mehl, Haferflocken, Eier, zwei Sorten Heidelbeer-Kolatschen – von denen wir eindeutig zu viele gegessen hatten, aber wer zählt in solchen Momenten schon Kalorien? – und schließlich das Brot aus. Die anfängliche Begeisterung über das reichhaltige Angebot der Bäckerei wich einer einfachen Erkenntnis: Brot begleitet uns jeden Tag. Es gehört zum Alltag ebenso wie zu den Festtagen und ist bei den schönsten, aber auch bei den stillsten Momenten unseres Lebens stets präsent.
Das Angebot im Hofladen beschränkt sich übrigens keineswegs nur auf Brot und Kuchen. Es gibt außerdem eingelegtes Obst und Gemüse sowie frische Eier – alles von ausgezeichneter Qualität und mit viel Liebe zum Detail verpackt. Die Produkte stammen direkt vom landwirtschaftlichen Betrieb von Marcin Gołda, der das Potenzial dieses Ortes erkannt hat und sein Unternehmen in dem kleinen Dorf Radecz, nicht weit von Brzeg Dolny (Dyhernfurth), umgeben von Wäldern, Wiesen und Feldern, konsequent weiterentwickelt.

Direkt neben der Bäckerei lässt sich dem Trubel ganz entspannt entfliehen. Umgeben vom Duft der Nadelbäume kann man hier einen Kaffee genießen und Zeit mit Familie und Freunden verbringen.
Foto: Małgorzata Janik
Seifersdorf – ein Dorf mit Geschichte
Kaum ein Ort in Schlesien lässt sich jedoch ganz ohne einen Blick in seine Vergangenheit betrachten. Das heutige Radecz trug früher den Namen Seifersdorf und gehörte bis 1945 verwaltungsmäßig zum Kreis Wohlau. Über das Dorf selbst haben sich nur wenige unmittelbare Archivquellen erhalten. Seit dem 14. Jahrhundert befand es sich im Besitz des Klosters Leubus und wurde von den Zisterziensern verwaltet. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts übernahmen die Jesuiten den Ort, bevor er nach der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Besitz der Gutsherren von Dyhernfurth, der Adelsfamilie D’Abzac-Hoym, gelangte.
Damals zählte Seifersdorf 53 Wohnhäuser sowie ein Vorwerk und eine Mühle. Aus den 1930er Jahren sind unter anderem die Namen von vier Einwohnern überliefert: der Landwirt Bernhard Leibner, Bruno Blum – vermutlich der älteste Sohn, der den elterlichen Hof übernahm –, der Schmied Karl Hemme sowie Johann Guske, Schlosser, Fahrradhändler und Landwirt zugleich. Archivunterlagen aus dem frühen 19. Jahrhundert erwähnen außerdem eine Schäferei, gemeinschaftlich genutzte Weiden und Hirtendienste.

Die erste urkundliche Erwähnung des Dorfes Siffridi Villa (später Seifersdorf) findet sich im Jahr 1305 im Liber fundationis episcopatus Vratislaviensis, dem Gründungsbuch des Breslauer Bis-tums. Bereits drei Jahre später ging das Dorf in den Besitz des Ritters Merbot von Haugwitz über.
Quelle: Mapywig.org
Die Geschichte von Marcin Gołda und seinem Hof hingegen wird genau hier und heute geschrieben. Sie ist greifbar, lebendig und authentisch. Und vor allem: Sein Brot muss man einfach selbst probieren. Wenn Sie also einmal in dieser Gegend unterwegs sind, sollten Sie unbedingt einen Abstecher nach Radecz machen. Genießen Sie die Ruhe, die Schönheit der Natur und das außergewöhnliche Angebot dieser besonderen Bäckerei. Hier lässt sich Niederschlesien mit Muße und allen Sinnen entdecken – Bissen für Bissen.
Ein schlesisches Frühstück
Während vor mir ein kräftiges Roggenbrot mit knuspriger Kruste liegt, dessen leicht kräuteriges Aroma durch die Samen des Bockshornklees eine ganz besondere Note erhält, blättere ich in historischen Kochbüchern. Aus der erstmals 1927 erschienenen Rezeptsammlung Die kalte Küche wähle ich ein ebenso schlichtes wie ungewöhnliches Frühstück. Verfasser des Bandes ist Carl Friebel – Küchenmeister, langjähriger Redakteur der Fachzeitschrift Die Küche und ausgewiesener Kenner der professionellen Gastronomie sowie der Hotel- und Restaurantküche.
Vermutlich entstand dieses Rezept aus seinen eigenen Beobachtungen des gastronomischen Alltags und der Wünsche seiner Gäste. Zeit also für die kalte Küche – und ein Katerfrühstück: Auf ein Butterbrot legt man in Streifen geschnittene Salzgurke, bestreicht sie mit Senf und belegt das Brot gitterartig mit langen Streifen Heringsfilets. Beigabe: Zwiebelringe, Rote Bete und Kapern.

Kalte Küche bedeutet weit mehr als Salate oder Pasteten. Die Kombination aus Salzgurken, He-ring und Roter Bete vereint säuerliche, salzige und erdige Aromen zu einem wunderbar ausgewo-genen Geschmackserlebnis.
Foto: Grafik erstellt mit CANVA und KI
Ich bin überzeugt, dass dieses Frühstück nicht nur neue Kräfte verleiht, sondern auch wunderbar erfrischend ist und hervorragend zu einem Sommertag passt. Die angenehme Säure von Salzgurken und Hering bildet einen spannenden Kontrast zur dezenten Süße der Roten Bete und zur würzigen Schärfe der Zwiebeln. Eines ist dabei sicher: Den Appetit weckt diese Kombination ganz bestimmt.