Von der Pfalz nach Oberschlesien: Während viele junge Menschen für ein Erasmus-Praktikum den nächstgelegenen Flughafen wählen, entschied sich Jakob Theisinger für den Sattel seines Gravelbikes. Der 25-jährige Erzieher in Ausbildung legte mehr als 1.150 Kilometer zurück, um drei Wochen im Katholischen Kindergarten Ochronka mit Deutschunterricht in Chronstau zu verbringen. Dort lernte er nicht nur den Kindergartenalltag kennen, sondern auch die Geschichte der deutschen Minderheit, die Gastfreundschaft der Region und die Bedeutung deutsch-polnischer Begegnungen – gerade im Jubiläumsjahr des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags. Dominika Bassek sprach mit ihm über Ausdauer, Neugier und darüber, warum manchmal ein Regenbogen genügt, um die Welt mit Kinderaugen zu sehen.
Die meisten Erasmus-Teilnehmer kommen mit dem Zug oder Flugzeug. Sie dagegen sind mit dem Fahrrad nach Chronstau gefahren – mehr als 1.150 Kilometer. Warum?
Eigentlich bin ich schon immer gerne Fahrrad gefahren. Vor einiger Zeit habe ich das Thema Bikepacking für mich entdeckt und gemerkt, dass mir diese Art des Reisens unglaublich viel gibt. Ich wollte eigentlich eine Frankreich-Tour dieses Jahr machen. Als dann das Erasmus-Angebot für das Praktikum in Chronstau kam, stand ich vor der Entscheidung: Frankreich oder Polen?
„Ich bin mit vielen Fragen hierhergekommen und fahre mit vielen Antworten wieder nach Hause.“
— Jakob Theisinger
Da dachte ich mir: Warum nicht einfach beides verbinden und mit dem Fahrrad nach Polen fahren? Ich habe mir bewusst Zeit genommen, war neun bis zehn Tage unterwegs und habe unterwegs Familie in Dresden besucht. Insgesamt waren es rund 1.150 Kilometer und etwa 6.000 bis 7.000 Höhenmeter. Wenn man die Strecke als Ganzes betrachtet, wirkt sie fast einschüchternd. Deshalb denke ich immer nur in kleinen Etappen. So kommt man Schritt für Schritt ans Ziel.
Warum fiel Ihre Wahl ausgerechnet auf den Kindergarten Ochronka in Chronstau?
Vor allem aus Neugier. Ehrlich gesagt hätte ich Polen früher nie als Reiseziel in Betracht gezogen. Wenn man in Deutschland an Urlaub denkt, denkt man zuerst an Italien oder ans Meer. Polen hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm. Gerade deshalb fand ich das Angebot spannend. Wann hat man schon die Gelegenheit, ein Land wirklich kennenzulernen, mit dem man vorher kaum Berührungspunkte hatte?

Jakob Theisinger
Foto: Dominika Bassek
Sie absolvieren eine Ausbildung zum Erzieher. Wann wussten Sie, dass dieser Beruf der richtige für Sie ist?
Nach der Schule wusste ich zunächst überhaupt nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte. Deshalb habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr an einer Grundschule gemacht. Dort habe ich schnell gemerkt, wie viel Freude mir die Arbeit mit Kindern bereitet. Mich fasziniert, wie viel Entwicklung in den ersten Lebensjahren stattfindet. Kinder spielen scheinbar nur – tatsächlich lernen sie in jeder Minute. Ihnen Werte mitzugeben und sie ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten, empfinde ich als etwas sehr Sinnvolles.
Wie haben Sie die ersten Tage im Kindergarten erlebt?
Am Anfang war alles neu. Ich war zum ersten Mal allein in einer fremden Kultur. Das musste ich erst einmal verarbeiten. Aber ich wurde unglaublich herzlich aufgenommen. Barbara Bartek hat mir von Anfang an die Region gezeigt, und auch Rafał Bartek hat sich viel Zeit genommen, mir die Geschichte Oberschlesiens und der deutschen Minderheit näherzubringen. Dadurch habe ich mich sehr schnell willkommen gefühlt.
Und die Kinder?
uch das ging erstaunlich unkompliziert. Ich habe mich nicht aufgedrängt, sondern mich zunächst an ihren Alltag angepasst. Morgens begrüße ich alle gemeinsam, spiele mit ihnen, singe deutsche Lieder im Morgenkreis oder spiele mit einzelnen Kindern Dame. Nach einigen Tagen kamen die Kinder ganz selbstverständlich auf mich zu. Heute fühle ich mich als Teil der Gruppe.
Sie sprechen kaum Polnisch. Wie funktioniert die Kommunikation?
Erstaunlich gut. Natürlich helfen Gestik, Mimik und Blickkontakt enorm. Gerade dadurch habe ich gelernt, wie wichtig nonverbale Kommunikation ist. Diese Erfahrung wird mir später sicher helfen. Auch in Deutschland werden künftig viele Kinder in die Kindergärten kommen, die zunächst kein Deutsch sprechen. Jetzt kann ich viel besser nachvollziehen, wie sie sich fühlen. Das stärkt die eigene Empathie.
Gab es Unterschiede zwischen der pädagogischen Arbeit hier und in Deutschland?
Ehrlich gesagt weniger, als ich erwartet hatte. Es gibt in Deutschland ohnehin sehr unterschiedliche pädagogische Konzepte. Grundsätzlich könnte dieser Kindergarten genauso gut in Deutschland stehen. Was mir besonders positiv aufgefallen ist: Wie engagiert hier alle arbeiten. Außerdem finde ich es hervorragend, dass regelmäßig eine Physiotherapeutin mit den Kindern arbeitet und dass hier jeden Tag frisch und lecker gekocht wird.
Vor Ihrem Aufenthalt wussten Sie nur wenig über die deutsche Minderheit in Polen. Hat sich das geändert?
Absolut. Ich wusste vorher fast nichts darüber und war ehrlich überrascht, wie viele Menschen hier Deutsch sprechen. Durch Gespräche, Bücher, das Wochenblatt, Museumsbesuche und Ausflüge habe ich in kurzer Zeit unglaublich viel gelernt. Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte Schlesiens. Je tiefer man sich damit beschäftigt, desto spannender wird sie.

Jakob Theisinger im Einsatz mit dem Animationstuch: So lernen Kinder spielerisch die Farben auf Deutsch.
Foto: Dominika Bassek
Sie haben auch das Konzert zum 35-jährigen Jubiläum des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags besucht. Hat Ihr Praktikum für Sie mit diesem Jubiläum zu tun?
Definitiv. Solche Verträge leben letztlich von den Begegnungen zwischen Menschen. Ich habe hier eine große Gastfreundschaft erlebt und fühle mich ein wenig wie ein kleines Puzzleteil dieses Ganzen. Man muss nicht immer große politische Gesten machen. Es reicht manchmal schon, wenn Menschen sich begegnen, voneinander lernen und mit einem positiven Bild wieder auseinandergehen.
Welche Werte möchten Sie Kindern mitgeben?
Dass sie Freude am Leben behalten und keine Angst davor haben, Fehler zu machen. Wichtig ist nicht, alles perfekt zu können. Wichtig ist, etwas auszuprobieren und weiterzumachen, wenn etwas einmal nicht gelingt. Das gilt übrigens auch für Erwachsene.
Und was können Erwachsene von Kindern lernen?
Sich wieder über Kleinigkeiten zu freuen. Kinder können sich für Dinge begeistern, die Erwachsene oft gar nicht mehr wahrnehmen. Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin und nach einem Regenschauer einen Regenbogen sehe, möchte ich mich darüber genauso freuen wie ein Kind. Diese Fähigkeit sollte man sich bewahren.
Was nehmen Sie persönlich aus diesen drei Wochen mit?
Natürlich praktische Erfahrungen für meinen Beruf. Vor allem aber habe ich gelernt, wie wichtig Offenheit gegenüber anderen Kulturen ist. Ich bin mit vielen Fragen hierhergekommen und fahre mit vielen Antworten wieder nach Hause.
Werden Sie nach Chronstau zurückkehren?
Man weiß nie, was das Leben bringt. Wenn ich noch einmal nach Polen komme, möchte ich wahrscheinlich auch andere Regionen kennenlernen. Aber sollte ich wieder in der Nähe sein, würde ich auf jeden Fall vorbeischauen. Und wenn jemand aus meiner Ausbildung nach einem Auslandspraktikum fragt, werde ich den Kindergarten in Chronstau ganz sicher empfehlen.