Man sagt, ich hätte eine Schwäche für Bienen. Vielleicht ist da tatsächlich etwas dran – denn mein Wissen über die Geschichte und die verborgenen Orte Schlesiens ließe sich wohl in ein Glas goldenen Honigs füllen. Übrigens bewährt sich Honig als Reiseerinnerung oder Gastgeschenk ohnehin immer.
Die Bienen begleiten mich seit meiner Geburt, selbst als ich früher die Momente nicht besonders mochte, in denen sie sich in meinen Haaren verfingen und mein Großvater sie behutsam herauslöste, ohne ihnen zu schaden. Opa Stefan liebte seine Imkerei; von ihm lernte mein Vater, und heute kümmert sich mein Halbbruder um unsere Bienenstöcke. Zwei davon stehen auch in meinem Garten. Manchmal setze ich mich ihnen gegenüber und könnte stundenlang das Leben der Bienen beobachten. Die allgegenwärtigen Blumen, Sträucher und Kräuter dienen nicht nur uns, sondern vor allem ihnen. Nach einigen sonnigen und bereits angenehm warmen Tagen zeigen sich endlich die ersten Knospen – von Aprikosen, Süßkirschen, Mirabellen und Sauerkirschen. Eine Wohltat für die Insekten – und später auch für uns.

In vielen Regionen galt Honig nicht nur als Lebensmittel, sondern auch als Symbol für Gesundheit und Wohlstand.
Foto: Anita Austvika/ Unsplash
Mein anderer Großvater besaß einen großen Kirschgarten – mit gewaltigen, noch aus der Vorkriegszeit stammenden Bäumen, die Früchte von hervorragender Qualität trugen. Der Großteil war für den Verkauf bestimmt, doch in der Küche meiner Großmutter lächelten sie uns während der Saison ebenfalls vom Teller entgegen. Die Kirschsuppe mit Nudeln, die sie für uns kochte, ist bis heute unerreicht. Unsere tägliche Aufgabe in dieser Zeit bestand darin, gemeinsam mit den Cousinen und Cousins die Bäume vor Staren zu schützen. Bei Familientreffen erinnern wir uns oft an diese Momente – und so wie damals unbewusst fühlen wir uns heute der schlesischen Heimat verbunden, deren reiche Geschichte immer wieder zu überraschen vermag.

Honig spielt in der schlesischen Küche und Kultur eine besondere Rolle und verbindet Genuss mit jahrhundertealten Traditionen.
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Ein vergessenes Dorf mit großer Vergangenheit
So auch im Fall eines kleinen Dorfes, einst eine bekannte Sehenswürdigkeit, heute jedoch fast vergessen. Welcher Tourist würde hier schon gezielt Halt machen – und woher sollte er überhaupt von seiner Existenz wissen? Dabei lohnt es sich wirklich, diesen malerischen Winkel Niederschlesiens zu besuchen, nach alten Obstbäumen zu suchen und seine Geschichte kennenzulernen. Denn meiner Meinung nach wirkten hier einst wahre Marketingmeister.
Vor einigen Monaten blätterte ich in einer Chronik aus dem Jahr 1925, die das damalige Löwenberg in Schlesien und seine Umgebung beschreibt. Den Autoren zufolge reichte der Ruhm des Dorfes Höfel (heute Dworek) weit über die Grenzen Schlesiens hinaus. Dafür gab es zwei Gründe: die Kirschgärten, deren frische und hochwertige Früchte per Bahn bis nach Dresden und Berlin geliefert wurden, während aus den empfindlicheren Sorten vor Ort Marmeladen hergestellt wurden. Noch berühmter war jedoch eine außergewöhnliche Imkerei und ihr Meister, Johann Gottlieb Überschär. Seine figürlichen Holzbeuten, auf einer überdachten Plattform aufgestellt, zogen Wanderer und Reisende gleichermaßen an.

Jede Figur auf den historischen Beuten erzählt eine eigene Geschichte aus Religion, Alltag und Volksglauben.
Foto: Schlesische Monatshefte, 1927, Jg. 4, Nr. 5
Kunstvolle Bienenstöcke und lebendige Tradition
Die kunstvoll geschnitzten Bienenstöcke stellten verschiedene Figuren dar; anhand ihrer Kleidung lässt sich vermuten, dass sie zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert entstanden. Die ältesten Exemplare zeigen biblische Gestalten – am bekanntesten sind die zwölf Apostel. Acht weitere Figuren ländlicher Personen stammen wohl aus dem 17. Jahrhundert. Die Figur des Imkervaters Johann Gottlieb Überschär entstand an der Wende zum 18. Jahrhundert. Die jüngsten Schnitzereien – Wächter mit Spießen – ließ Überschär selbst in Löwenberg anfertigen. Im Laufe der Zeit wurden viele der Beuten beschädigt, doch einige sind heute noch im Ethnographischen Museum in Breslau zu sehen, während originalgetreue Nachbildungen von vier Figuren im heutigen Dworek stehen.

Die Schnitzereien zeigen, wie eng Handwerk, Symbolik und Naturbeobachtung miteinander verbunden waren.
Foto: SDB Heimatbuch des Kreises Löwenberg 1925
Im Alltag der Bewohner von Höfel ragten zwei besondere Tage hervor: das Blütenfest und das Kirschenfest. Zu diesen Anlässen strömten zahlreiche Gäste ins Dorf – im Frühling, um die spektakulär blühenden Bäume zu bewundern, und im Sommer, um den Geschmack süßer Kirschen zu genießen. Gelegentlich empfing man auch organisierte Reisegruppen, wie ein Bericht aus der Augustausgabe der „Schlesischen Zeitung“ von 1883 belegt. Dort wird über einen Besuch berichtet, bei dem die Gäste mit Live-Musik, Kaffee, Butterbrot und frischen Kirschen bewirtet wurden. Die Notiz war zugleich ein öffentliches Dankeschön an die Gastgeber, die Bewohner von Höfel.
Die Geschichte des Dorfes Höfel zeigt, wie eng Natur, Tradition und Handwerk in Schlesien miteinander verbunden waren und bis heute nachwirken.
Das gemeinsame Feiern besonderer Momente und die Präsentation lokaler Naturschätze – verbunden mit dem Verkauf von Früchten und regionalen Produkten – waren damals wie heute die ideale Form der Werbung für ein Dorf und seine Region.
Honig, Tradition und ein einfaches Rezept
Ohne Bienen jedoch gäbe es keine Kirschen, und die Imkerei hat in Dworek eine noch ältere Tradition. Interessanterweise galten Bienen in vielen traditionellen Kulturen als Vermittler zwischen der irdischen und der himmlischen Welt. In ihrer Nähe durfte man weder die Stimme erheben noch fluchen. Kein Wunder also, dass jeder Imker ein hoch angesehener Bewohner von Höfel war, dessen Wissen auch außerhalb Schlesiens geschätzt wurde. Johann Gottlieb Überschär verfügte über ein außergewöhnliches Verständnis für seine Bienen und setzte zugleich die Tradition der kunstvollen Beuten fort, die uns heute Einblicke in frühere Bräuche, Figuren und historische Mode gewähren.

Die traditionelle Imkerei prägte das Leben ganzer Dörfer und war eng mit dem Jahreslauf der Natur verbunden.
Foto: Sophie/ Unsplash
Wie der Honig von Bienen schmeckte, die in Holzschnitzereien lebten und arbeiteten, werden wir wohl nie erfahren. Ob diese Beuten praktisch waren, bleibt ebenfalls ein Geheimnis. Sicher ist jedoch, dass Honig in der schlesischen Küche einen besonderen Platz einnimmt: Er verfeinert nicht nur den Geschmack von Lebkuchen, Saucen und Fleischmarinaden, sondern wirkt auch erfrischend und gesundheitsfördernd. Im „Universal-Lexikon der Kochkunst“ (Band 1 A–K) finden sich Dutzende Verwendungsmöglichkeiten für Honig. Eines dieser Rezepte liegt mir besonders am Herzen – zumal die Zubereitung einer hausgemachten Limonade denkbar einfach ist. Persönlich würde ich das Getränk noch mit frischen Minzblättern und einer Zitronenscheibe abrunden.
Honiglimonade
800 Gramm Honig werden in 10 Litern Wasser erhitzt und anschließend in ein offenes Gefäß gegossen. Man fügt 2–3 Esslöffel Bierhefe hinzu und lässt die Mischung zwei Tage stehen, bis die Gärung einsetzt. Zu Beginn der Gärung wird die Flüssigkeit mit dem Saft von 3–4 ausgepressten Zitronen vermischt, danach in Steingutflaschen gefüllt und fest verschlossen. Nach 8–14 Tagen ist die erfrischende, leicht sprudelnde Limonade trinkfertig.
Małgorzata Janik
