Jedenfalls in der deutschen Literatur
Nationale Literaturen lieben nationale Stereotype – sowohl die über das eigene Volk als auch die über das andere, und ganz besonders über den Nachbarn. Man denke nur an Sienkiewicz. Wenn er über Deutsche schreibt, dann müssen es böse Kreuzritter sein. Und da hilft ihnen nicht einmal der Umstand, dass sie – ähnlich wie die Polen – eine außergewöhnliche Marienverehrung pflegen. Der deutsche Kreuzritter muss der Feind sein, zudem ein schlechter Mensch und irgendwie auch hässlich. All das dient nur dazu, den Polen vor diesem Hintergrund in voller Pracht und Herrlichkeit erstrahlen zu lassen. Vor allem, wenn wir uns am Ende des 19. Jahrhunderts befinden und die polnisch-deutschen Beziehungen gerade nicht besonders gut sind, weil das polnische Volk um sein Überleben kämpft und das deutsche zu den Teilungsmächten gehört.
Die Macht der Klischees
Nationale Stereotype sind nichts Neues und nichts Besonderes. Völker definieren sich auch über Abgrenzung, um ihre eigene Identität zu bewahren. Wären sie noch sie selbst, wenn sie einander zu ähnlich wären? Im Prozess der Herausbildung nationaler Identität greift man am leichtesten zu Stereotypen, denn sie operieren meist mit einer unkomplizierten, schwarz-weißen Weltsicht und schaffen klare Trennlinien. Und obwohl Stereotype helfen, sich in einer komplizierten Wirklichkeit zurechtzufinden, führen sie nicht selten auch zu geistiger Bequemlichkeit. Doch Stereotype müssen nicht immer negativ sein. Vielleicht verbreiten sich aber gerade die negativen irgendwie leichter und schneller in der Welt als die positiven. Für einen Deutschen ist der Pole oft ein gewitzter Dieb, und der Deutsche für den Polen ein aufgeblasener „Schwabe“. Vielleicht denkt ein Deutscher erst in zweiter Linie daran, dass der Pole auch ein Künstler und Wissenschaftler sein kann – und ein Pole daran, dass auch ein Deutscher seine Freiheit über alles schätzen kann.
Kehren wir also zur Literatur zurück, in der Stereotype ganz unterschiedliche Funktionen erfüllen können, nicht nur so eindeutige, wie Sienkiewicz sie bevorzugte. In der polnischen Kultur gehört eines der dauerhaftesten Stereotype zur Legende von Wanda. Es ist geradezu ein nationaler Mythos. Für die Polen ist Wanda ein Symbol für Patriotismus, Ehre und den Kampf um die Heimat. Doch wenn wir etwas tiefer und etwas weiter blicken, zeigt sich, dass die Figur der Wanda sich in der deutschen Kultur und Literatur in eigener, nicht minder interessanter Form weiterentwickelt hat. Und dabei geht es nicht mehr nur darum, dass sie Vertreterin eines anderen Volkes ist, auch wenn dieser Aspekt gern wiederkehrt. In den Augen deutscher Literaten ist Wanda nämlich vor allem eine schöne Frau – sinnlich, verführerisch, oft eine, die in Versuchung führt. Die Krakauer Königstochter ist geradezu die Urmutter des Stereotyps der „schönen Polin“, und ihre näheren und ferneren Nachfahrinnen tauchen in der deutschen Literatur mehr als einmal auf.
Motiv der schönen Polin
An die Spitze dieses literarischen Reigens der „schönen Polinnen“ tritt zweifellos die „Weichsel-Aphrodite“ Heinrich Heines. Dieser Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, der Frauen auf alle möglichen Arten liebte, setzte ihnen auch in seinem Werk ein Denkmal. Und da Polinnen für ihn – ohne jeden Zweifel – Göttinnen der Liebe waren, musste er sie auf besondere Weise verewigen. Kein Wunder also, dass er in seinen Reiseaufzeichnungen aus Polen geradezu fordert, man solle „niederknien“ und „den Hut abziehen“, denn er habe nun vor, die polnischen Frauen zu beschreiben. Natürlich ist Heine ein ausgezeichneter Spötter. Und deshalb muss auch sein Bild der Polinnen spöttisch-ironisch sein. Er muss also beteuern, dass neben den Polinnen alle anderen Schönheiten verblassen und dass selbst ein so unerreichbarer Maler wie Raffael ihre überwältigende Schönheit nicht wiedergeben könnte. Mehr noch: Heine geht einen Schritt weiter und behauptet, dass Raffaels Gemälde im Vergleich zur Schönheit der Polinnen so sehr an Wert verlieren, dass sie wie gewöhnliche Schmierereien aussehen. Der begeisterte Heine erkennt bei den Polinnen keinerlei Fehler – obwohl er sich als Ehefrau dann doch eher eine Deutsche wählen würde.
Solche Zweifel finden wir nicht bei einem anderen deutschen Schriftsteller – einem, der diesseits und jenseits der Oder beliebt ist – Matthias Kneip. Auf seinen Reisen durch das heutige Polen kann Kneip kaum fassen, dass Polinnen – besonders die Germanistikstudentinnen in Oppeln – trotz klirrender Kälte Miniröcke tragen. Und für ihn ist es auch nichts Ungewöhnliches, dass seit 1989 die Deutschen bereits über 100.000 Bewohnerinnen des Nachbarlandes geheiratet haben. Auch wenn der Autor es nicht ausdrücklich sagt, drängt sich der Eindruck auf, dass gerade die Schönheit der polnischen Frauen zu seinen „111 Gründen, Polen zu lieben“ gehört.
Doch natürlich muss die Schönheit der Polinnen nicht immer etwas eindeutig Positives sein. Das weiß sogar ein deutscher Nobelpreisträger – Gerhart Hauptmann –, bekannt etwa durch die jüngst auf der Bühne des Schlesischen Theaters wiederbelebten „Weber“. Weniger bekannt ist er jedoch für seine andere – eher triviale – Seite. Schade eigentlich, denn auch diese Seite hatte er. Ausdruck davon ist sein Roman mit dem vielsagenden Titel „Wanda“, der ursprünglich „Dämon“ hieß. Schon dieser Titelwechsel zeigt, dass eine Wanda-Figur zugleich schön und dämonisch gedacht ist – und man daher nichts Gutes von ihr erwarten darf. Und genau auf einem solchen Schema beruht die Handlung des Romans: Hauptmann zeichnet die schöne Polin (wieder einmal aus Oppeln!) als eine erbarmungslose Verführerin, der ein hoffnungslos verliebter Mann völlig ausgeliefert ist. Doch da sie auch eine Artistin ist, die über alles die Freiheit liebt, werden die Bande der Ehe für sie schlicht zu Fesseln. Also flieht sie vor ihrem verzweifelten Ehemann – was er nicht verkraftet und was letztlich zu seinem Tod führt. Diese Verbindung des Stereotyps der „schönen Polin“ mit dem Motiv der zerstörerischen femme fatale, der grausamen Bezwingerin männlicher Herzen, kehrt in der deutschen Literatur sehr häufig wieder.
Um jedoch nicht den falschen Eindruck zu erwecken, dass die „schöne Polin“ vor allem Gegenstand des Interesses deutscher Schriftsteller und nicht Schriftstellerinnen sei, werfen wir noch einen Blick in den Roman „Polnisches Journal. Aufzeichnungen von unterwegs“ von Tina Stroheker. Und hier eine Überraschung: Auf das Stichwort „schöne Polin“ reagiert eine der Erzählerinnen – ein namenloses Kind – mit Verwunderung. Aus kindlicher Sicht ist ein solches Stereotyp unbegreiflich, ebenso wie das abstrakte Polen. Dieser Sichtweise widerspricht jedoch eine andere Erzählerin des Romans, vielleicht das Alter Ego der Autorin selbst, die sehr viel unternimmt, um Polen und Polinnen kennenzulernen – allerdings nicht über Stereotype, sondern über die Sprache und die Literatur.
Eine interessante Funktion erfüllt das Stereotyp der „schönen Polin“ auch im Roman „Oberschlesische Passion“ von Viktor Paschenda, einem Werk, das vor Emotionen nur so sprüht und dessen Spannung sich aus dem polnisch-deutschen Antagonismus speist. Die Handlung spielt in einer der kritischsten Phasen der polnisch-deutschen Beziehungen und zudem im oberschlesischen Beuthen: Der Zweite Weltkrieg endet und die Rote Armee rückt in die Stadt ein, die nach einiger Zeit unter polnische Verwaltung gestellt wird. Eine Zeit des Terrors und des erbarmungslosen Kampfes ums Überleben beginnt, und ein eindrucksvolles Symbol der neuen Zeiten wird das ehemalige NS-Lager im Stadtzentrum, das von der neuen kommunistischen Macht mitsamt seiner gesamten Infrastruktur übernommen wird. Einer der Gefangenen des Lagers ist der Deutsche Helmut, der – wie viele andere – unter Zwang unter Tage eingesetzt wird. Als er beschließt zu entkommen, verhilft ihm die schöne Frau Skrzesińska zur Flucht – eine Polin, die aus Warschau nach Beuthen gekommen ist und deren Mann in Katyn ermordet wurde. Helmut gelingt die Flucht, und die „schöne Polin“, die ihr eigenes Leben riskiert, wird zum Symbol moralischer Standhaftigkeit und Widerstandskraft gegen die Hassrede, die damals nahezu überall zu hören ist.
Zum Schluss lohnt es sich noch, den breiten epischen Weg der Literatur zu verlassen und ihre seltener begangenen – lyrischen – Pfade zu betreten. Denn die Bilder der „schönen Polin“ erscheinen – erfreulicherweise – auch in der Poesie. Wir finden sie etwa beim Gleiwitzer und Berliner Dichter Arthur Silbergleit, konkret in zwei Gedichten mit vielsagenden Titeln: „Polnische Frauen“ und „Polnische Tänzerinnen“. Und man muss es gleich sagen: Auch diesmal werden Polinnen eindeutig positiv dargestellt, ohne jede Spur von Ironie, Pathos oder Trivialität. Dafür gibt es – wie könnte es anders sein! – sinnliche Schönheit, aber darüber hinaus Träumerei, Eleganz, Mystik und sogar Transzendenz. Bei Silbergleit sind Polinnen geradezu ätherische Wesen, die sich in einem märchenhaften Raum zwischen Einbildung und Wirklichkeit bewegen. Vor allem aber sind sie Gebilde poetischer Fantasie. Und gerade in dieser Gestalt – lyrisch, nicht national – erscheinen sie am interessantesten.

