Interview mit Lukas Giertler
Mit Lukas Giertler, dem Vorsitzenden des DFK Bielitz-Biala, über die Identität der deutschen Minderheit im heutigen Bielitz-Biala, über die Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Erinnern und dem Erbe der Stadt sowie über neue Formen des Engagements der jungen Generation sprach Andrea Polansk.
Was bedeutet es für dich heute, Mitglied der deutschen Minderheit in Bielitz-Biala zu sein, und wie beeinflusst diese Identität deine täglichen Entscheidungen und dein soziales Engagement?
Ein Mitglied der deutschen Minderheit in Bielitz-Biala zu sein, ist heute eine große Herausforderung und eine Art „Stigma”, insbesondere bei der Arbeit mit dem deutschen Erbe der Stadt, das sowohl als Wert als auch als Belastung wahrgenommen wird. Gleichzeitig bietet es die Möglichkeit, das heutige Image der Minderheit zu prägen und ihren tatsächlichen Beitrag zur Entwicklung der Mehrheit aufzuzeigen. Im sozialen Bereich wird die Situation durch die starke Zensur seitens der Kommunalverwaltung erschwert, die Initiativen im Zusammenhang mit der deutschen Vergangenheit der Stadt blockiert. Das Handeln erfordert daher große Vorsicht und Entschlossenheit. Finanzielle Unabhängigkeit und die Unterstützung privater Partner ermöglichen es jedoch, Projekte ohne politischen Einfluss der lokalen Behörden durchzuführen.

Foto: Małgorzata Szatan
Bielitz-Biala ist eine Grenzstadt mit einer komplexen Geschichte. Was fasziniert dich am meisten an der Vergangenheit dieser Stadt und warum ist dieses Thema für dich so wichtig geworden? Hinzu kommt, dass du ein Buch veröffentlicht hast, das sich genau mit dem alten Bielitz befasst.
Am meisten fasziniert mich die komplexe Identität von Bielitz-Biala, die durch den multikulturellen Schmelztiegel aus Deutschen, Polen und Juden geprägt ist. Entscheidend ist jedoch nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart, die heutige Identität der Stadt, die ohne klar erkennbare Wurzeln dahintreibt. Mit der Veröffentlichung des Buches von Carl Hoinkes auf Polnisch habe ich versucht, die in den Jahren 1939-1945 unterbrochene historische Kontinuität der Stadt wiederherzustellen. Auch wenn das nicht allen gefällt, konzentriere ich mich weiterhin auf die Arbeit für die Geschichte von Bielitz-Biala und der deutschen Minderheit und lasse mich von den negativen Meinungen derjenigen, die selbst keinen Beitrag zur Entwicklung der Region leisten, nicht beirren.
„Alle sozialen Organisationen stehen heute vor einer Krise des Engagements, und niemand kann sie alleine überstehen. Die Zeiten der Massenstrukturen sind vorbei, deshalb brauchen wir flexible, flache Organisationsformen ohne überflüssige Funktionen, Titel und symbolische Auszeichnungen.“
Wie kann man die schwierige und vielschichtige Geschichte einer Region so erzählen, dass sie auch für junge Menschen verständlich und interessant ist?
Es gibt kein Patentrezept, um jungen Menschen eine schwierige Geschichte zu vermitteln. Man muss verstehen, dass diese Geschichte für sie viel weiter entfernt und emotionsloser ist als für ältere Generationen, was ihnen mehr Distanz verschafft. Entscheidend ist daher, von einer starren und politisierten Darstellung abzuweichen und auf eine zugänglichere, verständlichere und authentischere Weise zu sprechen. Jugendliche haben ihre eigene Sprache, ihren eigenen Humor und ihre eigene Sensibilität, die es zu respektieren gilt, ohne dabei in Künstlichkeit zu verfallen. Wichtig sind Maßhalten, ein gutes Gespür für die Form und die Vermeidung von Überfrachtung mit Inhalten. Die Botschaft sollte kurz, klar und konkret sein. Mit diesem Ansatz lässt sich das Interesse junger Menschen für Geschichte wirksam wecken und messbare Ergebnisse erzielen.
Du erwähnst oft den Generationswechsel innerhalb der Minderheit. Was zeichnet deiner Meinung nach die junge Generation aus und welche Werte sind für sie heute entscheidend?
Die junge Generation in der deutschen Minderheit zeichnet sich vor allem durch einen starken Wertewandel aus, der auf eine große Generationskluft zurückzuführen ist. Der traditionelle Konservatismus, der auf Religiosität, Nationalität und starren Traditionen basiert, verliert an Bedeutung, und diese Veränderungen finden bereits statt. Für junge Menschen ist die Institution der Kirche, unabhängig von der Konfession, wenig attraktiv, und die religiöse und kulturelle Identität wird vielfältiger und offener. Die Akzeptanz einer pluralistischen Identität, z.B. die Verbindung von Deutschsein und Schlesiersein, ohne ein Gefühl des Widerspruchs, wird immer wichtiger. Ähnlich verhält es sich mit der Sprache: Ihre Beherrschung ist wichtig, aber junge Menschen sollten nicht wegen Defiziten stigmatisiert werden, die auf den historischen Identitätsverlust zurückzuführen sind. Tradition bleibt wichtig, wird aber durch neue Themen, Projekte und Aktionsformen neu interpretiert und aufgefrischt. Anstelle von Märtyrertum und schematischen Treffen treten flexible Initiativen, Kooperationen mit privaten Partnern und moderne Aktionsformen, die weiterhin auf einem gemeinsamen Kern, der deutschen Kultur, basieren.

Foto: Małgorzata Szatan
Mit welchen konkreten Maßnahmen und Methoden motivierst du junge Menschen, sich sozial und kulturell zu engagieren?
Die Grundlage meiner Arbeit sind Offenheit und Akzeptanz. Junge Menschen sehen die Realität oft anders, und ich betrachte das als Bereicherung und Ausgangspunkt für Gespräche, nicht als Kritik. Es ist wichtig, dass sich jeder gebraucht, gehört und frei fühlt. Die deutsche Minderheit sollte ein gastfreundlicher Ort sein, der auf gegenseitiger Unterstützung und Gleichberechtigung basiert. Ich vermeide bewusst sogenannte „Projektitis”, weil ich weiß, wie sehr Misserfolge bei der Beschaffung von Fördermitteln junge Menschen entmutigen können. Stattdessen ermutige ich sie, in Bereichen aktiv zu werden, in denen sie sich stark fühlen und die sie wirklich interessieren, vom Sport über Automotive bis hin zu den Bergen oder der Kultur. Wir gehen flexibel mit Formalitäten um, und dank der Unterstützung unserer Geschäftspartner ist das Fehlen von Fördermitteln kein Hindernis. Wir setzen auf Freude an der Arbeit, lockere Beziehungen und einen gemeinsamen Treffpunkt, an dem Zusammenarbeit und Kameradschaft zählen und nicht Positionen oder Hierarchien.
„Für mich ist Heimat in erster Linie ein Ort und eine Erfahrung, die Beziehung zu Menschen ist weniger dauerhaft, denn Menschen gehen, aber der Ort bleibt. Am nächsten ist mir das Verständnis von Heimat als einem Raum, in dem ich aufgewachsen bin, den ich verstehe und der mich geprägt hat.“
Du bist sehr aktiv und in verschiedenen Milieus unterwegs. Ist Heimat für dich eher ein Ort, eine Erfahrung oder eine Beziehung zu Menschen?
Für mich ist Heimat in erster Linie ein Ort und eine Erfahrung, die Beziehung zu Menschen ist weniger dauerhaft, denn Menschen gehen, aber der Ort bleibt. Am nächsten ist mir das Verständnis von Heimat als einem Raum, in dem ich aufgewachsen bin, den ich verstehe und der mich geprägt hat, sowohl durch gute als auch durch schmerzhafte Erfahrungen, die in der Geschichte meiner Familie verankert sind. Obwohl ich beruflich viel in Europa unterwegs bin, gibt es nur einen Ort, an dem ich mich „zu Hause” fühle: Bielitz-Biala und ganz allgemein Oberschlesien. Hier liegen die Wurzeln meiner Vorfahren, hier ist mein Zuhause und hier liegt meine Verantwortung. Verwaltungen und Grenzen ändern sich, aber Heimat bleibt an derselben Stelle, und ich mit ihr.

Foto: Małgorzata Szatan
Welche Zukunft wünschst du dir für die deutsche Minderheit und für Bielitz-Biala als Gemeinschaft der Einwohner?
Ich träume nicht von hochfliegenden Parolen, sondern von einer realistischen Zukunft, die auf Unabhängigkeit sowohl von Politikern als auch von externer Finanzierung basiert. Für mich sind Dialog, gegenseitiges Verständnis und umfassende Zusammenarbeit entscheidend, denn alle sozialen Organisationen stehen heute vor einer Krise des Engagements, und niemand kann sie alleine überstehen. Die Zeiten der Massenstrukturen sind vorbei, deshalb brauchen wir flexible, flache Organisationsformen ohne überflüssige Funktionen, Titel und symbolische Auszeichnungen. Wichtiger als die formale Hierarchie ist es, die reale Arbeit von Menschen zu würdigen, die oft im Schatten stehen. Ich träume von einer Gemeinschaft, die auf Gleichheit basiert, ohne Distanz, die Brücken statt Barrieren baut, denn als Minderheit sind wir selbst eine solche Brücke zwischen Kulturen und Völkern, und Bielitz-Biala sollte diese Rolle bewusst stärken.