Bergmann erinnert an die Geschichte der Danziger Elektrischen Straßenbahn

Eine Danziger Straßenbahn von 1927 fährt durch Warschau

13 September 2026, 17:00 Geschichte

Seit Kurzem ist auf den Warschauer Straßenbahngleisen ein ungewöhnlicher Gast aus Danzig unterwegs. Der historische Triebwagen Tw245 „Bergmann“ aus dem Jahr 1927 kam im Rahmen eines Austauschs historischer Fahrzeuge zwischen polnischen Städten in die Hauptstadt. Er ist die älteste erhaltene elektrische Straßenbahn aus Danzig und zugleich der einzige erhaltene Wagen dieses Typs. In Warschau bleibt er bis Ende des Jahres.

Seine Anwesenheit ist jedoch mehr als eine Attraktion für Straßenbahnfreunde. Der Bergmann ist ein fahrender Zeuge der Geschichte der Danziger Straßenbahn, deren Anfänge bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, als die Stadt noch Danzig hieß.

Von der Pferdebahn zur elektrischen Straßenbahn

Die Geschichte des modernen Straßenbahnverkehrs in Danzig begann noch vor dem Auftauchen der Bergmann-Wagen. Die ersten Pferdebahnen nahmen 1873 ihren Betrieb auf. Der entscheidende Wandel kam 1896 mit der Einführung des elektrischen Betriebs.

Am 12. August 1896 fuhren die ersten elektrischen Straßenbahnen im regulären Verkehr. Zunächst wurden unter anderem Verbindungen zwischen Danzig und den Vororten Ohra und Emaus eingerichtet. Noch im selben Jahr wurden auch die innerstädtischen Linien elektrifiziert. Das Netz wuchs in den folgenden Jahren schnell, und die Straßenbahn entwickelte sich zu einem der wichtigsten Verkehrsmittel der Stadt.

„Der Bergmann ist heute nicht nur eine historische Straßenbahn, sondern auch ein materieller Zeuge der Geschichte des Vorkriegs-Danzig und seines öffentlichen Verkehrs.“

Für einen Teil des Ausbaus war die Allgemeine Lokal- und Straßenbahngesellschaft verantwortlich. 1899 entstand mit der Danziger Elektrischen Straßenbahn AG ein Konkurrenzunternehmen. 1903 wurden beide Gesellschaften zusammengeführt. Der Name Danziger Elektrische Straßenbahn AG wurde damit zu einem wichtigen Bestandteil der Geschichte des Danziger Straßenbahnwesens.

Das Netz wächst

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreichte das Danziger Straßenbahnnetz immer mehr Stadtteile und umliegende Orte. 1901 fuhren die Straßenbahnen bis nach Oliva, weitere Strecken folgten in den darauffolgenden Jahren. Der Ausbau entsprach dem wachsenden Verkehrsbedarf der Bevölkerung und der zunehmenden Ausdehnung der Stadt.

Die Straßenbahnen mussten dabei nicht nur gewöhnliche Straßen befahren. Eine besondere technische Herausforderung stellten die zahlreichen Dreh- und Klappbrücken dar. Die Oberleitung musste so konstruiert werden, dass der elektrische Betrieb auch an Stellen möglich war, an denen Brücken für den Schiffsverkehr geöffnet wurden. Bereits in den ersten Jahren des elektrischen Straßenbahnbetriebs mussten dafür besondere technische Lösungen entwickelt werden.

Die ersten Pferdebahnen nahmen 1873 ihren Betrieb in Danzig auf.
Foto: Gemini generiert, basierend auf einem historischen Foto

1914 wurde die Nummerierung der Straßenbahnlinien eingeführt. Vor dem Ersten Weltkrieg war aus den ersten elektrischen Verbindungen bereits ein weit verzweigtes Verkehrssystem geworden, das sowohl die Innenstadt von Danzig als auch weiter entfernte Stadtteile und Vororte erschloss.

Der Krieg führte zu Einschränkungen im Straßenbahnbetrieb. Kohlemangel, Schwierigkeiten bei der Instandhaltung der Gleise und Fahrzeuge sowie die angespannte wirtschaftliche Lage belasteten das gesamte System. Nach dem Krieg wurde der Betrieb schrittweise wieder ausgeweitet, doch die wirtschaftlichen Probleme blieben bestehen.

Die Bergmann-Wagen fahren nach Heubude

In dieser Zeit entstand einer der charakteristischsten Typen der Danziger Straßenbahn.

1927 wurde eine neue zweigleisige Strecke nach Heubude, dem heutigen Stadtteil Stogi, eröffnet. Für ihren Betrieb wurden 24 Triebwagen bestellt. Gebaut wurden sie von der Danziger Waggonfabrik. Die Wagen erhielten die Nummern 245 bis 268. Die Baureihe wurde als Tw245 bezeichnet. Das Kürzel „Tw“ steht für Triebwagen.

Relief am Straßenbahndepot in Langfuhr. Foto: Wikipedia

Die Wagen wurden bald eng mit der Verbindung nach Heubude verbunden und erhielten die Bezeichnung „Bergmann“. Die zweiachsigen Triebwagen prägten über Jahre das Bild der Danziger Straßenbahn und gehörten zum Alltag des Verkehrs in der Stadt.

Die neue Strecke nach Heubude wurde am 1. Juli 1927 eröffnet. Zeitgenössische Veröffentlichungen zeigen, dass ihre Inbetriebnahme für die Bewohner Heubudes und der Stadt von Bedeutung war. Die neue Verbindung erleichterte insbesondere die Fahrt in den beliebten, an der Ostsee gelegenen Stadtteil.

Die Straßenbahnen überstehen den Krieg

Die Bergmann-Wagen waren ausschließlich für das Danziger Straßenbahnnetz gebaut worden. Ihre Geschichte sollte jedoch wesentlich länger dauern als ursprünglich erwartet. Die Wagen überstanden den Zweiten Weltkrieg und blieben anschließend weiterhin im Linienbetrieb.

In den folgenden Jahrzehnten wurden sie mehrfach modernisiert. Unter anderem erhielten die älteren Wagen Bauteile und Ausrüstung aus neueren Straßenbahnen. Dadurch veränderte sich ihr Erscheinungsbild im Laufe der Zeit deutlich gegenüber dem ursprünglichen Zustand von 1927.

Die letzten Bergmann-Wagen wurden 1973 aus dem regulären Linienbetrieb genommen. Einer von ihnen, der Wagen 266, bekam jedoch ein zweites Leben. Nach seinem Ausscheiden aus dem Linienverkehr wurde er noch eine Zeit lang als Arbeits- und Dienstfahrzeug eingesetzt. Später entschied man sich, ihn als Zeugnis der Geschichte des Danziger Straßenbahnwesens zu erhalten.

Ende der 1980er-Jahre wurde der Wagen restauriert und erhielt wieder ein Aussehen, das sich am historischen Original orientierte. Seitdem gehörte er zum Bestand der historischen Fahrzeuge der Gdańskie Autobusy i Tramwaje.

Eine Rückkehr ins Jahr 1927

Die bislang umfangreichste Restaurierung erfolgte 2024 und 2025. Ziel war es, den Wagen möglichst genau in den Zustand zurückzuversetzen, den er bei seiner Auslieferung im Jahr 1927 hatte.

Überarbeitet wurden unter anderem der Wagenkasten, der Antrieb, die elektrische Anlage und die hölzernen Teile des Innenraums. Auch zahlreiche Details wie Beschriftungen, Lampen, Bedienelemente und weitere Ausstattungsstücke wurden rekonstruiert oder restauriert. Damit erinnert der historische Triebwagen wieder deutlich stärker an den Wagen, der vor fast hundert Jahren die Danziger Waggonfabrik verließ.

Dieser restaurierte Wagen mit der Nummer 266 kam im August 2026 nach Warschau.

Der Innenraum des Bergmanns wurde nach dem historischen Original von 1927 originalgetreu rekonstruiert.
Foto: Öffentlicher Verkehr Warschau

Von Danzig nach Warschau

Der Besuch des Bergmanns ist Teil eines Austauschs historischer Straßenbahnfahrzeuge zwischen polnischen Städten. Der Danziger Triebwagen ist bereits der vierte historische Straßenbahngast, der im Rahmen einer solchen Zusammenarbeit auf den Gleisen der Hauptstadt unterwegs ist. In Warschau bleibt er bis Ende 2026.

Der Bergmann ist dabei nicht nur ein Ausstellungsstück. Er kann während ausgewählter historischer Fahrten ganz normal als Fahrgast genutzt werden. Eine Möglichkeit bietet die Linie T der Warszawskie Linie Turystyczne, auf der der historische Wagen zum Einsatz kommt.

Der Besuch des Bergmanns ist Teil des Austauschs historischer Straßenbahnfahrzeuge zwischen polnischen Städten.
Foto: Lucas Netter

Für Fahrgäste ergibt sich damit die seltene Gelegenheit, mit einer fast hundert Jahre alten Straßenbahn durch Warschau zu fahren. Vor der Fahrt lohnt sich allerdings ein Blick in den aktuellen Fahrplan der Linie T und auf die Informationen zu den jeweiligen Einsätzen des Bergmanns, denn nicht jeder Kurs wird mit diesem historischen Wagen gefahren.

Ein kleines Stück Danziger Geschichte

Der Bergmann gehört heute zu den wenigen erhaltenen materiellen Zeugnissen der Geschichte der Danziger Elektrischen Straßenbahn. In seinem hölzernen Innenraum, seiner Konstruktion und den historischen Beschriftungen ist ein Stück jener Epoche bewahrt, in der die Straßenbahn zu den wichtigsten Bestandteilen der städtischen Infrastruktur von Danzig gehörte.

Die Geschichte des Danziger Straßenbahnverkehrs endete jedoch nicht mit dem Krieg. Nach 1945 wurde das Straßenbahnnetz wiederaufgebaut und in den folgenden Jahrzehnten entsprechend der Entwicklung der Stadt mehrfach verändert und modernisiert. Heute umfasst es rund 60 Kilometer Strecken und gehört zu den wichtigsten Bestandteilen des öffentlichen Verkehrs in Gdańsk.

Der Bergmann erinnert an ein früheres Kapitel dieser Geschichte: an die Zeit der Danziger Elektrischen Straßenbahn, an das Vorkriegs-Danzig und an die Straßenbahnen, die vor fast hundert Jahren Fahrgäste in Richtung Heubude beförderten.

Nun fährt einer von ihnen durch Warschau.

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