Glosse: Der Duft von Veilchen

21 März 2026 Kolumne , Kultur

Meine Freundin aus Kindertagen war eine Sammlerin. Damals verstand ich das natürlich nicht, dass manche es im Blut haben. Es war einfach schön, mit ihr in den Wald zu gehen, Maiglöckchen zu pflücken oder beim Bauer auf dem Feld Erdbeeren zu sammeln (den vierten Korb durfte man um sonst mit nach Hause nehmen) oder auf der Wiese nach Wildchampignons zu suchen. Nebenbei gesagt: Es ist faszinierend, wie sich manche uralten menschlichen Fähigkeiten ihren Weg durch die Generationen bahnen – von der Vergangenheit bis in die Gegenwart. Selbst heute, wo man alles kaufen kann, begegne ich im Wald älteren Frauen, die Reisig fürs Anzünden sammeln. Das Sammeln ist ein Imperativ aus alten Zeiten.

Aber zurück zum Thema: Tatsache war, dass meine Freundin eine ganze Reihe „ihrer Orte“ hatte – Plätze, an denen sich von Gott und Natur gegebene Schätze fanden, die man ganz (oder fast) umsonst bekommen konnte. Man musste nur genau wissen, wo und zu welcher Jahreszeit man suchen musste. Und meine Gefährtin verfügte über dieses geheime Wissen. Und das schon im Alter von zehn Jahren.

Ende März machten wir uns also immer zu zweit auf den Weg zum Fluss. Direkt am ruhigen Ufer der Malapane, verborgen hinter zwei alten Weiden, lag ein weiterer ihrer magischen Orte. Dort wuchsen die ersten Frühlingsveilchen – betörend duftend und von einem tiefen, satten Violett. Ein kleines amethystfarbenes Feld, von dem nur wir wussten. Genauer gesagt: meine Freundin.

Veilchen eignen sich bekanntlich nicht für Blumensträuße. Trotzdem pflückten wir sie in Mengen, banden kleine Sträußchen daraus und stellten sie zu Hause in Wodkagläser. Wunderschön waren diese kleinen Buketts, und ihr Duft ist mir für immer geblieben.

Foto: Anna Durecka

Als ich gestern im Garten aufräumte, nahm ich zum ersten Mal in diesem Frühjahr den Duft von Veilchen wahr. Und erst danach sah ich sie: ein kleines, violettes Fleckchen, das sich ganz ungeniert mitten auf dem Rasen ausgebreitet hatte. Instinktiv wollte ich hingehen und ein Sträußchen pflücken, aber dann tat mir diese natürliche Zierde meines Gartens doch leid.

Sofort wollte ich danach aber hinausgehen in die Welt und nach „meinen Orten“ suchen, an denen man Blumen, Früchte und andere Schätze der Natur in Hülle und Fülle sammeln kann. Manche Bedürfnisse sind älter als wir selbst. Und manchmal genügt schon ein Duft, um sich daran zu erinnern.

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