Jubiläum: Proskauer Dichterin Ingeborg Odelga feiert 90. Geburtstag

Ausgebucht bis Abend

26 Juli 2016, 10:00 Menschen

Wäre Ingeborg Odelgas Leben bereits ein fertiges Buch, dann wäre es ein langer und spannender Roman. Es hätte einige traurige Kapitel, aber auch Passagen, die mit Glück und Erfolg gefüllt wären. Und es würde eine Frau vorstellen, die immer sich selbst treu geblieben ist, die bescheiden, aber zielsicher ihr Leben lebt und mit viel Mut immer wieder was Neues wagt.

Ich treffe Ingeborg Odelga in ihrer Heimatstadt Proskau. Hier wurde sie vor 90 Jahren geboren und obwohl es sie im Leben an verschiedene Orte verschlagen hat, hat sie hier letztendlich ihr Zuhause gefunden. In dem Haus, in dem sie zur Welt kam. Es ist ein geräumiges altes Haus am Proskauer Markt, grüne Oase mitten in der Stadt. Den kleinen Garten drumherum liebt die Dichterin ganz besonders. Vor allem den über 100 Jahre alten Birnbaum, den noch ihre Mutter gepflanzt hat. Der Baum hat auch schon einen Blitzeinschlag überstanden. Doch gute Birnen gibt es weiterhin.

Mutig und zielsicher

So widerstandsfähig ist auch Ingeborg Odelga. Ihr Leben war kein leichtes gewesen. Die Mutter verstarb früh, der Vater ist wegen der Arbeit nach Berlin gezogen. Im Alter von 13 Jahren ist Ingeborg nachgezogen. In Berlin hat sie eine Krankenschwesterausbildung abgeschlossen. Dann brach der Krieg aus. „Nach Proskau kam ich 1945 zurück, noch in meiner Krankenschwesteruniform ging ich mich zum Arbeitsdienst anmelden“, erinnert sich die Dichterin. Am 15. November 1950 beginnt sie im Proskauer Krankenhaus ihre Arbeit erst nur als Stationshilfe. Obwohl sie kaum Polnisch spricht, schließt sie eine Krankenschwesterfortbildung ab und besteht anschließend ein polnisches Staatsexamen. Sie holt ihr Abitur nach und arbeitet dann 30 Jahre als Krankenschwester. Sie ist gerade 55 Jahre alt, als sie pensioniert wird. 10 weitere Jahre leitet sie dann noch den örtlichen Roten Kreuz. 13 Dörfer, sie allein auf dem Fahrrad, ob Sonne, ob Schnee. Wieder wird sie arbeitslos. Doch erneut öffnet sich ein Türchen. „Bekannte aus der Schweiz haben mir eine Arbeit als Altenpflegerin besorgt“, sagt Ingeborg Odelga. 1990 fährt dort für drei Jahre hin. „Das war die schönste Zeit, obwohl ich nicht viel verdient habe. Aber ein Stück Europa habe ich gesehen: Italien, Monaco, Davos“, schwärmt heute noch Ingeborg. Dann kehrt sie wieder nach Proskau zurück.

Vielbeschäftigt und kreativ

Ingeborg Odelga in ihrem Garten
Foto: Anna Durecka

„Und da höre ich im Radio, dass jemand auf Deutsch „Die erste Polka“ von Bienek liest. Da dachte ich: das ist doch bisschen langweilig. Ich hab mein Eichendorff-Gedichtsband eingepackt und bin nach Oppeln gefahren“, erinnert sich die Dichterin. Der Redakteur der Sendung „Nasz Heimat“ Andrzej Rusak ist begeistert. Nun soll Ingeborg Odelga im Radio die Gedichte vorlesen – das hätte sie nicht erwartet. „Ganz aufgeregt war ich, bei den Aufnahmen habe ich gezittert“, erinnert sich die Dichterin. Doch wieder ist sie mutig, nimmt die neue Herausforderung an. Weitere 20 Jahre mit Ingeborg im Radio vergehen. Irgendwann gehen ihr die Gedichte aus, da fängt sie ihre eigenen vorzulesen. Die schreibt sie seit einigen Jahren, wie ihr Vater auch. „Das lag wohl irgendwie in der Familie, mein Großvater hat auch Poesie geschrieben, obwohl er ein einfacher Waldarbeiter war“, so Ingeborg Odelga.

Edel und fromm

Heute kann die Dichterin tun und lassen, was sie will. Trotzdem hat sie immer wenig Zeit.

„Für mich ist der Tag immer zu kurz oder ich nehme mir zu viel vor, das kann auch sein. Jedenfalls bin ich oft ausgebucht bis abends“, sagt Ingeborg Odelga.

Aber vielleicht ist das gerade auch das Geheimnis ihrer Langlebigkeit. „Man sollte immer ein Ziel im Leben haben, in Bewegung bleiben, außerdem standfest sein und genügsam. Bescheiden leben“, sagt Ingeborg Odelga. Die Dichterin erinnert sich immer wieder gerne an das Gedicht, dass für sie ihr Vater geschrieben hat, nachdem ihre Mutter verstorben ist. Mitten in ihrer Küche liest ihn die Dichterin für mich vor: „Wenn Dich des Lebensstürme/ Umbrausen rauh und wild,/ Steh fest wie stille Türme!/ Vor Augen hab der Mutter Bild/ Kraft im Kampf soll es Dir geben,/ Mut und Sieg Dir in Gefahr. /Formen soll es Dir Dein Leben/ Edel, fromm wie Mutter‘s war. „Lebenlang habe ich mich an diese Worte gehalten. Das Gedicht meines Vaters war immer ein Wegweiser für mich gewesen. Ist es bis heute“, sagt Ingeborg Odelga.

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