Auf Literarischen Umwegen

Melusine oder die Verzweiflung einer Mutter

10 Mai 2026, 11:00 Geschichte

Wassermänner, Schatzhüter, Beboki oder Mittagsfrauen bilden den eigentlichen Parnass der oberschlesischen Spukgestalten, die im kollektiven Gedächtnis der Region bis heute fortleben. Und obwohl sie heutzutage kaum noch Schrecken verbreiten – ja, die Beboki sind sogar Teil der Marketingstrategie der Stadt Kattowitz geworden –, scheinen sie im oberschlesischen Imaginarium weiterhin zu dominieren und andere Wesen dämonischer Herkunft eher in den Hintergrund zu drängen. Zu ihnen gehört auch Melusine – halb Frau, halb Fisch –, deren Erinnerung in der regionalen Literatur bewahrt wird, die die Motive mittelalterlicher Erzählungen aus Frankreich und Deutschland frei weiterentwickelt.

Melusine im oberschlesischen Volksglauben

In der Volksliteratur Oberschlesiens wird Melusine meist mit heulendem Wind in Verbindung gebracht – man glaubte früher nämlich, sie ziehe als Windfrau oder Windbraut um die Häuser und flehe um Nahrung für ihre Kinder. Um sie zu besänftigen, genügt es, ein Stück Brot und etwas Mehl auf das Fensterbrett zu legen.

Mitunter erscheint sie auch als selbstverliebtes Mädchen, das schwere Arbeit meidet und sich unablässig an seiner eigenen Schönheit erfreut, wodurch es den Haushalt seines Mannes ins Verderben stürzt. Die Rettung für den armen Bauern bringt ein zufällig vorbeikommender Händler, der schöne Tücher verkauft – als eines davon vom Wind erfasst wird, stürzt Melusine ihm hinterher und kehrt nie wieder auf den verfallenen Hof zurück.

Der Wind bringt auch die Pläne einer Melusine aus der Gegend von Beuthen durcheinander, wenn sie sich elegante Hemden näht, statt – wie es sich für eine Oberschlesierin gehört – zur Sonntagsmesse zu gehen. Die strafende Hand Gottes verurteilt sie dazu, bis zum Jüngsten Tag Hemden zu nähen, und der stürmische Wind zerstört ihr Werk jedes Mal, wenn es beinahe vollendet ist.

Der Wind, der diese Erzählungen begleitet, wird meist als heulend oder klagend beschrieben, seltener als wimmernd. Gerade dieses Element der Melusinengeschichten ist besonders bemerkenswert – es macht deutlich, dass es sich um ein Wesen handelt, das Laute von sich gibt, die von tiefem Schmerz zeugen. Um dessen Ursprung zu verstehen, muss man zu den ursprünglichen Erzählungen zurückkehren, die im Mittelalter über Melusine im Umlauf waren.

Die mittelalterlichen Wurzeln der Melusinen-Erzählung

Nach Oberschlesien gelangten diese Volksbücher – heute würden wir sie wohl als eher anspruchslose Unterhaltungsliteratur bezeichnen – vermutlich durch Józef Lompa, der einen der deutschen Texte ins Polnische übertrug. Im deutschen Sprachraum wiederum gehörte die vielfach neu aufgelegte „Historia von der edlen und schönen Melusina“ des Schweizers Thüring von Ringoltingen zu den beliebtesten Fassungen.

Ringoltingen passte das französische Vorbild, das bis heute als literarischer Urtext der Melusinen-Geschichte gilt, für ein deutschsprachiges Publikum an. Und gerade aus diesem mittelalterlichen Roman erfahren wir, wer Melusine war und warum sie bis heute so sehr leidet.

Melusine, ihr Kind stillend.
Quelle: Geschichte von der edlen und schönen Melusina, welche ein Meerwunder und des Königes Helmas Tochter war/ Universitätsbibliothek Düsseldorf

Melusine als leidende Mutter

In Ringoltingens Darstellung ist Melusine vor allem eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit, herrisch und im Besitz magischer Kräfte. So erscheint sie zumindest ihrem zukünftigen Ehemann, dem Ritter Raimund, dem Melusine Ehre und Leben rettet und von dem sie im Gegenzug verlangt, er möge sie zur Frau nehmen.

Als er – überwältigt von ihrer Schönheit – einwilligt und ihr zudem verspricht, an einem von ihr bestimmten Wochentag nicht in ihre Gemächer zu treten, wandelt sich sein Leben auf wundersame Weise. Raimund und Melusine leben fortan in Glück und Wohlstand in einem prächtigen Schloss und bekommen eine ganze Schar Kinder.

Doch die geheimnisvolle Natur Melusines ist Raimunds Bruder ein Dorn im Auge. Er stachelt ihn dazu an, nachzusehen, was seine Gemahlin hinter verschlossenen Türen treibt. Es könne ja sein, dass dort Unziemliches geschieht – vielleicht würden dem edlen Ritter sogar Hörner aufgesetzt.

Dieses sich über die Ewigkeit erstreckende Leiden der verzweifelten Mutter trägt sich fortan als Klagen oder Heulen des Windes über die Weiten – eine erschütternde Metapher für einen Schmerz, so mächtig wie die Urgewalt des Windes selbst, der niemals mehr Trost finden wird.

Raimund späht also durch das Schlüsselloch und entdeckt, dass seine Geliebte nur zur Hälfte Mensch, zur anderen Hälfte jedoch ein Ungeheuer ist: Anstelle von Beinen besitzt sie einen drachen- oder fischähnlichen Schwanz.

Damit zerbricht das häusliche Glück – indem Raimund sein Versprechen bricht, zerstört er sein eigenes Leben und das seiner Frau. Als Melusine seinen Verrat erkennt, stürzt sie sich aus dem Fenster und entschwindet im Wind. Nur für wenige Augenblicke kehrt sie später ins Schloss zurück, um die jüngsten Kinder zu stillen, die dort zurückgeblieben sind.

Obwohl Melusine über außergewöhnliche magische Kräfte verfügt, ist sie dennoch nicht in der Lage, das Unheil zu überwinden, das ihr das Schicksal – ausgelöst durch den Verrat ihres vertrautesten Menschen – auferlegt hat. Raimunds Verrat führt dazu, dass sie auf ewig verflucht bleibt.

Hätte er sein Versprechen gehalten und ihr Bedürfnis nach Rückzug respektiert, hätte der einst von ihrer eigenen Mutter ausgesprochene Fluch aufgehoben werden können, und Melusine wäre in ihre menschliche Gestalt zurückgekehrt.

So aber muss sie in qualvollem Schmerz über den Verlust ihrer geliebten Kinder durch die Welt irren. Dieses sich über die Ewigkeit erstreckende Leiden der verzweifelten Mutter trägt sich fortan als Klagen oder Heulen des Windes über die Weiten – eine erschütternde Metapher für einen Schmerz, so mächtig wie die Urgewalt des Windes selbst, der niemals mehr Trost finden wird.

Dr. habil. Univ.-Prof. Nina Nowara-Matusik

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