Anlässlich des 35. Jahrestages der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags über gute Nachbarschaft waren Ende Juni in Oppeln die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Andrea Lindholz, der Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-polnische zwischengesellschaftliche und grenznahe Zusammenarbeit, Bundestagsabgeordneter Knut Abraham, und der polnische Sejmmarschall Włodzimierz Czarzasty zu Gast. Hauptthemen der Gespräche der Politiker waren die Bilanz des 35-jährigen Bestehens des Vertrags sowie Fragen der Sicherheit angesichts der Bedrohung durch Russland und die Rechte nationaler Minderheiten.
Bemerkenswert ist, dass Andrea Lindholz und Włodzimierz Czarzasty nach ihrem Treffen im Goldenen Saal des Woiwodschaftsamtes in Oppeln in einer gemeinsamen Erklärung die Bedeutung des neuen Militärabkommens zwischen Polen und Deutschland betonten. Die Vizepräsidentin des Bundestages würdigte zudem die Rolle der Woiwodschaft Oppeln als „Brücke“ zwischen beiden Nationen und hob die enorme Bedeutung der deutschen Minderheit in Polen für den Aufbau gutnachbarschaftlicher Beziehungen hervor.

Die Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz und der Sejmmarschall der Republik Polen, Włodzimierz Czarzasty, gaben eine gemeinsame Erklärung ab.
Foto: K. Świerc
Deutschland – Partner und Freund
„Ich freue mich sehr, hier zu sein und Erfahrungen austauschen zu können. Von Beruf bin ich Juristin, und Juristen schreiben Verträge. Das Wichtigste ist jedoch, diese Verträge mit Leben zu füllen. Den Menschen, die in den letzten 35 Jahren den Vertrag mit Leben gefüllt haben, möchten wir unseren Dank aussprechen“, sagte Andrea Lindholz und wandte sich erneut an die deutsche Minderheit und fügte hinzu: „Wir schätzen das enorme Engagement der deutschen Minderheit in Polen sehr. Man kann ihre Mitglieder als Botschafter der Beziehungen zwischen unseren Ländern bezeichnen.“
„Wir schätzen das enorme Engagement der deutschen Minderheit in Polen sehr.
Man kann ihre Mitglieder als Botschafter der Beziehungen zwischen unseren Ländern bezeichnen.“
— Andrea Lindholz
Włodzimierz Czarzasty wiederum sagte zur Vizepräsidentin des Bundestages: „Ich danke Ihnen für Ihre Anreise und für die Freundschaft. Deutschland ist ein sehr guter Partner und Freund Polens in der Europäischen Union. Diese Freundschaft muss gepflegt werden. Wir haben sehr gute wirtschaftliche Beziehungen, wir sind Nachbarn, wir haben eine gemeinsame Geschichte. In den vergangenen Jahren gab es unterschiedliche Phasen, aber wir müssen an die Zukunft denken. Auch im Hinblick auf unsere gemeinsame Sicherheit. Wir dürfen nicht vergessen, dass es einen Staat wie Russland gibt, der nicht nur die Ukraine, sondern auch Polen und Deutschland bedrohen kann.“
Die Vergangenheit im Blick, aber auch die Zukunft

VdG-Vorsitzender Rafał Bartek im Gespräch mit der Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz.
Foto: VdG
Andrea Lindholz und Włodzimierz Czarzasty sprachen auch sehr freundschaftlich über die Vergangenheit und darüber, diese nicht zu vergessen. Die Vizepräsidentin des deutschen Parlaments betonte jedoch, dass es heute noch wichtiger sei, an die Zukunft zu denken: „Wir schätzen den Beitrag, den Polen für die Sicherheit Europas und für die Sicherheit Deutschlands geleistet hat. Wir schätzen auch die dynamische Entwicklung der polnischen Wirtschaft und danken dafür sehr“, sagte Andrea Lindholz und kündigte für dieses Jahr (im Oktober) die Wiederaufnahme der Beratungen des Deutsch-Polnischen Runden Tisches an, da es, wie sie sagte, sensible Punkte der Geschichte gebe, über die man sprechen und gemeinsame Lösungen finden müsse: „Der Versöhnungsprozess ist wichtig angesichts unserer schwierigen Vergangenheit, aber auch angesichts der Zukunft. Wir wollen unsere Beziehungen stärken“, so Andrea Lindholz.
Włodzimierz Czarzasty seinerseits teilte mit, dass er mit der Vizepräsidentin des Bundestages auch über das Denkmal für die polnischen Kriegs- und Besatzungsopfer in Berlin sowie über den Abschluss des Wiedergutmachungsprozesses für die noch in Polen lebenden Opfer des Zweiten Weltkriegs gesprochen habe. Er betonte jedoch: „Wir haben darüber in freundschaftlicher und offener Weise gesprochen.“
Den Vertrag mit Leben füllen
Der Sejmmarschall informierte zudem, dass er mit der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages über das am 17. Juni unterzeichnete Abkommen über die Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland im Verteidigungsbereich und das für Oktober geplante Treffen der Parlamentspräsidenten Frankreichs, Deutschlands und Polens diskutiert habe. Włodzimierz Czarzasty erwähnte auch das für Mai 2027 geplante Treffen, zu dem er alle Parlamentschefs der EU sowie Großbritanniens und der Ukraine eingeladen habe: „Wir sprachen auch über die deutsche Minderheit in Polen und die polnische Minderheit in Deutschland. Unabhängig von den jeweiligen Stimmungen – diese Stimmungen, die verantwortungsvoll aufgebaut werden müssen, müssen auf eine enge Zusammenarbeit zwischen dem polnischen und dem deutschen Volk abzielen“, resümierte Włodzimierz Czarzasty.
Hinzugefügt sei, dass Andrea Lindholz nach dem Treffen mit dem Marschall des polnischen Parlaments mit Vertretern der deutschen Minderheit sprach, die Ausstellung im Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen, die Oppelner Kathedrale und den Ring besichtigte und ihren Aufenthalt in Oppeln mit einem Konzert im Jan-Kochanowski-Theater anlässlich des 35. Jahrestages der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags über gute Nachbarschaft abschloss. Gast des Konzerts im Jan-Kochanowski-Theater in Oppeln war auch der Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-polnische zwischengesellschaftliche und grenznahe Zusammenarbeit, Bundestagsabgeordneter Knut Abraham.
Knut Abraham voller Begeisterung über 35 Jahre
Knut Abraham war auch Gast im Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen in Oppeln, wo er an einer Diskussion unter dem Motto „Dialog, Erinnerung und gute Nachbarschaft“ teilnahm, bei der ebenfalls Bernard Gaida, Beauftragter des VdG-Vorstands für internationale Zusammenarbeit, zugegen war. 35 Jahre nach der Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit waren für beide Herren ein ausgezeichneter Anlass, um über die deutsche Minderheit, Erinnerung, den deutsch-polnischen Dialog und darüber zu sprechen, wie sich die deutsch-polnischen Beziehungen in den letzten Jahrzehnten verändert haben.

Knut Abraham war zu Gast im Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen und nahm an der Diskussion unter dem Titel „Dialog, Erinnerung und gute Nachbarschaft“ teil. Rechts Bernard Gaida, Beauftragter des Vorstands des VdG für internationale Zusammenarbeit, sowie (links) der Gesprächsleiter und Direktor des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit, Lucjan Dzumla.
Foto: K. Świerc
Knut Abraham sprach voller Begeisterung über die vergangenen 35 Jahre, betonte die Schlüsselrolle der deutschen Minderheit beim Aufbau von Beziehungen und der Versöhnung und stellte fest, dass Polen in dieser Zeit auf der internationalen Bühne eine unabhängige Position gewonnen habe.
Bernard Gaida resümierte: „Es war nicht nur ein internationaler Vertrag. Es war ein Vertrag, der das Leben vieler Menschen veränderte. Er veränderte ihre Einstellungen, ihre Möglichkeiten. Er holte sie aus einer gewissen Abgeschiedenheit heraus. Ich denke dabei hauptsächlich an die deutsche Minderheit, aber man muss bedenken, dass er eine breitere Bedeutung hatte. Der Vertrag spricht zum Beispiel auch von den Ambitionen Polens, in die europäischen Strukturen aufgenommen zu werden, also von der gesamten polnischen Gesellschaft, und das macht das Revolutionäre dieses Vertrags aus.“