Eine unverwechselbare Kirche in einem unverwechselbaren Viertel
Nikischschacht ist ein Stadtteil von Kattowitz, der keiner Vorstellung bedarf. Bei einem Spaziergang durch diese ehemalige Arbeitersiedlung kann man die charakteristischen Mietshäuser mit ihren roten Fensterläden bewundern. Doch nicht nur die Mietshäuser sind faszinierend, auch die St.-Anna-Kirche prägt das Bild im Herzen des Viertels.
Die Geschichte der St.-Anna-Pfarrei in Kattowitz-Janow reicht bis ins frühe 20. Jahrhundert zurück, als die Bewohner dieses Viertels gezwungen waren, in Myslowitz, 4 bis 5 Kilometer entfernt, den Gottesdienst zu besuchen. 1902 entstand in Janow die Gesellschaft Katholischer Bürger, die eine eigene Pfarrgemeinde gründen und ein Gotteshaus bauen wollte.
Erste Schritte
Der erste wichtige Schritt war der Umbau des Heizraums im Schacht „Adalbert“ des Bergwerks „Giesche“ zu einer provisorischen Kirche im Jahr 1910. Die Weihezeremonie wurde von Pfarrer Bresler aus Myslowitz durchgeführt, und der Priester Paweł Dudek wurde zum ersten Seelsorger. Die provisorische Kirche diente den Gläubigen 17 Jahre lang. Damals zählte die der Heiligen Anna geweihte Kirchengemeinde 9.548 Katholiken. Zwei Jahre später, am 1. August 1912, gründete Kardinal Georg (Jerzy) Kopp aus Breslau die Pfarrei, und Paweł Dudek wurde ihr erster Pfarrer.
Bau der neuen Kirche
Der offizielle Bau der neuen, monumentalen Kirche im neobarocken Stil begann am 6. Mai 1914. Entworfen von den Berliner Architekten Emil und Georg Zillmann, beeindruckte die Kirche mit ihren imposanten Dimensionen: 69,5 Meter lang, 40 Meter breit am Querschiff, 17 Meter hoch, 25 Meter an der Kuppel und mit einem 55 Meter hohen Turm. Das Gebäude umfasste 2.500 Quadratmeter und bot im Inneren Platz für etwa 700 Gläubige. Antoni Krafczyk aus Myslowitz wurde mit den Maurer- und Zimmererarbeiten betraut. Der Grundstein wurde am 5. Juli 1914 gelegt, und die Weihe vollzog Dechant Viktor Schmidt aus Kattowitz.
Der Bau wurde jedoch durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrochen. Nach dessen Ende im Jahr 1918 wurden die Arbeiten wieder aufgenommen. Die Mauern und Türme wurden 1921 fertiggestellt, das Gewölbe 1925. Die Eisenteile für Kuppel und Dach wurden von den Hüttenwerken „König“ und „Laura“ geliefert. Das Pfarrhaus wurde 1927 dank der Firma „Kutz“ aus Kattowitz errichtet.

Foto: A. Polanski
Weihe und Ausstattung
Am 23. Oktober 1927 wurde die neue St.-Anna-Kirche von Bischof Arkadiusz Lisiecki geweiht. Die Zeremonie war ein feierlicher Anlass: Die Reliquien der Märtyrer Placidus und Clementia wurden von der provisorischen Kirche in das neue Gotteshaus überführt, und vom Kirchturm erklangen religiöse Gesänge. Der Bau wurde vom Bergwerk „Giesche“ und von der Pfarrei Janow finanziert. Bis zu 160 Sänger wirkten am Gottesdienst unter der Leitung von Maksymilian Labiński mit. Die Predigten hielten Monsignore Pucher auf Polnisch und Monsignore Maśliński auf Deutsch.
Auch das Kircheninnere war beeindruckend: Hauptaltar, Kanzel, Taufbecken und Orgelgehäuse stammen von dem Künstler Jerzy Schreiner aus München, die Glasfenster von Jerzy Schneider aus Regensburg. Die fünf Glocken, darunter die größte „Paul“ mit einem Gewicht von 2.666 Kilogramm, wurden von der Firma Schilling in Apolda bei Weimar gefertigt. Die pneumatische Orgel mit 75 Registern und 5.350 Pfeifen wurde von der Firma Rieger in Jägerndorf gebaut, der barocke Kronleuchter stammt aus Berlin-Charlottenburg.
Die St.-Anna-Kirche wurde im Stil mittelalterlicher Kirchen in Kreuzform errichtet, mit einer basilikaartigen Kuppel am Schnittpunkt von Querschiff und Langhaus. Der Haupteingang ist ein dreifaches Portal, verziert mit Heiligenfiguren, und die Decke ist mit Tonnen- und Kreuzgewölben geschmückt. Der Altar birgt Reliquien der Heiligen Placidus und Clementia.
Die Entwicklung der Pfarrei und die Zukunft der Kirche
Von ihrer Weihe an entwickelte die St.-Anna-Pfarrei aktiv ihre pastoralen und kulturellen Aktivitäten. 1923 wurde der St.-Cäcilia-Chor gegründet, und in den folgenden Jahren wurde die Kirche um einen Seitenaltar der Jungfrau Maria, einen Kreuzweg und neue Glocken erweitert. Während des Zweiten Weltkriegs nahmen die Besatzungstruppen vier der fünf Glocken mit, sodass nur die St.-Anna-Glocke erhalten blieb. Nach dem Krieg setzte die Pfarrei den Wiederaufbau und die Modernisierung der Kirche fort. Es wurden Renovierungsarbeiten durchgeführt, die Buntglasfenster restauriert, die Orgel gereinigt, eine Radioanlage installiert, die Wärmedämmung modernisiert sowie Dächer und Turm renoviert.
Die St.-Anna-Pfarrei in Nikischschacht entwickelte ihr religiöses und gemeinschaftliches Leben stetig weiter. Zahlreiche pastorale Gruppen entstanden, darunter der Katholische Intellektuellenclub, der Rosenkranzkreis für Kinder, die Legion Mariens, die Gebetsgruppe des Hl. Pater Pio und die Bruderschaft der Hl. Anna. Im Jahr 2017 wurde das 90-jährige Jubiläum der Kirchenweihe gefeiert, und 2022/23 erfolgte eine umfassende Sanierung des Turms, des Kreuzes auf der Kuppel und des Kirchendachs.
Die St.-Anna-Kirche ist bis heute das spirituelle Zentrum des Viertels, ein Zeuge der Kattowitzer Geschichte und ein Symbol für die Verbundenheit der Einwohner mit der katholischen Tradition. Ihre monumentale Architektur, die prachtvolle Ausstattung und die laufenden Restaurierungsarbeiten machen sie zu einem der bedeutendsten historischen Denkmäler in Nikischschacht und zu einem Ort zahlreicher religiöser und gesellschaftlicher Veranstaltungen.