Vergessenes Erbe

Weimarer Moderne an der Oder

17 Mai 2026, 17:00 Geschichte

So kontrovers der Abriss des Piastenschlosses war, so sehr bemühten sich die verantwortlichen Behörden, einen architektonisch wertvollen Ersatz zu schaffen. Nach über 90 Jahren dient das neue Regierungsgebäude weiterhin seinem Zweck und ist das politische Entscheidungszentrum des Oppelner Oberschlesiens.

Abriss und archäologische Untersuchungen

Der Abriss des Piastenschlosses mag kontrovers gewesen sein, war aber für die damaligen Archäologen und Historiker eine einzigartige Chance für Ausgrabungen. Vom Abbruch verschont blieb einzig der mittelalterliche Bergfried. Parallel dazu verlief ein Architekturwettbewerb für den Entwurf des neuen Regierungsgebäudes. Die eingereichten Entwürfe sollten u. a. das neue Regierungsgebäude ansprechend in den Schlosspark, das umgebende Stadtbild und den Piastenturm einbinden. Wert wurde auch auf den Wohnbereich des Regierungspräsidenten, die Repräsentationsräume und die Funktionalität des Gebäudes gelegt.

Die Jury, in der u. a. der oberschlesische Regierungspräsident Hans Lukaschek saß, wählte den Schneidemühler Stadtarchitekten Friedrich Lehmann (in einigen Quellen Konrad Lehmann). Sein Entwurf war geprägt von den Ideen des Bauhauses und der architektonischen Moderne. Er bestach durch eine schlichte, klare Bauform, große horizontale Verglasungen und Stahlbetonelemente. Die Fassade sollte mit keramischen Fliesen verkleidet werden. Inspiriert von Le Corbusiers Konzept der Pilotis (einer offenen Betonpfahlkonstruktion) sah Lehmanns Entwurf auch einen Durchgang von der Straße zum Schlosspark im Mittelteil des Regierungsgebäudes vor.

Ein architektonischer Sprung in die Moderne

Für den Bau des Regierungsgebäudes zog Lehmann nach Oppeln, wo der Bau im August 1930 begann. Innerhalb von vier Jahren entstand ein imposanter Bau, der sich deutlich von der bisherigen Architektur Oppelns absetzte. Mit einer Höhe von sieben Stockwerken, einer Länge von 112 Metern und einer Breite von 14 Metern gehörte er damals zu den größten Gebäuden der Stadt.

„Nach über 90 Jahren dient das neue Regierungsgebäude weiterhin seinem Zweck und ist das politische Entscheidungszentrum des Oppelner Oberschlesiens.”

Zur Ausstattung im Inneren gehörten die luxuriöse Dienstwohnung des Regierungspräsidenten, ein Weinkeller mit Platz für Hunderte Flaschen sowie zahlreiche aufwändige Details wie z. B. Treppenhäuser aus grauem Marmor. Technisch war der neue Verwaltungssitz Oberschlesiens ebenfalls auf dem neuesten Stand und mit modernen Außenjalousien, Kohlekesseln für die Heizung und einer effektiven Beleuchtung ausgestattet. Den größten Eindruck machen bis heute die funktionierenden Paternoster-Aufzüge im Hauptfoyer. Sie wurden 1932 von der Berliner Firma Carl Flohr A.-G. hergestellt und konnten gleichzeitig 24 Personen befördern. Der originale Mechanismus des Aufzugs ist ebenfalls erhalten, aber für Außenstehende kaum zugänglich.

Unter neuer Verwaltung

Die Eroberung der zur Festung erklärten Stadt im Januar 1945 durch die Rote Armee überstand das Regierungsgebäude, anders als der Marktplatz, relativ unbeschadet. Nach der Übergabe der Verwaltung an die polnischen Behörden fand zunächst der Nationalrat der Woiwodschaft und später die Woiwodschaftsverwaltung hier ihren Sitz.

Zu den wichtigsten Umgestaltungen im direkten Umfeld des Regierungsgebäudes zählen der Umbau des Piastenturms 1957 sowie der Bau eines Amphitheaters 1963.

Die politische Wende von 1989 hatte nicht nur politische, sondern auch architektonische Folgen. 1991 wurde das Regierungsgebäude unter Denkmalschutz gestellt, und 1997 wurden verglaste Aufzüge von außen angebaut, um die Barrierefreiheit zu erhöhen.

Nach 1989 gewann auch der Woiwodschaftstag an politischer Bedeutung. Für ihn wurde ein moderner Zweckbau hinter dem Woiwodschaftsamt errichtet. So konnten die neuen Räume für die Abgeordneten dezent und denkmalgerecht eingerichtet werden. Neben Sitzungen des Regionalparlaments, in dem die Vertreter der deutschen Minderheit eine politisch wichtige Rolle spielen, finden hier auch Konferenzen statt.

Historisches Interieur und heutige Nutzung

Das Innere des Regierungsgebäudes ist bis heute mit vielen Details gut erhalten. Zu erwähnen sind u. a. die original erhaltenen modernistischen Kronleuchter im Goldenen Saal, wo die wichtigsten nationalen und internationalen Gäste empfangen werden.

Dank Renovierungsarbeiten wurde zudem eine dekorative Version des Staatswappens der Weimarer Republik freigelegt. Dieses befindet sich auf fünf Meter breiten, vierteiligen Türen und wurde in Intarsientechnik aus farbigen Holzfurnieren gefertigt. Von alten Farbschichten befreit, dekoriert es das Büro des Leiters der Woiwodschaftlichen Denkmalschutzbehörde.

Gelegentlich gibt es die Möglichkeit, an Führungen durch das Woiwodschaftsamt teilzunehmen, was besonders Freunden der modernistischen Architektur zu empfehlen ist. Wem dagegen das alte Piastenschloss mehr gefällt, der kann sich eine digitale Version im Internet anschauen. Wie so oft im Leben gilt auch hier das alte Sprichwort: Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters.

Martin Wycisk

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