Polen auf der Leipziger Buchmesse 2026

4 April 2026, 17:00 Kultur 1

Die Literatur in Papierform hat der digitalen Welt noch einmal gezeigt, was sie draufhat: Zusammen mit dem Lesefestival „Leipzig liest“ zog die Leipziger Buchmesse im Jahr 2026 rund 313.000 Besucher an. Ein neuer Rekord und ein gutes Zeichen für den Buchmarkt, seine Verleger, Autoren und Liebhaber. Über den Andrang konnten sich aber nicht nur die deutschen Literaturprofis freuen. In Halle 4 präsentierte sich auch der internationale Buchmarkt. Mit dabei waren wieder Vertreter und Förderer der polnischen Literatur.

Der deutsche Buchmarkt als „Tor zur Welt“

Verantwortlich dafür war – wie der Name bereits verrät – das Polnische Buchinstitut. Gemeinsam mit dem Polnischen Institut Leipzig habe man ein Messeprogramm erarbeitet, sagt Agnieszka Urbanowska, Leiterin der Abteilung für Auslandsprogramme. Dabei gehe es vor allem darum, wichtige polnische Autoren mit dem deutschen Publikum zusammenzubringen. „Und auf Lesungen neue polnische Bücher zu präsentieren. Das ist wahrscheinlich die wichtigste Sache für uns hier in Leipzig.“

Was die Leipziger Buchmesse für den Erfolg auf dem deutschen Buchmarkt ist, ist der deutsche Buchmarkt für den internationalen Erfolg. Urbanowska zufolge seien deutsche Verleger etwas mutiger als beispielsweise ihre französischen Kollegen. „Also ein neuer Autor hat eine größere Chance, zuerst in Deutschland veröffentlicht zu werden. Und dann werden vielleicht die französischen Verlage mutiger und entscheiden sich, das Buch zu übersetzen“, sagt Urbanowska. Damit ist eine gute Präsentation auf der Leipziger Buchmesse auch wichtig für den Erfolg über die deutschen Grenzen hinaus.

Deutsche Übersetzungen polnischer Bücher konstant unterrepräsentiert

Seit zwei Jahren organisiert das Polnische Buchinstitut auch einen eigenen Buchverkauf. Verantwortlich dafür ist Marcin Piekoszewski. Der gebürtige Pole betreibt einen deutsch-polnischen Buchladen in Berlin. Aus Gesprächen mit seinen Kunden wisse er, dass zumindest auf der Buchmesse mehr polnische Literatur präsentiert wird als noch vor 20 Jahren. „Und was sie damit meinen: Man sieht tatsächlich jetzt sehr viele neue Titel – kleinere, größere, bekanntere, unbekanntere Verlage. Definitiv, das hat sich geändert, ja.“ Trotz dieser Entwicklung verändert sich die Zahl der Übersetzungen aus dem Polnischen kaum merklich. Genau wie 2020 machte der Anteil polnischer Bücher auch 2025 nur ein halbes Prozent aller „Literaturimporte“ nach Deutschland aus – das sind etwa 40 bis 50 Buchtitel.

Foto: Justus Niebling

Wen oder was lesen die Deutschen?

Fragt man Urbanowska vom Polnischen Buchinstitut nach angesagten Themen, kann sie sich schwer festlegen. Allgemein seien die Deutschen an vielen Büchern interessiert, deren Handlung in bestimmten polnischen Städten spielt, oder an Büchern über diese Städte. Aber auch Bücher zu schwierigen gemeinsamen Themen wie Migration seien beliebt, ebenso wie spannende Unterhaltung und leichte Kost. Genauso interessierten viele Leser polnische Autoren, die nach Deutschland gezogen sind. Eine mögliche Erklärung dafür liefert die Tatsache, dass man in Deutschland von ungefähr zwei Millionen Menschen mit polnischem Migrationshintergrund ausgeht. Buchhändler Marcin Piekoszewski sagt, viele seiner Kunden seien natürlich Polen oder hätten polnische Familie – eine klare Parallele zu den eingewanderten Schriftstellern.

Seit zwei Jahren organisiert das Polnische Buchinstitut auch einen eigenen Buchverkauf. Verantwortlich dafür ist Marcin Piekoszewski. Der gebürtige Pole betreibt einen deutsch-polnischen Buchladen in Berlin.

Geht es um in Deutschland beliebte Autoren allgemein, nennen Urbanowska und Buchladenbesitzer Piekoszewski eher etablierte Namen wie die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Das neue Buch der Trägerin des Literaturpreises der Europäischen Union 2018, Marta Dzido, erwähnen beide ebenfalls. „Schweinebaumeln“ behandelt unter anderem das Thema Menstruation.

Wo sich Deutschland und Polen im Buchmarkt unterscheiden

Die deutsch-polnische Übersetzerin Zofia Sucharska sieht bei solchen Themen dennoch die polnische Gesellschaft hinterherhinken. „Es gibt mentale Hürden. Man kann das auch nicht so pauschal sagen, aber insgesamt gibt es schon Unterschiede in den Hemmungen zwischen den beiden Gesellschaften, was die körperliche Selbstbestimmung angeht.“ Ein weiteres Thema, das in den letzten Jahren in der westlichen Welt immer mehr enttabuisiert wurde, ist die sexuelle Identität. Laut Agnieszka Urbanowska vom Polnischen Buchinstitut gibt es auch dazu weniger Literatur in Polen als in Deutschland. Erotikbücher gebe es jedoch schon immer viele.

Das ist nicht der einzige Unterschied zwischen den beiden Buchmärkten, den Urbanowska kennt. In Deutschland gibt es die Buchpreisbindung – in Polen seien die Preise für Bücher sehr unterschiedlich, abhängig davon, was ein Verkäufer oder eine Buchhandlung verlangt. „Auch auf der sozialen Seite haben deutsche Autoren mehr Sicherheit. In Polen arbeiten wir noch daran, Regeln, Systeme und Strukturen aufzubauen, um Sicherheit für Autoren zu bieten“, erklärt Urbanowska.

Foto: Justus Niebling

Sind Deutsche für Polen ein Buch mit sieben Siegeln?

Doch wie sieht es eigentlich andersherum aus? Übersetzerin Sucharska sagt, deutsche Bücher hätten es auf dem polnischen Markt nicht ganz leicht. „Man behauptet, das seien sehr schwer zugängliche Autoren und Autorinnen. Man hat einfach Hemmungen und Angst davor, zu deutschen Büchern zu greifen.“ Schwer zugänglich – damit meint sie anspruchsvolle oder sogar unverständliche Themen, Krieg oder einfach einen fehlenden Sinn für Humor. Doch das sei nur ein sehr lebendiges Vorurteil.

Tatsächlich werden deutsche Bücher immer weniger ins Polnische übersetzt. In den 1990er Jahren spricht man von einem regelrechten Boom: Mehr als ein Viertel aller Buchauflagen auf dem polnischen Markt stammte aus deutscher Feder. Damit stand Polen an der Spitze der Lizenznehmer deutscher Bücher. 2020 waren es nur noch 19 Prozent, also 490 Buchtitel. Das ist zwar immer noch deutlich mehr, als polnische Bücher ins Deutsche übersetzt werden, doch die Tendenz ist rückläufig. Das erklärt wahrscheinlich Sucharskas Einschätzung: „Wenn jemand einen deutschen Namen hat, ein Autor, dann ist es schon ein Argument dagegen, was ein bisschen traurig ist. Aber wie gesagt, es ändert sich. Also es gibt einige Verlage, die Offenheit zeigen.“

Immerhin hat das Goethe-Institut – Botschafter deutscher Kultur im Ausland – Polen bereits 2025 und bis 2027 zum Schwerpunkt seines Förderprogramms Litrix.de gemacht. Das Programm unterstützt finanziell Übersetzungen deutscher Bücher ins Polnische. Vielleicht lernen die Polen die Deutschen dadurch wieder etwas besser zu lesen – nicht nur die Bücher – und andersherum. Treffen können sie sich dann auf der Leipziger Buchmesse 2027.

Justus Niebling

Süße Reise durch Schlesien von damals
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