Echte schlesische Happen

Kräuter, Ernte und der Geschmack des alten Schlesiens

15 August 2026, 05:00 Geschichte , Kolumne

Mariä Himmelfahrt markierte in Schlesien seit jeher einen besonderen Zeitpunkt im Jahreslauf. Der Sommer näherte sich langsam seiner Reife, die Felder brachten die ersten Erträge hervor, und die Wiesen – wenn auch nicht mehr so üppig wie einige Wochen zuvor – boten noch immer eine Fülle von Blumen und Kräutern, die zunächst in die Kirche und später in die bäuerlichen Häuser und Höfe gelangen sollten.

Im Jahr 1936 fiel der 15. August auf einen Samstag, und so wurde am folgenden Tag, am Sonntag, dem 16. August, in Schwammelwitz (Trzeboszowice) – die Kräuterweihe begangen. Wie dieser Brauch einst aussah, erfahren wir aus der Semesterarbeit von Walter Weinert, Sitte und Brauchtum des Dorfes Schwammelwitz. Seine Beschreibung ist gewissermaßen eine kleine Momentaufnahme des dörflichen Lebens – nur eben in Worten festgehalten: Die Bäuerin ging auf die Wiese und wählte aus den blühenden Pflanzen jene aus, die seit Generationen ihren festen Platz im geweihten Kräuterbund hatten. Dazu gehörten Brunelle, Schafgarbe, Liebstück, Eibisch, Pfefferminze, Rosskopf, Spitzwegerich, Raute, Marienblätter, Rittersporn, Bibernelle, Schardistel, Rosmarie, Quendel und andere. Es war also keineswegs ein beliebiger Strauß, den man auf dem Weg zur Kirche gepflückt hatte, sondern vielmehr ein kleines, in der örtlichen Pflanzenkenntnis verwurzeltes Herbarium.

Wiesenkräuter, Erntekuchen mit Honig, kühle Milch und an Landstraßen reifendes Obst. Ein Stück Geschichte, ein Hauch von Nostalgie und ein Geschmack, der keine Worte braucht.
Foto: Małgorzata Janik

Nach der Weihe wurden die Pflanzen Teil des bäuerlichen Alltags. Man ließ sie trocknen und bewahrte sie für später auf. Wenn eine Kuh gekalbt hatte, nahm die Bäuerin einen Teil des getrockneten Weihgebundes, überbrühte ihn mit heißem Wasser und gab den Aufguss anschließend zum gewohnten Futter. Diese Mischung wurde dem Tier nach dem Kalben gereicht, um es vor Krankheiten zu bewahren. In Weinerts Schilderung begegnet uns noch ein weiterer Augustbrauch. Wenn die Ernte begonnen hatte und der erste mit Getreide beladene Wagen vom Feld zurückkehrte, tauchte der Bauer einen Ährenwedel in Weihwasser. Bevor er mit dem Wagen in die Scheune fuhr, besprengte er damit die Pferde, den Getreidewagen und die Tenne. Auch das Getreide erhielt also, bevor es unter das schützende Dach gelangte, seinen Segen.

Ein schönes Bild des weit verbreiteten oberschlesischen Brauches liefert eine Aufnahme aus dem Jahr 1933. Ma sieht drei Frauen, die üppige Bündel von Blumen und Kräutern zur Kirche tragen und einen Text: „Des Sommers letzte Blühen… Blumen- und Kräuterweihe in Oberschlesien“. Die Aufnahme entstand in Keltsch im Kreis Groß-Strehlitz, dem heutigen Kielcza. In der kurzen Bildnotiz erfahren wir, dass die geweihten Kräuter zum Trocknen aufbewahrt und anschließend – ganz ähnlich wie in Schwammelwitz – der Kuh zum ersten Futter nach dem Kalben beigemischt wurden. Auch zum Ausräuchern des Stalles gegen Viehkrankheiten fanden sie Verwendung.

”In der arbeitsreichen Erntezeit schmeckt das Frühstück doppelt so gut”, nach: Oberschlesien im Bild 1935. Kolorierte Aufnahme.
Foto: Röhrig-Bloden
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek

Darüber hinaus glaubte man, dass geweihte Blumen und Kräuter die Bewohner des Hauses vor Unglück schützen und Feuer, Blitz und andere Gefahren fernhalten würden. So wurde das, was draußen auf der Wiese wuchs, durch die Weihe zu weit mehr als einer Sammlung von Pflanzen. Es wurde Teil eines bäuerlichen Systems aus Glauben, Schutz, Heilwissen und Erinnerung – und blieb damit nicht nur in der Kirche, sondern kehrte mit den Menschen zurück in ihre Häuser, Ställe und auf die Felder.

Eine andere Symbolik lag zudem im Erntekuchen. Weinert berichtet von einer Frau, die sich besonders gut mit den Heilkräften der Pflanzen auskannte und über viele Jahre hinweg für die Bäuerinnen die Kräuterweihe zusammenstellte. Zum Dank erhielt sie von ihnen eben einen solchen Kuchen, der eigens zur besonderen Zeit der Ernte gebacken wurde.

Der August in Schlesien duftete einst nach Kräutern und frischem Getreide. Eine Postkarte aus dem Jahr 1915. Kolorierte Aufnahme
Quelle: Kujavisch-Pommersche Digitale Bibliothek

Und hier wird die Geschichte des Brauchtums nun deutlich kulinarischer. Denn was wäre der August ohne etwas zu essen? Und erst recht ohne eine „Herrenpartie“, einen Ausflug unter Männern? In alten Zeitungen findet sich noch ein weiteres Bild, das auf wunderbare Weise zeigt, dass Tradition durchaus auch Sinn für Humor haben konnte. Unter der Überschrift Vater macht eine Herrenpartie! sehen wir einen mit Männern besetzten Wagen, der zu einem gemeinsamen Ausflug aufbricht. Die Ehefrau ist von der Idee zwar nicht gerade begeistert – und in dieser Hinsicht hat sich vermutlich nicht allzu viel verändert, oder? –, doch der Ehemann überzeugt sie davon, dass auch die Männer sich einmal im Jahr ein wenig vergnügen müssen. In ihrem Gespräch geht es natürlich auch um die wichtigste Frage einer solchen Unternehmung: Was nimmt man zu essen mit? Ist eine Wurst ausreichend oder sollte es doch etwas Deftigeres sein? Und vor allem: Wie viel Proviant braucht man überhaupt?

Kolorierte Aufnahme aus Schwammelwitz (heute Trzeboszowice), 1936.
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek

Die Ehefrau erinnert ihren Mann daran, dass eine solche „Herrenpartie“ durchaus etwas aktiver, ja geradezu sportlich ausfallen könne. Vielleicht wäre es daher besser, etwas mitzunehmen, das man an einen Stock hängen könne und das man am Abend – wenn man hungrig zurückkehre – ohne große Umstände verspeisen könne. Das ist natürlich eine humorvolle Darstellung, doch sie vermittelt sehr schön einen Aspekt des damaligen Lebens: Fest, Arbeit, Essen und gemeinsames Beisammensein bildeten einen einzigen Kalender des dörflichen Brauchtums. Die Frauen kümmerten sich um Kräuter und Blumen, stellten den geweihte Kräuterbund zusammen, arbeiteten auf dem Hof und backten Kuchen. Die Männer verabredeten sich zur „Herrenpartie“. Doch alle verbanden die Ernte und das Bewusstsein, dass der Sommer nicht ewig dauern würde.

Kolorierte Aufnahme aus Schwammelwitz (heute Trzeboszowice), 1936.
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek

Um diese besondere Zeit im August auch kulinarisch hervorzuheben, habe ich ein Rezept aus dem Jahr 1922 gewählt, das einem besonders interessanten Kochbuch von Antonie Steimann entstammt.

Marienkolatschen

Zutaten: 20 g Hefe, 125 g aufgelassene Butter, 2 Dotter, 1 ganzes Ei, beliebige Fülle, 250 g Mehl, 100 ml Milch, etwas feingeriebene Zitronenschale, 50 g Zucker. Backzeit: 3/4 Stunden.

Mit Zucker, Milch und etwas Mehl setzt man das Hefenstück an, läßt es gehen und verarbeitet es mit den übrigen Zutaten zu einem Teig, den man auch noch gehen läßt. Dann rollt man den Teig strohhalmdick aus, schneidet kleine viereckige Fleckchen und füllt sie mit feiner Marmelade, Quarkfülle oder zugerichtetem Pflaumenmus (Powidl), setzt sie auf ein Blech, läßt sie nochmals etwas aufgehen und bäckt sie im mäßig heißem Ofen.

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