Rafał Bartek zieht Bilanz

Lubowitz. Die 57. Verbandsratssitzung des VdG hat begonnen

9 Mai 2026, 10:41 Politik

Bilanz der vergangenen vier Jahre

In Lubowitz hat die 57. Verbandsratssitzung des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) begonnen. Delegierte aus dem ganzen Land ziehen Bilanz über die zu Ende gehende Amtszeit der Verbandsführung und diskutieren über die Arbeitsschwerpunkte für die kommenden vier Jahre. Einer der wichtigsten Punkte der Sitzung ist die Wahl des neuen Vorstandes des VdG.

Das Treffen findet in einem besonderen Jahr für den Verband statt – der VdG feiert sein 35-jähriges Bestehen. Während der Beratungen fehlte es daher nicht an Rückblicken, Reflexionen über die bisherige Tätigkeit sowie Gesprächen über die Zukunft der deutschen Minderheit in Polen.

Der VdG als Brücke zwischen Polen und Deutschland

Als Erste wandte sich die Sejm-Abgeordnete der Bürgerkoalition Gabriela Lenartowicz an die Teilnehmer der Sitzung. Sie betonte die symbolische Bedeutung des Treffens, das am Europatag stattfindet. Wie sie hervorhob, sei die Zusammenarbeit verschiedener gesellschaftlicher und nationaler Gruppen das Wesen der europäischen Gemeinschaft und zugleich das Fundament eines modernen Bürgerstaates.

– „Wir sollten uns zum gemeinsamen Wohl gegenseitig unterstützen und zusammenarbeiten“, sagte Gabriela Lenartowicz und unterstrich die Bedeutung der Zusammenarbeit über sprachliche, nationale und regionale Grenzen hinweg.

Sejmabgeordnete Gabriela Lenartowicz.
Foto: S. Koprek-Golomb

Die Abgeordnete sprach zudem über die Bedeutung persönlicher Beziehungen, von Traditionen und des gemeinsamen kulturellen Erbes der Region. Dabei verwies sie auf die Symbolik von Lubowitz und die Nähe der Denkmäler von Adam Mickiewicz und Joseph von Eichendorff als Zeichen einer guten Zusammenarbeit und gegenseitigen Wertschätzung.

Auch der deutsche Konsul in Oppeln Peter Herr ergriff das Wort. Der Diplomat betonte, dass die aktuelle Sitzung von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des Verbandes sei, da hier wichtige Entscheidungen über die weitere Tätigkeit des VdG getroffen würden.

– „Besonders wünsche ich dem Verband die Weiterentwicklung und Fortführung seiner Tätigkeit für junge Mitglieder, damit die Mitgliederzahlen weiter steigen und die Zukunft des VdG langfristig gesichert bleibt“, betonte Peter Herr.

Der Konsul hob außerdem hervor, dass der VdG weiterhin eine wichtige „Brücke zwischen den Zivilgesellschaften Polens und Deutschlands“ bilde und seine Rolle beim Aufbau guter deutsch-polnischer Beziehungen weiter stärken solle. Den Delegierten wünschte er konstruktive Diskussionen sowie gute Entscheidungen zum Wohl des Verbandes und seiner Mitglieder.

Jubiläum, Auszeichnungen und Blick in die Zukunft

Eine emotionale Rede hielt die Vizemarschallin der Woiwodschaft Oppeln Zuzanna Donath-Kasiura. Wie sie sagte, sei das Jubiläum ein Moment der Dankbarkeit, der Reflexion und des Blicks in die Zukunft.

– „Dieses Jahr ist für den Verband etwas Besonderes. Das 35-jährige Jubiläum ist eine Gelegenheit zum Feiern, aber auch dazu, Bilanz zu ziehen, wie viel erreicht wurde. Drei Bereiche verdienen besondere Erwähnung: die Anerkennung und Akzeptanz der Tätigkeit der deutschen Minderheit in ganz Polen, die Pflege der deutschen Kultur und Sprache sowie die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen und der Aktivitäten der deutschen Minderheit auf europäischer Ebene“, sagte sie.

Im Namen des Vorstandes der Woiwodschaft Oppeln sowie der Abgeordneten des Sejmiks überreichte sie dem VdG-Vorsitzenden Rafał Bartek die Ehrenauszeichnung „Verdienst für die Woiwodschaft Oppeln“. Die Auszeichnung wurde für den Beitrag des Verbandes zur Entwicklung der Region, der Bildung, der deutschen Sprache, des kulturellen Erbes sowie des gesellschaftlichen Lebens verliehen.

Vizemarschallin Zuzanna Donath-Kasiura übergibt die Ehrenauszeichnung für die Verdienste für die Woiwodschaft Oppeln an den VdG-Vorsitzenden Rafał Bartek.
Foto: S. Koprek-Golomb

– „Das ist eine echte Anerkennung für alle Mitglieder der deutschen Minderheit in der Region. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für alles, was Sie getan haben“, betonte Zuzanna Donath-Kasiura.

Die Vizemarschallin sprach auch über die Verantwortung für die Zukunft der Organisation und die weitere Entwicklung der deutschen Minderheit.

– „Die Zukunft liegt in unseren Herzen und Händen. Wir haben die Kraft, uns weiterzuentwickeln, aber wir müssen es wollen, wir müssen Träume haben und andere Menschen ermutigen, uns zu unterstützen“, sagte sie.

Wahl der neuen Führung und Bilanz der Amtszeit

Der VdG-Vorsitzende Rafał Bartek ging auf die zu Ende gehende Amtszeit ein und betonte, dass die vergangenen vier Jahre für den Verband eine Zeit vieler Herausforderungen und intensiver Arbeit gewesen seien.Er zogeine umfassende Bilanz der vergangenen vier Jahre des Verbands der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG). Der zentrale Punkt seiner Ansprache betraf die Jahre 2022 bis 2026, die, so Bartek, eine Zeit tiefer Krise waren, verbunden mit der Diskriminierung der Kinder der deutschen Minderheit.

Rafał Bartek zieht Bilanz.
Foto: S. Koprek-Golomb

„Der Zeitraum von 2022 bis 2026 stand vor allem im Zeichen der zweijährigen Diskriminierung der Kinder der deutschen Minderheit“, betonte Bartek und erinnerte daran, dass dies eine beispiellose Situation in der Geschichte der Dritten Polnischen Republik gewesen sei. Seiner Einschätzung nach kam es damals zu einer formalen Verschlechterung der Situation einer nationalen Minderheit: „Zum ersten Mal in der Geschichte des freien Polens nach der Wende 1989/90 erklärte die polnische Regierung offiziell, dass polnische Staatsbürger, die zur deutschen Minderheit gehören, schlechter behandelt werden sollen als Vertreter anderer Minderheiten.“ Bartek stellte gleichzeitig klar, dass die politischen Entscheidungen zwar rückgängig gemacht wurden, ihre sozialen und bildungspolitischen Folgen jedoch bis heute sichtbar seien.

Protest, Dialog und politischer Druck

Als Reaktion auf diese Maßnahmen führten die Organisationen der deutschen Minderheit umfangreiche Protest- und Dialogaktivitäten durch. Der VdG-Vorsitzende berichtete: „Wir organisierten Proteste, Pressekonferenzen, Treffen mit Politikern […], wir führten Kampagnen gegen die Diskriminierung durch.“ Wie er jedoch betonte, war dies nicht das einzige Tätigkeitsfeld der Organisation: „Dies war nur ein Teil unserer Aktivitäten – ein wichtiger, ja entscheidender für unsere Existenz.“ Parallel dazu wurden auch Bildungs-, Kultur- und Institutionsprojekte entwickelt, die das alltägliche Funktionieren der Minderheit stärken sollten.

Historische Erinnerung als Fundament der Identität

Einen besonderen Stellenwert in der Rede nahm die Frage der historischen Erinnerung ein. Bartek erinnerte an die Gedenkfeiern zum 80. Jahrestag der Nachkriegstragödien der Deutschen in Mitteleuropa, die, so betonte er, eine zivile Erfahrung von enormem Leidensausmaß gewesen seien. „Es geht um die dramatischen Erfahrungen der Zivilbevölkerung […] Morde, Vergewaltigungen, Plünderungen, Verhaftungen, Vertreibungen“, sagte er. Er wies auch darauf hin, dass diese Erinnerung im Jahr 2025 offizielle institutionelle Anerkennung erhielt: „Die Sejmiks der Woiwodschaften Schlesien und Oppeln erklärten dieses Jahr zum Gedenkjahr. Auch der Sejm und der Senat der Republik Polen verabschiedeten entsprechende Resolutionen.“ Wie er hinzufügte, ermöglichte die breite Beteiligung der Minderheitenorganisationen an den Gedenkfeiern, „die Opfer dieser Tragödie würdig zu ehren“.

Ein wesentlicher Bestandteil der Bilanz war auch die finanzielle und organisatorische Situation. Bartek wies auf die Stabilisierung der Finanzierung sowohl von deutscher als auch von polnischer Seite hin. „Die Daten […] zeigen ein stabiles Mittelwachstum“, stellte er fest und betonte gleichzeitig die zunehmende Planungssicherheit der Unterstützung für die Aktivitäten der Minderheit.

Internationaler und politischer Dialog

In der Rede fand auch das Thema der politischen und diplomatischen Kontakte breiten Raum. In den letzten Jahren, so berichtete er, habe es viele Treffen auf verschiedenen Ebenen gegeben, sowohl in Polen als auch in Deutschland und auf europäischer Ebene. „Es gab viele Treffen mit wichtigen Politikern aus Deutschland und Polen sowie mit Experten auf europäischer Ebene“, sagte Bartek. Zu den Gesprächspartnern gehörten unter anderem Vertreter von Regierungen, Parlamenten und europäischen Institutionen, was, so betonte er, die Position der Minderheit im internationalen Dialog stärkte.

Kampf um Sprachrechte und bürgerschaftliches Engagement

Einer der intensivsten Tätigkeitsbereiche blieb die Verteidigung des Unterrichts der deutschen Sprache als Minderheitensprache. Bartek erinnerte daran, dass diese Aktionen sowohl eine soziale als auch eine rechtliche Dimension hatten. „Dem Bildungs- und Wissenschaftsministerium wurde eine Petition gegen die Diskriminierung vorgelegt (13.222 Unterschriften).“ Parallel dazu wurden Sozialkampagnen, Jugendaktionen und Verfahren auf europäischer Ebene durchgeführt: „Es wurde Beschwerde bei der Europäischen Kommission und eine Petition beim Europäischen Parlament eingereicht.“ Seiner Einschätzung nach war dies eine der wichtigsten sozialen Mobilisierungen der letzten Jahre.

Politische Repräsentation und Wahlherausforderungen

Bartek ging auch auf die politische Situation nach den Parlamentswahlen von 2023 ein, die zum Verlust der Vertretung der deutschen Minderheit im Sejm führten. „Die deutsche Minderheit ist zum ersten Mal seit 1990 nicht mehr im polnischen Sejm vertreten“, sagte er und nannte dies einen schweren Verlust für die Gemeinschaft. Gleichzeitig betonte er die Bedeutung der Kommunalverwaltungen, in denen die Minderheit, so seine Aussage, nach wie vor aktiv und politisch erfolgreich sei.

Projekte, Bildung und Medien

Ein Großteil der Rede war Bildungs- und Kulturprojekten gewidmet, die, so Bartek, das Fundament der täglichen Arbeit der Organisation bilden. „Der Verband engagiert sich seit vielen Jahren für den Erhalt der deutschen Sprache, Kultur und Tradition.“

Er nannte dabei ein umfangreiches System von Projekten für Kinder und Jugendliche, das die Kontinuität von Sprache und Identität in den nächsten Generationen sichern soll.

Ein wichtiges Element war auch die mediale Transformation des Verbands, die die Modernisierung der Presse und den Ausbau digitaler Kanäle umfasste. „Die Wochenzeitung ,Wochenblatt’ wurde in die Monatszeitschrift ,Neues Wochenblatt‘ umgewandelt.“ Wie er betonte, zielte diese Änderung darauf ab, sich an neue Kommunikationsformen anzupassen und die Präsenz im öffentlichen Raum zu stärken.

Gemeinschaft und Verantwortung

Im Schlussteil seiner Rede kehrte Bartek zur Idee der Gemeinschaft und der Verantwortung für die Zukunft der Minderheit zurück. „Gemeinsam können wir jedoch viel mehr erreichen“, fasste er zusammen und fügte hinzu: „Jeder von uns trägt die persönliche Verantwortung dafür, wie wir die Sprache, Kultur und Identität an die zukünftigen Generationen weitergeben.“

Den kompletten Bericht von Rafał Bartek kann man auf www.vdg.pl finden.

Redaktion

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