In der Volksrepublik Polen wurde privater Erfolg schnell zum Verdachtsmoment. Richard Stanik aus Walzen musste erleben, wie Talent zum Problem werden konnte. Jahrzehnte später frisierten dieselben Hände Diplomaten, Künstler und Adel – dann bereits in Bonn.
Auf den ersten Blick wirkt Richard Stanik nicht wie ein Mann, der ein halbes Jahrhundert europäischer Geschichte in sich trägt. Groß gewachsen, helles Haar, fester Händedruck. Neben ihm auf dem Tisch: eine Beethoven-Büste aus Oberglogau, alte Fotografien, vergilbte Zeitungsausschnitte. Und natürlich – eine Schere.
Er legt sie beinahe unbewusst neben die Kaffeetasse. Metall auf Holz. Ein kurzes Geräusch. Für einen Moment wird es still. Denn eigentlich dreht sich in seinem Leben alles um diesen Klang.
Ein Friseursalon ohne Luxus – aber mit Warteschlangen
Als Richard Stanik Ende der 1960er Jahre in Walzen seinen ersten Salon eröffnete, hatte das mit westlichem Glamour wenig zu tun. Zwei Spiegel, einfache Stühle, Wasser auf dem Kocher erhitzt. Kein Abfluss. Das Wasser lief nach dem Haarewaschen direkt auf die Straße. „Das war Armut – aber ehrliche Armut“, sagt er heute.
Doch selbst unter diesen Bedingungen sprach sich sein Talent schnell herum. Die Menschen standen bis auf den Gehweg hinaus Schlange. Schon damals experimentierte Stanik mit Techniken, die ihrer Zeit voraus waren. Bier statt Haarspray etwa – weil es Locken besser hielt als alles, was später in Spraydosen verkauft wurde. „Es hielt wie Beton“, erinnert er sich lachend.

Foto: Dominika Bassek
Schlesische Herkunft – deutsche Sprache
Geboren wurde Richard Stanik 1945 in Oberglogau (Głogówek). Seine Identität beschreibt er bis heute ohne Zögern so: „Wir waren schlesische Deutsche, deutsche Schlesier. Zuhause sprach man Deutsch und Schlesisch.“
Im offiziellen Polen hieß er oft „Ryszard“. In Bonn wurde aus ihm später „Monsieur Richard“. Doch selbst nach Jahrzehnten in Deutschland sagt er über sich vor allem eines: „Ich war immer Schlesier.“
Erfolg als Risiko
Mit dem Meistertitel eröffnete Stanik Ende der 1960er Jahre seinen eigenen Betrieb. Schnell kamen Kunden aus der ganzen Region. Nach wenigen Monaten kaufte er seinen ersten Wagen, später einen Wartburg – damals fast schon ein Statussymbol.
Doch privater Erfolg hatte im sozialistischen Polen seinen Preis. Kontrollen, Steuerprüfungen, bürokratischer Druck – der Staat begegnete erfolgreichen Handwerkern mit Misstrauen. Über diese Jahre spricht er bis heute nur vorsichtig. Manche Erinnerungen scheinen selbst nach Jahrzehnten nicht wirklich vergangen zu sein.
Seine Cousine Monika Gałus erinnert sich noch gut an die Atmosphäre jener Zeit: „Viele Handwerker hielten den Druck nicht aus. Wer die Möglichkeit hatte, ging fort. Die Menschen hatten Angst – um sich und ihre Familien.“

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Flucht in der Nacht
Als die Situation unerträglich wurde, entschied sich Stanik zur Ausreise. Legal versuchte er es zunächst vergeblich. Schließlich fand er einen anderen Weg.
Die Geschichte von Richard Stanik ist mehr als die Biografie eines erfolgreichen Friseurs. Sie erzählt auch von einer Generation schlesischer Handwerker, die ihre Heimat nicht deshalb verließen, weil sie scheiterten – sondern weil sie erfolgreich waren.
Mit einer Schere in der Tasche und 5,50 D-Mark – Trinkgeld einer Kundin – kam er in Köln an. „Dank Gott“, dachte er damals. Westdeutschland bedeutete keinen sicheren Erfolg, sondern einen Neuanfang. Doch Richard Stanik wusste, was er konnte. „Was deutsche Friseure können, das zeigt ihnen ein Friseur aus Schlesien.“ Bereits sechs Tage nach seiner Ankunft hatte er eine Stelle als Meisterfriseur.
„Coiffure Chez Richard“
In Bonn begann der eigentliche Aufstieg seiner Karriere. Sein Salon „Coiffure Chez Richard“ entwickelte sich rasch zu einer bekannten Adresse. Der französische Name war bewusst gewählt – elegant, international, anspruchsvoll.„Ohne Können mit der Schere wäre das alles nichts gewesen“, sagt Stanik. Zeitweise beschäftigte er rund dreißig Mitarbeiter in seinen Salons. Auf Termine warteten Kunden wochenlang. Unter ihnen: Diplomaten, Sänger, Schauspieler – später auch Angehörige des Adels. Er frisierte unter anderem Karel Gott, Peter Alexander, Chris Roberts oder die polnische Sängerin Urszula Sipińska. „Sie waren nicht anspruchsvoller als andere Menschen“, sagt er. „Aber man durfte sich keinen Fehler erlauben.“
Friseur, Zuhörer, Menschenkenner
Was Richard Stanik von vielen Kollegen unterschied, war nicht nur Technik, sondern Beobachtungsgabe. „Beratung ist wichtiger als die Schere“, sagt er. Er analysierte Gesichter, Hauttöne, Körpersprache. Er sprach über Farben nicht als Mode, sondern als Ausdruck von Persönlichkeit. Später spezialisierte er sich als einer der ersten Friseure in Bonn auf Haarverlängerungstechniken aus London. Auch deshalb galt er früh als Trendsetter. Doch wenn er über seine Arbeit spricht, geht es selten um Stars oder Prestige. „Die Menschen erzählen beim Friseur Dinge, die sie sonst niemandem erzählen.“

Foto: Dominika Bassek
Ein Garten voller Erinnerungen
Heute lebt Richard Stanik weiterhin in Bonn. Hinter seinem Haus hat er sich eine kleine Welt geschaffen: Palmen aus der Toskana, Skulpturen, Erinnerungsstücke, Fotografien. Unter einer Pergola steht noch immer ein Friseurstuhl. Dort arbeitet er bis heute gelegentlich. „Kamm und Schere – das ist mein Leben.“ An einer Wand hängen eingelassene Sterne mit Namen ehemaliger Kunden und Freunde. Eine kleine private „Hall of Fame“. In einer Ecke des Gartens steht eine Madonnenfigur, ein Geschenk von Prinzessin Erina von Sachsen. Zwischen all den Erinnerungen bleibt jedoch eines spürbar: Schlesien hat ihn nie wirklich verlassen.
Die Geschichte von Richard Stanik ist mehr als die Biografie eines erfolgreichen Friseurs. Sie erzählt auch von einer Generation schlesischer Handwerker, die ihre Heimat nicht deshalb verließen, weil sie scheiterten – sondern weil sie erfolgreich waren. Die Volksrepublik Polen verlor viele ihrer talentiertesten Menschen nicht zufällig an den Westen, sondern durch ein System, das Eigenständigkeit misstrauisch betrachtete. In Walzen gibt es heute keine Warteschlangen mehr vor den Friseursalons. Geblieben ist die Erinnerung an einen Mann, der mit einer Schere in der Tasche losging – und aus schlesischem Handwerk internationale Klasse machte.
Zurück bleibt die Erinnerung an einen Mann, der aus einer kleinen Schere ein ganzes Berufsleben formte – zwischen Schlesien und der großen europäischen Bühne.
Dominika Bassek