Mit Benjamin Józsa, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (AGDM), sprach Andrea Polanski über 35 Jahre AGDM-Geschichte, den Umgang mit der AfD und die Zukunftsvision „Vision 2100“.
Die AGDM feiert dieses Jahr 35 Jahre. Sie sind schon länger mit der AGDM verbunden und seit einem knappen Jahr ihr Sprecher. Wie blicken Sie auf diese 35 Jahre zurück? Was hat sich da geändert?
Von diesen 35 Jahren habe ich rund 25 Jahre aktiv bei der AGDM miterlebt. Am stärksten verändert hat sich unser Standing in der deutschen Politik: Wir sind heute deutlich besser vernetzt und arbeiten professioneller, weil unsere Themen gesetzt sind und teils sogar gesucht werden. Geradlinig verlief diese Entwicklung nie, sondern in Wellen – mal ging es voran, mal ging es aufgrund politischer Entwicklungen langsamer, dann ging es wieder vorwärts.
Das Wichtigste an der AGDM ist wohl, dass sie diese 35 Jahre überlebt hat und dabei immer professioneller geworden ist, dank des gewachsenen Vertrauensverhältnisses zur deutschen Politik, das uns leichter ins Gespräch bringt, und nicht zuletzt dank unseres Büros in Berlin, wo Renata Trischler als AGDM-Koordinatorin gute Arbeit leistet. Kurz: 35 Jahre wellenförmiger Entwicklung, aber im Ergebnis immer vorwärts.
Sie haben ja schon das relativ gute Standing der deutschen Minderheit in der deutschen Politik erwähnt. Was genau meinen Sie damit?
Die Sache ist die: Ich erinnere mich, vor 35 Jahren waren wir deutschen Minderheiten für deutsche Politiker Exoten, und sie für uns nicht minder. Es war einfach mehr Distanz zur deutschen Politik. Mittlerweile ist es so, dass wir die Handynummern der Politiker haben. Wenn ein Thema ansteht, können wir uns anschreiben, ansprechen. Durch die neuen Medien hat sich die Entwicklung natürlich auch beschleunigt. Das meine ich mit Standing bei der deutschen Politik: dass unsere Themen bekannt sind, dass wir als deutsche Minderheiten bekannt sind.
„Der Zukunftswunsch ist dezidiert, dass wir in großen Bögen denken und dass es im Jahr 2100 immer noch deutsche Minderheiten in unseren Ländern gibt, dass unsere Themen immer noch da sind und dass sie idealerweise von der Politik beider Länder bearbeitet werden.“
Leider nicht überall in der deutschen Politik, das muss ich auch dazu sagen. Es gibt Felder in der deutschen Politik, wo ethnische und nationale Minderheiten aufgrund der Thematik einfach keine Rolle spielen. Es gibt auch zum Teil ein ziemliches Unwissen über die deutsche Minderheit. Deutsche Minderheiten sind ja nicht mehr so im Bewusstsein des Durchschnittsdeutschen. Es wird nicht in der Schule gelehrt, unsere Themen werden nicht transportiert. Man weiß vielleicht aufgrund der Familiengeschichte ein wenig über Vertriebene, aber das war es dann auch schon.
Denken Sie, braucht es heutzutage noch überhaupt ein größeres Bewusstsein in der deutschen Mehrheitsgesellschaft über Minderheiten?
Ja, über Minderheiten generell. Denn wenn man Zugang zu seinen ethnischen Minderheiten hat – jetzt meine ich die deutschen Minderheiten in Europa und Zentralasien –, dann sieht man ja, dass es andere Lebensformen gibt, andere Lebensweisen, die man auch schätzen kann. Zu ihren deutschen Minderheiten sollten die Deutschen einfach die Kenntnis und den Zugang haben, um zu wissen, dass in vielen Ländern Europas und Zentralasiens immer noch Deutsch gesprochen wird, dass immer noch deutsche Sitten gepflegt werden, dass immer – auch außerhalb des deutschsprachigen Raums – noch deutsche Bücher erscheinen und dass man nicht ahnungslos in eines unserer Länder fährt, sei es nun Polen, Kroatien, Tschechien, Rumänien oder Kasachstan, und dann erstaunt ist, dass es Leute gibt, die Deutsch sprechen, und die erste Frage lautet: „Woher sprechen Sie so gut Deutsch, haben Sie das im Fernsehen gelernt?“
Vielleicht auch zur aktuellen Politik: Die AfD wird ja immer stärker in Deutschland, was wir bei den letzten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gesehen haben. Sie will ja auch Kontakt zur deutschen Minderheit aufbauen und sie unterstützen, was wir im AfD-Grundsatzprogramm lesen. Wie geht man als AGDM damit um? Und wie können auch die deutschen Minderheiten in ihren Ländern damit umgehen, wenn die AfD auf sie zukommt?
Zunächst einmal: Der Rechtsruck ist in ganz Europa zu spüren, da immer dann, wenn die Zeiten unübersichtlich werden, viele Leute einfache Lösungen zu suchen scheinen. Was die AfD speziell angeht: Bislang war sie kein Thema in der AGDM, da sie nie das Gespräch mit uns gesucht hat, was ich persönlich alles andere als bedauere. Wenn wir deutschen Minderheiten eines aus der Geschichte gelernt haben, ist das, dass es nie wieder Krieg, nie wieder Vertreibung, nie wieder ethnische Säuberungen und Massenmord geben darf. Jenseits aller schön klingenden Grundsatzprogramme vertritt die AfD ein Menschenbild nach außen, welches nicht mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu vereinbaren ist. Und als jemand, der in der kommunistischen Diktatur Rumäniens groß geworden ist, weiß ich nur zu gut um den Stellenwert von Freiheit und Demokratie – und wie schnell diese beiden Vergangenheit werden können.
Und mit den aktuellen politischen Entwicklungen: Wie möchten Sie, dass es weitergeht für die deutsche Minderheit? Was wären Ihre Zukunftswünsche?

Der FUEN-Kongress 2026 versammelte rund 200 Vertreterinnen und Vertreter autochthoner nationaler Minderheiten und Sprachgemeinschaften aus ganz Europa.
Foto: Andrea Polanski
Einen dieser Zukunftswünsche haben wir in der AGDM-Sitzung beim 70. FUEN-Kongress in Helsinki Ende September formuliert: Wir haben den Thinktank „Vision 2100“ gegründet. Der Zukunftswunsch ist dezidiert, dass wir in großen Bögen denken und dass es im Jahr 2100, das wir aller Voraussicht nach alle nicht mehr miterleben werden, immer noch deutsche Minderheiten in unseren Ländern gibt, dass unsere Themen immer noch da sind und dass sie idealerweise von der Politik beider Länder bearbeitet werden. Denn für mich als Rumäniendeutscher ist es nicht minder wichtig, dass sich Rumänien meiner Belange als deutsche Minderheit annimmt, genauso wie sich Deutschland meiner Belange als deutsche Minderheit annimmt. Es braucht immer beide Partner. Es kann nicht sein, dass es heißt: „Die gehören nicht zu uns“ von der einen wie von der anderen Seite. Wir gehören genauso in unser Herkunftsland, wie wir mit unseren Themen auch in unser Mutterland gehören, aus dem wir einst ausgewandert sind.
Wie genau soll der Thinktank arbeiten?
Es ist folgendermaßen angedacht: Wir haben den Thinktank als Organismus gegründet. Wir werden demnächst unsere Mitglieder anschreiben und bitten, uns jeweils einen Vertreter in diesen Thinktank zu entsenden. Genauso werden wir Leute aus Politik, Wissenschaft, aber auch Medien ansprechen, denn wir wollen nicht nur eine Nabelschau betreiben, sondern mit der Mehrheitsgesellschaft in Verbindung kommen. Im Wesentlichen ist angedacht, ein- bis zweimal pro Jahr eine Online-Sitzung abzuhalten, persönliche Gespräche natürlich nicht ausgeschlossen. Am Ende dieses Jahreszyklus soll ein Arbeitspapier stehen, in dem wir uns mit gesellschaftlich relevanten Themen, aber auch mit Minderheitenthemen auseinandersetzen. Zunächst wollen wir uns über die Richtung verständigen, in die wir gehen wollen, und einige Themen festlegen, die wir dann verfolgen, auch konkret. Es nützt nichts, wenn wir ein schönes Arbeitspapier schreiben, in dem alles wunderbar klingt, aber nachher geschieht nichts. Der zweite Schritt wird dann sein, aus diesen Papieren Handlungsempfehlungen herauszudestillieren und uns danach zu richten.
Was für Themen können das sein?
Eines der Themen ist natürlich die deutsche Sprache, die in manchen unserer deutschen Minderheiten zurückgeht. Die Frage, wie man noch deutsch sein kann, wenn man die deutsche Sprache nicht spricht: Dazu hat Magdalena Lemańczyk aus Polen ein gutes Arbeitspapier verfasst, das Thema unserer nächsten AGDM-Jahrestagung sein wird. Es wird natürlich auch unsere Zusammenarbeit mit der deutschen Parteienlandschaft aufs Tapet kommen, gerade auch mit der AfD. Wir werden vielleicht über Vereinnahmungstendenzen sprechen müssen, oder Abwehrtendenzen, oder was es da alles gibt. Wir wissen alle: Wir möchten zum Wohle unseres Mutterlandes und unseres Vaterlandes wirken, uns aber nicht vor irgendeinen politischen Karren spannen lassen – sei er nun ganz rechts oder auch links.