Die Delegierten des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) haben während der Jahresversammlung, die im Oberschlesischen Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrum in Lubowitz stattgefunden hat, drei Resolutionen verabschiedet. Diese setzen die Leitplanken für die künftige Arbeit in den Bereichen Sprachpolitik, institutionelle Zusammenarbeit und den Schutz des Kulturerbes. Doch was bedeuten diese Dokumente für die Menschen vor Ort? Vertreter der Minderheit nehmen Stellung zu den Herausforderungen und Zielen.
1. 35 Jahre Deutsch-Polnischer Vertrag: Sichtbarkeit und Dialog einfordern
Die erste Resolution befasst sich kritisch mit den Auswirkungen des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags auf die heutige Lage der Minderheit. Das Dokument fordert eine Stärkung institutioneller Mechanismen, die eine echte Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichen – insbesondere angesichts der derzeit begrenzten Präsenz von Minderheitenvertretern im Parlament. Es betont die Notwendigkeit stabiler rechtlicher Lösungen für Bildungs- und Kultureinrichtungen sowie den Ausbau politischer Dialogkanäle.
Rafał Bartek, Vorsitzender des VdG, erinnert an die Weitsicht der damaligen Politik, mahnt aber auch Versäumnisse an: „Es ist wichtig, daran zu erinnern, was in diesem Vertrag steht: gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Ein Teil dessen ist die deutsche Minderheit. Wir haben die Hoffnung, dass der deutsch-polnische ‚Runde Tisch‘ endlich wieder tagt, denn es gibt Punkte, die bis heute nicht richtig funktionieren.“

Rafał Bartek, Vorsitzender des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, fordert in der Resolution zum deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag eine Stärkung des politischen Dialogs.
Foto: M. Golomb
Für Weronika Koston (SKGD Oppeln / DFK Colonnowska) ist vor allem die gesellschaftliche Wahrnehmung entscheidend: „Wir sind in der Mehrheitsgesellschaft oft nicht sichtbar. Das ist ein strukturelles Problem. Die Geschichte der deutschen Minderheit muss objektiv in die Lehrpläne einfließen.“

Weronika Koston (SKGD Oppeln) betont die Bedeutung der Sichtbarkeit der deutschen Minderheit im Bildungssystem.
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Sie plädiert für eine Dezentralisierung der Bildung: „Die Woiwodschaften sollten selbst entscheiden können, wie regionale Identität und Heimatkunde unterrichtet werden.“
Die ganze Resolution zum 35. Jahrestag des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrags lesen Sie hier: https://vdg.pl/rezolucja-dotyczaca-35-rocznicy-podpisania-traktatu-o-dobrym-sasiedztwie-i-przyjaznej-wspolpracy/
2. Eine neue Sprachstrategie: Vom Wohnzimmer bis zur Institution
In der Resolution zur Sprachstrategie rückt die Qualität und Koordination des Deutschunterrichts in das Zentrum. Das Dokument fordert systemische Lösungen für die Lehrkräfteausbildung, eine stabile Finanzierung von Sprachprogrammen und eine bessere Verzahnung von Bildungsprojekten für alle Altersgruppen. Ein Kernvorschlag ist die Schaffung einer spezialisierten Einrichtung für die Entwicklung und Analyse der Sprachbildung, um eine langfristige Planung zu sichern.
Zuzanna Donath-Kasiura, Vizemarschallin der Woiwodschaft Oppeln, betont die emotionale und historische Tiefe dieses Themas: „Jahrelang durften wir kein Deutsch sprechen, wir wurden oft als Feinde gesehen. Auch wenn die wirtschaftliche Zusammenarbeit heute top ist, haben die letzten zehn Jahre tiefe Spuren hinterlassen. Viele Menschen hatten wieder Angst, Deutsch zu sprechen.“

Zuzanna Donath-Kasiura, Vizemarschallin der Woiwodschaft Oppeln, spricht sich für eine stärkere Präsenz der deutschen Sprache im Alltag und in den Familien aus.
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Sie sieht die Lösung in einer Doppelstrategie: „Wir brauchen eine institutionelle Koordinationsstelle, aber die Sprache muss auch in den Familien lebendig werden. Wenn wir zu Hause Deutsch, Schlesisch und Polnisch sprechen, geben wir unseren Kindern Schlüsselkompetenzen für Europa mit.“
Auch Rafał Bartek hebt hervor, dass der VdG zum ersten Mal in seiner Geschichte eine so umfassende Sprachstrategie ins Leben gerufen hat: „Wir wissen, was wir wollen, aber wir brauchen die Unterstützung beider Staaten – Polens und Deutschlands –, um effizient arbeiten zu können.“
Die ganze Resolution zum Thema Sprachstrategie finden Sie hier: https://vdg.pl/rezolucja-w-sprawie-nowej-strategii-jezykowej/
3. Kulturerbe erhalten: Die Rettung der Eichendorff-Ruine in Lubowitz
Die dritte Resolution widmet sich der dringenden Sicherung und Revitalisierung der Eichendorff-Schlossruine in Lubowitz. Das Dokument hebt die überregionale Bedeutung der Anlage als Kulturgut hervor und fordert sofortige Konservierungsmaßnahmen für die Ruine sowie den umliegenden Park. Ziel ist es, diesen historischen Ort zu einem Zentrum für interkulturellen Dialog und zur Verbreitung von Eichendorffs Werk auszubauen.
Rafał Bartek erinnert eindringlich an die historischen Wurzeln dieses Projekts: „Wenn man sich den Briefwechsel zwischen Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki aus dem Jahr 1989 anschaut, steht dort explizit drin, dass diese Schlossruine erhalten und mit Leben gefüllt werden soll. Das war von Anfang an Teil der gemeinsamen Vision.“
Doch die Realität sieht 35 Jahre später ernüchternd aus. Bartek macht deutlich, dass die Last des Erhalts bisher fast ausschließlich auf den Schultern der deutschen Minderheit liegt: „Wir beschäftigen uns intensiv damit, aber manchmal haben wir das Gefühl, damit alleine gelassen zu werden. Die Schlossruine ist in einem sehr schlechten Zustand. Sie ist ein Symbol, ein Teil unserer Identität und unserer Geschichte. Es wäre ein herber Verlust für das kulturelle Erbe beider Länder, wenn dieses Denkmal endgültig verschwinden würde.“

Martin Lippa, Vorsitzender des Verbandes der Schlesischen Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaften sowie Vorsitzender des Oberschlesischen Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrums in Lubowitz, betont die Bedeutung der dauerhaften Sicherung der Eichendorff-Ruine für Lubowitz.
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Martin Lippa, Vorsitzender des DFK Schlesien und Vorsitzender des Oberschlesischen Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrums in Lubowitz, ergänzt die technischen Notwendigkeiten: „Das Schloss brannte 1945. Ende der 80er Jahre wussten die meisten Menschen hier gar nicht mehr, dass dort überhaupt etwas steht, weil alles völlig verwachsen war.“
Ein kompletter Wiederaufbau ist derzeit unrealistisch, weshalb der Fokus nun auf einer „dauerhaften Sicherung“ liegt. Denn: „Ohne diese Ruine verliert der Ort Lubowitz sein Herzstück“, sagt Martin Lippa besorgt.
Der vollständige Wortlaut der Resolution zur Erhaltung der Schlossruine in Lubowitz ist hier: https://vdg.pl/rezolucja-w-sprawie-ochrony-ruin-palacu-eichendorffow-w-lubowicach-oraz-zachowania-dziedzictwa-literackiego-josepha-von-eichendorffa/
Manuela Leibig