Wenn ein Gericht seine eigene Geschichte erzählt und jedes Rezept eine kleine Reise durch Geschmäcker und Kulturen ist, unternehmen wir also – vielleicht ein wenig augenzwinkernd – einen Streifzug durch die historischen schlesischen Selbstbedienungsrestaurants. Ihre Spuren finden wir auf alten Postkarten, in Adressbüchern, auf Fotografien aus Familienalben oder in Zeitungen.
Selbstbedienungslokale sind heutzutage keine technische Sensation mehr. Doch es wäre ein Irrtum zu glauben, dieser Trend sei aus Übersee nach Europa gekommen. Das erste vollautomatisierte Restaurant wurde in Deutschland eröffnet, und zwar in Berlin. Das Experiment mit bedienungsfreiem Service begann bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Der Schokoladenfabrikant Ludwik Stollwerck gründete im Jahr 1898 gemeinsam mit dem Ingenieur Max Sielaff und der Kaufmannsfamilie Schmidt die Firma „Automat GmbH“. Das Unternehmen produzierte und wartete Automaten zur Ausgabe von Speisen und Getränken und belieferte damit ein wachsendes Netz von Gaststätten.
Sielaffs Erfindung veränderte den Alltag und das gesellschaftliche Leben: Einerseits löste sie das Problem der Verpflegung bei unregelmäßigen Arbeitszeiten, kurzen Pausen und fehlenden Kantinen und revolutionierte zugleich die Art und Weise, wie Mahlzeiten ausgegeben wurden.

Papier firmowy.
Źródło: Archiwum Państwowe w Szczecinie.
Der Ablauf war denkbar einfach. Nach dem Betreten eines „Kaiser-Automat-Restaurants“ tauschte der Gast an der Kasse Bargeld gegen Wertmarken. Diese warf er in einen Wandautomaten ein. Das Gerät schob daraufhin ein Glasgefäß oder eine Tasse mit heißer Bouillon, Kaffee, Limonade, Bier, Wein oder Likör hervor. In verglasten Fächern präsentierten sich warme Gerichte, Salate, belegte Brote und Kuchen. Per Knopfdruck, Drehgriff oder nach Einwurf einer weiteren Marke wurde das gewählte Gericht auf einem Teller ausgegeben. Der Gast nahm Platz – und speiste. Schnell, günstig und effizient.
Eine neue Art zu essen
Die unter dem Namen „Kaiser-Automat-Restaurant“ betriebenen Lokale boten niedrige Preise, kleine Portionen und eine abwechslungsreiche Speisekarte. Sie waren nicht nur technisch innovativ, sondern zeichneten sich auch durch ihre Architektur und eine elegante Jugendstil-Innenausstattung aus. Kein Wunder also, dass Begeisterung und Mode der Selbstbedienung rasch weitere Städte erfassten. In Breslau, Glogau, Liegnitz, Kattowitz, Beuthen, Königshütte, Hindenburg, Ratibor, Oppeln und Neisse entwickelten die Filialen innerhalb des Netzwerks eigene gastronomische Konzepte. Manche setzten auf Eintopfgerichte, gebratene Würstchen mit Kartoffelsalat oder Frikadellen, andere auf Kuchen und Kaffee. Entscheidend war die Vielfalt – und ihre Attraktivität.
Selbstbedienungslokale sind heutzutage keine technische Sensation mehr. Doch es wäre ein Irrtum zu glauben, dieser Trend sei aus Übersee nach Europa gekommen. Das erste vollautomatisierte Restaurant wurde in Deutschland eröffnet, und zwar in Berlin.
Die Speisekarte konnte sich sehen lassen: Beefsteak und ungarisches Gulasch kosteten 30 Pfennig, ein warmes Hummergericht 50 Pfennig. Belegte Brote mit Lachs, Sardinen, Käse, Fleisch oder Ei wurden für 10 Pfennig angeboten. Ebenso viel zahlte man für dampfende Kartoffelpuffer, Bouillon, ein Stück Torte, eine Tasse Kaffee, ein Glas Bier oder einen Weißwein. Manche Automaten waren mit Münzeinwurf ausgestattet, und der Automat gab das Wechselgeld sogar in Fünf-Pfennig-Münzen zurück.
Neue Eröffnungen wurden mit eingängigen Werbeslogans begleitet: „Speisen aus dem Schrank“ oder „Essen rund um die Uhr“. Die Versprechen klangen modern und verlockend – und die Zahl der Gäste wuchs stetig.

Kaiser-Automat-Liegnitz 1912.
Quelle: fotopolska.eu
Obwohl ich kein Freund der heutigen Fast-Food-Kultur bin, würde ich aus reiner Neugier gern jedes schlesische „Kaiser-Automat-Restaurant“ besuchen, um mir selbst ein Bild von Funktionalität und Küchenqualität zu machen. Die Standorte waren hervorragend gewählt – meist am Marktplatz oder im Stadtzentrum.
Ein Automat in Gleiwitz
Versetzen wir uns nun in das damalige Gleiwitz, Wilhelmstraße 38. Am 22. Dezember 1904 wurde dort feierlich ein „Kaiser-Automat-Restaurant“ eröffnet. Das Datum war wohl kaum zufällig gewählt – kurz vor Weihnachten dürfte der Andrang groß gewesen sein. Ein heißes Gericht oder ein belegtes Brot aus einem der neuartigen Max-Sielaff-Automaten, dazu ein Glas gutes Bier im Ambiente technischer Modernität – das hatte zweifellos seinen Reiz. Bei Schwierigkeiten mit der Selbstbedienung stand im Saal diskret ein Kellner bereit, um zu helfen.
Das Gleiwitzer Restaurant gehörte zunächst Adolf Schnapke, geführt wurde es aber von Max Leysahl. 1908 übernahm Joseph Nulander den Betrieb, später benannte Max Lehmann das Lokal in „Grand Automat“ um. Zuvor erschienen im „Der Oberschlesische Wanderer“ regelmäßig Anzeigen mit dem Wochenmenü. Am Freitag, dem 10. April 1908, wurden Fischkoteletts beworben, am Samstag, dem 25. April, Königsberger Klopse. Im Juni servierte die Küche Schmorbraten und Rauchfleisch mit Sauerkohl, zu Pfingsten Kalbskeule oder Kaiserrolladen. Im Juli standen Schweinebraten, Rindfleisch mit Dillsauce und Bockwurst mit warmem Salat auf dem Programm. Jedes Gericht kostete 30 Pfennig. Besonders häufig warb der Inhaber für Mittagsgerichte und „alle Sorten“ Bier – ein Versprechen, das ebenso bodenständig wie zeitlos klingt.

Anzeigen verschiedener Kaiser-Automat-Restaurants.
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek
Obwohl sich das Konzept des „Kaiser-Automat-Restaurants“ im Laufe der Zeit nicht bewährt hat und diese Lokale von der gastronomischen Landkarte der Großstädte verschwunden sind, haben sowohl die Automaten selbst als auch das Prinzip der Selbstbedienung und der zeitlich unbegrenzten Verfügbarkeit von Speisen, die nach dem Bezahlen aus einer Schublade gleiten, dauerhaft Eingang in die weltweite Konsumkultur gefunden.
Ebenso gut behauptet sich die klassische Erbsensuppe, die einfach immer schmeckt. Ganz gleich, ob sie einst in einem Restaurant ohne Koch serviert wurde oder auf traditionelle Weise, wenn ein lächelnder Kellner durch den Saal zum Tisch schwebte, an dem ich ungeduldig auf mein Gericht wartete. Ich glaube jedoch, ich würde die Begegnung mit einem echten Menschen der Meditation über einen seelenlosen Automaten vorziehen …
Erbsensuppe

Erbesensuppe.
Foto: M. Janik
Zutaten
200 g gelbe Erbsen
1½ l Brühe von Rauchfleisch, Schwarten, Suppengemüse
Salz
20 g Butter oder Fett
20 g Mehl
30 g geräucherter Speck
1 EL Zwiebelwürfel
Petersilie
Zubereitung
Die verlesenen und gewaschenen Erbsen werden am Vorabend des Kochtages eingeweicht, am Kochtag entweder nur in dem Einweichwasser mit Salz und Suppengemüse oder unter Zusatz von Brühe in 2–2½ Stunden weichgekocht und dann durch ein Sieb gestrichen. Die Masse wird zum Auffüllen der hellen Mehlschwitze verwendet.
Speck und Zwiebelwürfel werden hellbraun geröstet und vor dem Anrichten zusammen mit der Petersilie zur fertigen Suppe gegeben.
Schwarten oder ¼–½ Pfund Rauchfleisch können in der Suppe mitgekocht und das Fleisch, in Würfel geschnitten, in die fertige Suppe gegeben werden.
Geröstete Semmelbrötchen eignen sich als Beigabe.
Małgorzata Janik