Spuren der Befreiungskriege in Schlesien

Die Plagwitzer Windmühle: Zeugin der Befreiungskriege

6 Oktober 2026, 17:00 Geschichte

Die Napoleonischen Kriege hinterließen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch in Schlesien tiefe Spuren. Die Region wurde zum Schauplatz von Kämpfen, Truppendurchmärschen und schweren Belastungen für die Bevölkerung. Eine besondere Rolle spielte dabei die Bockwindmühle in Plagwitz am Bober, von der aus General Gebhard Leberecht Blücher die Bewegungen der Truppen beobachtete. Während die Mühle die Kämpfe überstand, nahm ihre Geschichte fast hundert Jahre später ein tragisches Ende.

„Wehe dem Fürsten, der aus Ehrgeiz einen Krieg anfängt! Wehe dem Volk, das ihm zu dienen hat!“ (Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht Blücher, 1815)

Napoleon I. war nicht der Einzige, der ganz Europa unterwerfen wollte und dabei unterging – dies zu unbeschreiblichen Lasten der Bevölkerung vieler Länder. Ab 1806 breitete sich wieder ein verheerender Krieg aus, von Napoleon ausgelöst. Selbst die Besetzung Moskaus im Herbst 1812 erschien zunächst unaufhaltsam, doch der Monarch gab angesichts der unterschätzten Winterkälte und der riesigen Hungersnot bald auf, um Wochen später in Preußen und somit in Schlesien einzufallen. Der Russlandfeldzug hatte Napoleons Grande Armée sowieso schon auf die Hälfte reduziert; nun stieß er wiederum auf einen entschlossenen Gegner unter General Blüchers Oberbefehl über die Vereinte Schlesisch-Russische Armee. Der bereits suspendierte Blücher erfüllte ganz und gar die Erwartungen des Zaren Alexander I. und des Königs Friedrich Wilhelm III. Am 18. August 1813 trat diesem Bündnis Österreichs Kaiser Franz I. bei, dessen Soldaten sich im Erzgebirge mit den unterlegenen Franzosen schlugen und sie besiegten.

Schlesien unter französischer Besatzung

Die berühmte Entschlossenheit und Opferbereitschaft der Schlesier erwuchsen daraus, dass sie – bildlich gesprochen – von den französischen Truppen zweimal zur Ader gelassen wurden: bei deren Aufmarsch und beim erkämpften Rückzug! Schlesische Städte wie Löwenberg, Greiffenberg, Lähn, Friedeberg und Liebenthal haben Buch geführt, was die gehassten Besatzer von ihnen herausgepresst hatten, etwa Lebensmittel, Tierfutter, Handwerkerleistungen, Leder, Stoffe, Bindfaden, Schnaps und Bier … Nicht alle Schlachten auf schlesischem Boden gewann Blüchers Vereinigtes Heer, jedoch die alles entscheidenden an der Katzbach bei Liegnitz und am Bober bei Löwenberg und Bunzlau. Am 1. September 1813 wurden die letzten Franzosen über den Queis, seinerzeit die westliche Grenze Schlesiens mit der Mark Lausitz, getrieben.

Gebhard Leberecht Fürst Blücher von Wahlstatt.
Quelle: Wikipedia

Zum vorabendlichen Dankgottesdienst in Löwenberg hatte der Pfarrer das Bibelwort „Te Deum/Der Sieg kommt vom Herrn“ gepredigt; gemeinsam wurde das Luther-Lied „Nun danket alle Gott …“ angestimmt, denn Schlesien war nun wieder frei. Doch endgültig besiegt wurde Napoleon erst in der Schlacht bei Ligny/Belgien am 15. Juni 1815, wo Blücher beinahe sein Leben verloren hätte, wenn sein Adjutant, Oberst Graf von Nostitz aus Zobten am Bober, nicht wachsam gewesen wäre.

Die Bockwindmühle von Plagwitz als Zeitzeugin

Der schlesische Freiheitskrieg gegen Napoleon besteht – wie anders könnte es sein – aus unzählbaren Einzelheiten, die nur zum Teil Einzug in die historische Literatur hielten. Jedoch nicht übersehen wurde die legendäre Bockwindmühle in Plagwitz über dem Bober bei Löwenberg, die sogar vielfach nachgewiesen ist. Was hatte es auf sich?

Im Jahr 1756 errichtete ein Gutsherr auf der Plagwitzer Anhöhe eine Bockwindmühle. Der Bau einer Windmühle wie hier war keine schlesische Besonderheit – sie wurden auf annähernd fünfhundert geschätzt – und konnte allein damit keine historische Bedeutung erlangen. Diese trat erst Ende August 1813 mit den unerbittlichen Befreiungskriegen der von Blücher geführten Preußisch-Russischen Armee gegen das Heer Napoleons ein.

Die Bockwindmühle von Plagwitz wurde zu einem historischen Denkmal, das die Wirren der Befreiungskriege überstanden hatte.

Wir haben bereits betont, dass es am 29. August 1813 im Umfeld des Plagwitzer Windmühlenberges zur letzten, zur schwersten Schlacht gegen die Große Armee kam, in deren Folge Schlesien endgültig von den kaiserlich-französischen Truppen befreit wurde. General Blücher hielt sich mehrfach an besagter Plagwitzer Windmühle auf, um die Truppenbewegungen im Blick zu behalten und exakte militärische Befehle erteilen zu können.

Dies sind tiefgreifende Ereignisse gewesen, die sich innerhalb weniger Tage und Nächte vollzogen haben – „unsere“ historische Bockwindmühle von Plagwitz mittendrin, trotz der heftigen Gefechte mit wenigen Einschüssen im Dach davongekommen und bald als Denkmal geltend.

Der dramatische Untergang der Windmühle

Haben wir somit zu dieser Getreidemühle alles gesagt? Nein, bei weitem nicht, denn ihr Schicksal und das des arbeitsamen Besitzers Wilhelm Knappe zweiundneunzig Jahre nach Blüchers Orientierungspunkt ist unbeschreiblich, dramatisch, teuflisch:

In der Nacht des 10. Juni 1905 brannte plötzlich auf dem Plagwitzer Windmühlenberg ein Wirtschaftsgebäude lichterloh, dessen Flammen rasch auf die Bockwindmühle überschlugen, so dass diese rettungslos niederbrannte. Morgens fand man den verkohlten Leichnam des wohlhabenden Mühlenbesitzers Knappe, neben sich einen Revolver, den er immer bei sich hatte, denn er war nachts allein in seiner Müllerstube, Feise genannt.

Der Tod des Müllermeisters ergriff ganz Schlesien und Preußen; es wurden Vermutungen zu Täter(n) und Motiven geäußert. Wie eine Nachbarin dem ermittelnden Kommissar berichtete, habe ihr Walter Knappe erzählt, dass in zurückliegender Nacht (9. Juni 1905) ein erfolgloser Einbruch über das Mühlendach verübt worden sei. In der Folgenacht hatte man dann das Mühlenfenster eingeschlagen. Knappe wurde im Bett erstickt, um ihn skrupellos ausrauben zu können.

Diese grausame Tat war wenige Wochen nach Arbeitsbeginn des neuen Müllergesellen August Sternickel und seiner Komplizen-Brüder Lorenz und Walter Pietsch verübt worden. Erst acht Jahre nach der Ermordung des Wilhelm Knappe konnten die Täter überführt werden. Am 30. Juli 1913 wurde Sternickel hingerichtet.

Die Windmühle lebt als Modell weiter

Weil es heutzutage vor Ort keine Hinweise auf die einstige historische Windmühle am Bober bei Löwenberg in Schlesien gibt, hat Modellbauer Rainer Dierchen, Heidenau, zu unserer großen Freude viel Geschick und reichlich Ausdauer in die detailgetreue Nachbildung des Windmühlenberges im Verhältnis 1/87 gelegt.

Modell-Diorama zur Plagwitzer Windmühle, gebaut von Rainer Dierchen.
Quelle: W. Guder

Entstanden sind nach unzähligen Arbeitsstunden drei gleichartige Schaustücke – eines hat er unserem polnischen Freund Robert und eines mir geschenkt.

Somit erinnern wir uns der Plagwitzer Windmühle, ihrer militärischen Bedeutung und ihres schicksalhaften Untergangs.

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