Am 29. August gedachten Vertreter von Organisationen der deutschen Minderheit aus ganz Polen in Potulitz der Opfer zweier Lager: des nach dem Krieg eingerichteten Arbeitslagers und des deutschen Umsiedlungs- und Zwangsarbeitslagers. Die Kranzniederlegung und das gemeinsame Gebet an vier Gedenkorten sind Symbole der Versöhnung, denn auf Potulitzer Boden starben nicht nur polnische, sondern auch deutsche Opfer.
Zwei Geschichten desselben Ortes
In den Jahren 1941–1945 bestand auf dem Gelände des ehemaligen Gutes der Familie Potulicki in Potulitz das NS-Lager Potulitz/Lebrechtsdorf, das in den Jahren 1941–1942 als Außenlager des Konzentrationslagers Stutthof diente. Mehr als 25.000 Menschen durchliefen das Lager, und nach den erhaltenen Dokumenten verloren mindestens 1.291 von ihnen ihr Leben. In den Jahren 1945–1950 wurde dasselbe Lager zu einem Ort des Martyriums von Gefangenen, die das stalinistische Regime dort internierte.

Massengrab auf dem Gelände der Sandgrube in Potulitz. Foto: Anna Durecka.
Dort starben etwa 3.500 Deutsche, die später in einem Massengrab auf dem Gelände einer Sandgrube außerhalb des Ortes beigesetzt wurden.
Gemeinsames Gebet für die Gräber auf Potulitzer Boden
Pfarrer Maciej Szmytowski von der Pfarrgemeinde Mariä Verkündigung in Potulitz steht jedes Jahr den Gedenkfeierlichkeiten in Potulitz vor und leitet das Gebet. Auch diesmal erinnerte er unter dem Kreuz auf der Potulitzer Kiesgrube erneut an die Bedeutung des Friedens. „Nie sind Gebete zu viel, um diesen ersehnten Frieden zu erbitten. Niemand sehnt sich wohl mehr nach diesem Frieden als gerade die einfachen Menschen, die normal leben, normal arbeiten, aber auch normal – vielleicht ist es schwierig, das so zu sagen – sterben wollen. Und nicht durch Kugeln oder Bomben sterben“, betonte Pfarrer Szmytowski und fügte hinzu: „Möge dieses Gebet, dieser Moment der Besinnung und der Stille uns helfen, in Gedanken und vielleicht bei manchen auch in Erinnerungen all jene zu erfassen, deren Gräber sich hier auf unserem Potulitzer Boden befinden.“

Von links im Vordergrund: Pfarrer Maciej Szmytowski, Ryszard Roguz, Piotr Dukat, Joanna Hassa. Foto: Michał Florek
Seit vielen Jahren kümmern sich Vertreter der deutschen Minderheit in Polen gemeinsam mit polnischen Institutionen um das Gedenken an die Opfer der Lager in Potulitz. Auch am 29. August war dies der Fall: An vier Gedenkorten in Potulitz wurden Kränze und Blumen niedergelegt, Kerzen angezündet und gemeinsam gebetet.
– Im Lager in Potulitz starben auch Menschen aus dem Norden des Landes, aus den ehemaligen ostpreußischen Gebieten. Im Verlauf der Kriegswirren kamen sie durch die Umgebung dieser Orte oder wurden deportiert. Auch das ist ein Teil der Geschichte unserer Region – sagt Piotr Dukat, Vorsitzender der Allensteiner Gesellschaft Deutscher Minderheit und Vorstandsmitglied des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG). An den Gedenkfeierlichkeiten nahmen Vertreter der deutschen Minderheit aus Allenstein, Bromberg, Stolp und Schivelbein teil. An der Delegation nahm auch Martin Lippa, Vorsitzender der SKGD in der Woiwodschaft Schlesien, teil. Der VdG wurde auch von der Direktorin des VdG-Büros Joanna Hassa und dem VdG-Koordinator für Organisationen der deutschen Minderheit Ryszard Roguz, vertreten.
Gedenken an die Opfer beider Seiten
Hervorzuheben ist, dass die Delegation nicht nur am Ort der Beisetzung der Opfer des stalinistischen Lagers Blumen niederlegte, sondern auch am Denkmal „Ofiarom Faszyzmu“ auf dem Friedhof in Potulitz sowie am Tor des ehemaligen NS-Lagers Lebrechtsdorf. Wie Piotr Dukat betont, ist dies ein wichtiger Bestandteil der Sorge um das Gedenken an die Opfer beider Seiten.

Denkmal „Ofiarom Faszyzmu“ in Potulitz. Foto: Michał Florek
– Die Organisationen der Deutschen Minderheit bauen Brücken zwischen den beiden Nationen, Polen und Deutschland, und bemühen sich, diese schwierige Vergangenheit auf irgendeine Weise zu erklären – betont der Vorsitzende der Allensteiner Deutschen und Vorstandsmitglied des VdG.
Einer der Vertreter der örtlichen Gemeinschaft bei den Gedenkfeierlichkeiten für die Opfer der Lager in Potulitz war Tomasz Pasieka, Direktor des Museums der Krajna-Region in Nakel an der Netze. Das Museum befasst sich unter anderem mit der Erinnerung an die Geschichte der drei Lager in Potulitz und weist dabei auch auf das während des Kriegsrechts in Polen bestehende Internierungslager für Oppositionelle hin.
– Wenn wir im Museum über die Geschichte von Potulitz erzählen, erinnern wir immer an diese drei sehr tragischen Perioden in der Geschichte dieses Ortes – sagt der Museumsdirektor.
Potulitz wartet auf historische Forschungen
Wie Tomasz Pasieka jedoch betont, gibt es noch weitere Maßnahmen, die ergriffen werden könnten, um das Bewusstsein für die Geschichte dieses Ortes zu stärken.

Tomasz Pasieka, Direktor des Museums der Krajna-Region in Nakel an der Netze (links). Foto: Michał Florek
– Es fehlt sicherlich an wissenschaftlichen Arbeiten zur Geschichte dieser Lager. Einer der Mitarbeiter des Museums des Krajna-Landes beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Erforschung der Geschichte des Lagers aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Auch die Geschichte des Zentralen Arbeitslagers Potulitz wartet noch auf eine fundierte wissenschaftliche Aufarbeitung. Wir werden sehen, wann sich ein Wissenschaftler dieses Themas annimmt, denn zweifellos ist dies eine große Forschungsherausforderung – fasst Tomasz Pasieka zusammen.
„Lasst uns die polnischen und deutschen Gedenkfeiern zusammenlegen“
Für die kommenden Jahre planen die Vertreter der deutschen Minderheit unter anderem gemeinsame Gedenkfeierlichkeiten, die für die Erinnerung an Potulitz von Bedeutung wären. Aufgrund des Charakters der Gedenkfeier der deutschen Minderheit, zu deren Tradition die Niederlegung von Blumen an polnischen Denkmälern gehört, wäre die Zusammenlegung der Gedenkfeiern ein wichtiger Schritt hin zu einer gemeinsamen „Erinnerungspolitik“.
„Seit vielen Jahren kümmern sich Vertreter der deutschen Minderheit in Polen gemeinsam mit polnischen Institutionen um das Gedenken an die Opfer der Lager in Potulitz. Auch am 29. August war dies der Fall: An vier Gedenkorten in Potulitz wurden Kränze und Blumen niedergelegt, Kerzen angezündet und gemeinsam gebetet.“
– Eine gute Lösung könnte beispielsweise darin bestehen, gemeinsame Gedenkfeiern zu veranstalten, damit sie nicht getrennt stattfinden. Wie heute gesagt wurde, findet eine Gedenkfeier im April statt, unsere hingegen in der letzten Augustwoche. Man könnte sie zu einer einzigen Veranstaltung verbinden, die die Idee des Brückenbaus zwischen beiden Nationen sichtbar machen und unterstreichen würde – überzeugt Piotr Dukat.

Treffen im Saal des Schul- und Vorschulkomplexes „Dzieci Potulic“ in Potulitz. Von links: dr Katarzyna Grysińska-Jarmuła, Joanna Hassa. Foto: Michał Florek
Die Feierlichkeiten endeten mit einem Treffen im Saal des Schul- und Vorschulkomplexes „Dzieci Potulic“ in Potulitz. Dort hielt Dr. Katarzyna Grysińska-Jarmuła von der Historischen Fakultät der Kazimierz-Wielki-Universität in Bromberg einen Vortrag über „Polen und Deutsche in Bromberg in der Zwischenkriegszeit“.