In Kattowitz stand einst eine der prächtigsten und größten Synagogen Deutschlands. Die Geschichte dieses besonderen Gotteshauses steht symbolisch für das einstige multireligiöse Zusammenleben, die Bedeutung der jüdischen Gemeinde wie auch ihr tragisches Schicksal.
Eine dynamisch wachsende Gemeinde
Die jüdische Gemeinde von Kattowitz hat ihre Wurzeln im frühen 19. Jahrhundert. Die ersten jüdischen Gottesdienste fanden 1850 im heutigen Stadtteil Bogutschütz statt, doch erst der Bau einer eigenen Synagoge 1861/62 ermöglichte die Gründung einer eigenen Gemeinde 1865. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Wirtschaft und Bevölkerung von Kattowitz dynamisch. Dies betraf jüdische Kattowitzer, deren Mitglieder in verschiedensten Positionen, inklusive als Mitglieder des Stadtrates, zum Aufschwung beitrugen. Die Gemeinde war dabei heterogen. Ein Teil ihrer Mitglieder verstand sich als Deutsche jüdischen Glaubens und war oft liberal, während ein anderer Teil eher ostjüdisch und konservativ geprägt war. Darüber hinaus nimmt Kattowitz in der jüdischen Geschichte einen wichtigen Platz ein, da hier die Kattowitzer Konferenz stattfand. Dies war der erste Kongress der zionistischen Bewegung, der die Schaffung des Staates Israel forderte.
Ein ambitionierter Neubau
Mit der wachsenden Anzahl an Gläubigen reichte der Platz in der alten Synagoge trotz Ausbaus nicht mehr. So erwarb die jüdische Gemeinde ein Grundstück an der heutigen Mickiewiczstraße, was die Möglichkeit für einen stadtprägenden Bau gab. Den Entwurf für den Neubau lieferten die Architekten Max und Hugo Grünfeld. Dies waren die Söhne von Ignatz Grünfeld, dem Erbauer der ersten Kattowitzer Synagoge.
Die Gebrüder Grünfeld schlugen einen eklektischen Bau vor, der die Elemente der Neogotik, der Neorenaissance und des neomaurischen Stils verband. Damit bewegten sie sich innerhalb der architektonischen Trends der damaligen Strömungen reformierter Synagogen im deutschsprachigen Raum. Von außen sollte das Gotteshaus mit rotem Backstein und Sandstein dekoriert werden. Die Synagoge war von vornherein als Monumentalbau gedacht und sollte sowohl in ihrer Dimension als auch im Detail den prächtigsten Synagogen Berlins oder Bochums ebenbürtig sein.

Gedenkstein am ehemaligen Standort der Großen Synagoge in Kattowitz.
Foto: Martin Wycisk
Nach der Grundsteinlegung im Jahr 1896 dauerte der Bau vier Jahre, bis die Große Synagoge am 12. Oktober 1900 unter Beisein der Gläubigen und Vertreter der Stadtverwaltung eröffnet wurde. Die Große Synagoge beeindruckte mit einer gewaltigen Kuppel, die den Hauptgebetssaal mit 1.200 Plätzen krönte. Dabei fanden Männer im Erdgeschoss und Frauen auf den Emporen Platz. Der Innenraum war mit ornamentalem Dekor, farbigen Glasfenstern und einer sorgfältig gestalteten Umrahmung des Toraschreins ausgestattet.
Die neue Synagoge war von Anfang an weit mehr als ein Gotteshaus. Zum Komplex gehörten wichtige Begleitbauten, u. a. eine Mikwe, ein rituelles Bad, eine Mazzenbäckerei und ein ritueller Schlachthof. So entstand ein kompaktes religiös-gesellschaftliches Zentrum der Kattowitzer Juden im Herzen der aufstrebenden Industriestadt, das gleichberechtigt neben christlichen Gotteshäusern und öffentlichen Repräsentationsbauten das Stadtbild prägte.
Zerstörung im September 1939
Im Plebiszit unterstützten die Kattowitzer Juden größtenteils den Verbleib bei Deutschland. Deshalb wanderten nach 1922 viele von ihnen aus, u. a. nach Breslau und Beuthen. Gleichzeitig siedelten sich Juden aus Zentralpolen in Kattowitz an. Obwohl auch in Polen Antisemitismus ein Problem war, kehrten seit 1933 viele Kattowitzer Juden aus Deutschland zurück. Denn die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland leitete die Phase der eskalierenden Repressionen gegen die jüdische Bevölkerung ein, die 1938 in der Reichspogromnacht gipfelte.
Der deutsche Angriff auf Polen am 1. September 1939 steht auch für die Ausweitung der antisemitischen Gewalt auf den östlichen Teil Oberschlesiens. Am 3. September 1939 besetzte die Wehrmacht Kattowitz, und fünf Tage später steckten deutsche Soldaten die Synagoge in Brand. Die Flammen erfassten rasch Dach und Kuppel, und der Feuerwehr wurde verboten, das Gebäude zu löschen – sie durfte lediglich die Nachbarhäuser schützen. Gegen 3.30 Uhr in der Nacht zum 9. September stürzte die Kuppel ein. In den folgenden Wochen ordneten die deutschen Behörden an, dass die jüdische Gemeinde die Ruinen auf eigene Kosten abtragen müsse. Anfang 1940 wurden die Kattowitzer Juden in die Ghettos von Sosnowiec und Bedzin oder in Zwangsarbeitslager deportiert. Nicht wenige von ihnen wurden in Auschwitz ermordet.
Die meisten Kattowitzer Juden überlebten den Holocaust nicht oder kehrten nach dem Krieg nicht in ihre Heimat zurück. Nach dem Krieg zogen nur wenige polnische Juden nach Kattowitz, sodass eine kleine Gemeinde erst 1993 wieder gegründet werden konnte. Dort, wo bis 1939 die Große Synagoge stand, erinnert seit 1988 ein Gedenkstein an die Kattowitzer Juden. Der Platz selbst trägt seit 1990 offiziell den Namen Synagogenplatz.
Martin Wycisk