30 Jahre Ferienwerkstätte des DFK Schlesien

„Wildgrund ist für uns wie ein Märchen“

30 September 2026, 11:20 Bildung

Dreißig Jahre Ferienwerkstätte in Wildgrund sind ein Anlass für Erinnerungen, Begegnungen mehrerer Generationen von Teilnehmern sowie für die Rückkehr zu einer Geschichte, die im Laufe der Jahre zu einem wichtigen Teil der Tätigkeit des DFK Schlesien geworden ist. Die Ferienwerkstätte in Wildgrund bieten nicht nur Erholung in den Sommerferien, sondern auch eigene Lieder, Traditionen, Bräuche und eine gemeinsame Sprache, die am besten jene verstehen, die wenigstens einmal Teil dieser Welt waren.

Mit Agnieszka Dłociok, Leiterin der Ferienwerkstätte, sprach Manuela Leibig anlässlich des 30-jährigen Jubiläums. Es geht um drei Jahrzehnte Ferienwerkstätten, den dortigen Alltag, den erzieherischen Auftrag, die Pflege deutscher Identität und die Frage, warum frühere Teilnehmer heute als Betreuer zurückkehren.

Dreißig Jahre Ferienwerkstätten sind ein großes Stück Geschichte. Was sorgt dafür, dass diese Tradition bis heute fortbesteht?

Ich denke, vor allem, weil sich die Kinder dort einfach wohlfühlen. Im Laufe der Jahre haben wir unsere eigene Arbeitsweise, unsere Traditionen und unsere eigene Atmosphäre entwickelt.

Unser Motto lautet: „Wenn das Betreuerteam Spaß hat, dann hat die ganze Ferienwerkstätte Spaß.“ Und da ist wirklich etwas dran. In Wildgrund sind wir locker. Wir müssen keine Masken tragen, niemanden vorspielen, der wir nicht sind, und wir müssen nicht darüber nachdenken, was jemand über uns denken oder sagen könnte. Wir fühlen uns dort wirklich wohl.

„Wir legen vor allem sehr großen Wert auf die Identität.“

Ich glaube, das ist auch der Grund, warum ich bis heute kein Problem habe, ein Betreuerteam zusammenzustellen. Auch die Kinder spüren diese Atmosphäre.

Und es gibt noch etwas sehr Wichtiges: die Kontinuität. Mittlerweile fahren schon die Kinder meiner früheren Teilnehmer mit mir mit. Das wird tatsächlich von Generation zu Generation weitergegeben. Die Initiatoren waren ganz am Anfang Friedrich Schikora und Georg Kotzorek.

Wie sieht ein typischer Tag während der Ferienwerkstätte aus? Gibt es Elemente, ohne die es nicht mehr „euere“ Werkstätte wäre?

Wir haben einige feste Punkte. Der Tag beginnt um 7.30 Uhr mit dem Wecken. Aber es ist nicht so, dass jemand einfach hereinkommt und sagt: „Aufstehen!“ Das Wecken findet auf Deutsch statt und wird oft von Musik begleitet. In diesem Jahr hatten wir Saxofon und Geige dabei, aber die Instrumente wechseln.

Morgengymnastik beim 30-jährigen Jubiläum des Ferienwerkstätte. Wie früher begann der Tag in Wildgrund mit einem gemeinsamen Aufwärmen. Foto: privat

Um 7.50 Uhr wird gesungen. Manche Lieder singen wir eigentlich jedes Jahr. Wir singen unter anderem „Die Gedanken sind frei“, aber auch Lieder der Gruppe Santiano, zum Beispiel „Gott muss ein Seemann sein“.

Danach folgen Morgengymnastik, Frühstück und das weitere Tagesprogramm. Je nach Programm unternehmen wir Ausflüge, machen Bastelarbeiten, Workshops oder verschiedene andere Aktivitäten.

Auch die Mahlzeiten haben feste Zeiten: Frühstück um 8.30 Uhr, Mittagessen um 13.30 Uhr und Abendessen um 18.30 Uhr.

Am wichtigsten ist aber wohl, dass diese festen Elemente nach einigen Tagen für die Kinder ganz selbstverständlich werden.

Hat das Singen also auch eine identitätsstiftende Bedeutung?

Auf jeden Fall. Die Identität hat für uns wirklich einen sehr hohen Stellenwert.

Die Kinder kommen zu uns als Kinder von Mitgliedern der deutschen Minderheit. Manchmal ist ihr Wissen über die eigene Herkunft oder über die Tätigkeit der Minderheit jedoch gering. Das verändert sich aber.

Immer häufiger können die Kinder, wenn wir sie fragen, aus welchem DFK sie kommen oder wer dem Vorstand der Minderheit angehört, darauf antworten.

Agnieszka Dłociok, Leiterin der Ferienwerkstätten in Wildgrund.
Foto: privat

Und genau darum geht es uns: Nach diesen wenigen Tagen sollen sie nicht nur einige deutsche Lieder kennen, sondern auch besser verstehen, woher sie kommen.

Nach drei oder vier Tagen beginnen die Kinder auf den Fluren und an verschiedenen anderen Orten, unsere Lieder auswendig zu singen. Kinder merken sich solche Dinge sehr schnell.

Im Programm erscheinen auch Themen zur Geschichte der Region.

Ja. Wir versuchen immer, Personen oder Ereignisse zu finden, die mit Schlesien verbunden und für die Kinder interessant sein können.

Vor einem Jahr hatten wir das Ernst-Wilimowski-Jahr. Mit ihm bin ich übrigens verwandt, denn meine Mutter war eine geborene Willimowski. In diesem Jahr war Gerhart Hauptmann das Leitthema.

Auch das hängt mit unserer Region zusammen. In Neustadt befand sich bekanntlich das große Webereiunternehmen S. Fränkel. Hauptmann war mit Max Pinkus befreundet, dem Eigentümer dieser Fabrik. Pinkus schuf später eine riesige Bibliothek mit schlesischen Autoren und ließ für seinen Freund Hauptmann ein Haus in Agnetendorf bauen.

Natürlich müssen die Kinder nicht alle Daten auswendig lernen. Es geht darum, ihnen zu zeigen, dass die Geschichte der Region, in der sie leben, interessant ist und dass es dort vieles zu entdecken gibt.

Sie erwähnten auch Kunst- und Bastelangebote. Haben diese ebenfalls einen pädagogischen Charakter?

Ja, aber nicht nur. Sie geben den Kindern auch die Möglichkeit, etwas Eigenes zu zeigen.

In diesem Jahr hing die Aufgabe mit der Frage zusammen: Was würdest du jemandem zeigen, der aus dem Ausland zu dir kommt? Die Kinder sollten ein Denkmal oder einen Ort gestalten, der sich in ihrer Umgebung befindet.

Gummibänder an den Händen und gemeinsames Lösen eines Rätsels: Ehemalige Ferienteilnehmer und Betreuer in Aktion. Foto: privat

Das ist auch für die manuelle Geschicklichkeit wichtig. Ich vergleiche die Bastelarbeiten, die zu Beginn unserer Ferienwerkstätten entstanden, mit dem, was die Kinder heute machen. Die manuelle Geschicklichkeit der Kinder ist heute nicht mehr dieselbe wie früher.

Deshalb achten wir sowohl auf die körperliche Fitness – durch Gymnastik und verschiedene Übungen – als auch auf die Geschicklichkeit von Händen und Fingern.

Bei den Ferienwerkstätten gibt es auch Traditionen, die für Außenstehende ziemlich rätselhaft klingen können: „Getränk der Götter“, „Sessel ohne Sessel“. Was verbirgt sich hinter diesen Begriffen?

Wer dabei war, weiß es. Wer nicht dabei war, soll es bereuen. Wir haben bei den Ferienwerkstätten unsere geheimnisvollen Begriffe: „Getränk der Götter“, „Sessel ohne Sessel“, „Stühlchen“ … Für Außenstehende mögen sie seltsam klingen, aber für unsere Teilnehmer sind sie Teil einer gemeinsamen Geschichte. Es ist ein Ferienwerkstätten-Code, den man nicht aus einer Ordnung lernen kann. Man muss einfach bei uns dabei sein. Und gerade deshalb bleiben diese Geschichten wohl noch lange nach dem Ende der Ferienwerkstätten  in Erinnerung.

Unsere Begriffe sollen Freude vermitteln und nicht das Gefühl von Zwang. Auch die Kinder spielen mit uns und machen uns verschiedene Streiche.

Zu diesen Streichen gehören wohl die letzten drei Nächte der Ferienwerkstätten?

Ja. Wir haben die weiße, die rote und die grüne Nacht.

Die weiße Nacht hat mit Nähen zu tun. Natürlich gilt die Regel, dass niemandem wehgetan und nichts zerstört werden darf. Man kann zum Beispiel einen Schlafanzug von oben bis unten zusammennähen oder etwas am Ärmel annähen.

Eine Pause beim Aufstieg auf die Bischofskoppe. Die gemeinsame Wanderung war ein fester Punkt des Jubiläumsprogramms. Foto: privat

Die zweite ist die rote Nacht. Wir nehmen rote Kleidungsstücke weg, und am nächsten Tag müssen sie durch eine Aufgabe „freigekauft“ werden. Man kann einige Kniebeugen machen, ein Stück über das Gelände laufen, ein Gedicht aufsagen oder jemandem ein Butterbrot zubereiten.

Und dann gibt es noch die grüne Nacht – die künstlerischste von allen. Dann darf man schlafende Personen bemalen, doch auch hier gelten sehr konkrete Regeln. Wir benutzen weder Zahnpasta noch irgendetwas, das der Haut schaden oder Türen, Wände oder Spiegel beschädigen könnte. Wir verwenden unsere „künstlerischen Mittel“, also Kajalstifte, Lippenstifte und Lidschatten.

Das sind unsere Feierlichkeiten bei den Ferienwerstätten.

Und was ist mit den Kindern, die zum ersten Mal kommen und Heimweh haben?

Dafür habe ich mein magisches Tuch. Es lindert den Kummer.

Es ist ein gewöhnliches Tuch, das ich vor langer Zeit selbst gemacht habe, weil ich viel stricke. Alle kennen es. Ich erinnere mich an ein Mädchen von vor einigen Jahren, das fast jeden Abend einige Zeit in dieses Tuch eingewickelt verbrachte. Wir arbeiteten an der Dokumentation der Ferienwerstätte, und sie lag unter dem Tuch.

Teilnehmer des diesjährigen Durchgangs vor dem Aufstieg auf die Bischofskoppe. Die gemeinsame Wanderung gehört seit Jahren zu den Traditionen der Ferienwerkstätten Foto: privat

Kinder, die zum ersten Mal kommen, haben manchmal großes Heimweh. Aber ich muss sagen: Die Kinder sind in dieser Hinsicht tapferer als die Eltern – und noch tapferer als die Großmütter.

Zuerst weinen sie, weil sie nicht ohne ihre Eltern einschlafen können, und dann weinen sie, weil sie wieder nach Hause fahren müssen.

Wenn das so funktioniert, dann ist es wirklich gut.

In 30 Jahren waren rund 70 Personen im Betreuerteam tätig. Waren einige von ihnen früher selbst Teilnehmer?

Ja. Und das ist eine der Sachen, über die ich mich besonders freue.

In diesen Jahren waren ungefähr 70 Personen im Betreuerteam. Manche waren nur einmal dabei, andere kehrten immer wieder zurück. Viele begannen als Teilnehmer und wechselten später in das Betreuungsteam.

„Zuerst weinen sie, weil sie nicht allein einschlafen können, und dann weinen sie, weil sie nach Hause fahren müssen.“

Für viele war das, was ich den „Übergang auf die andere Seite der Macht“ nenne, besonders schwierig.

Plötzlich wird jemand, der noch im Jahr zuvor mit dir im selben Zimmer war, zu deinem Betreuer.

Gerade dadurch entstand aber ein Kreis von Menschen, mit denen ich auch außerhalb der Ferienwerstätten zusammenarbeite – in der deutschen Minderheit und bei anderen Aktivitäten.

Was bedeuten Ihnen persönlich diese 30 Jahre? Ist in dieser Zeit bereits so etwas wie ein Ferienwerstätten Archiv entstanden?

Man kann sagen, dass ich beinahe ein Museum habe.

In 30 Jahren habe ich wirklich sehr vieles aufbewahrt. Ich habe alle Briefe, Fotos, Bastelarbeiten, Türschilder und Ergebnistabellen.

Jedes einzelne Stück hat seine Geschichte. Jedes ist mit einer Erzählung verbunden.

Dreißig Jahre Ferienwerstätten in Wildgrund sind ein guter Grund zum Feiern. Eine Jubiläumstorte durfte nicht fehlen. Foto: privat

Sogar Dinge, die auf den ersten Blick Kleinigkeiten sind, erinnern mich an konkrete Menschen und konkrete Situationen.

Wie haben Sie diese Erinnerungsstücke beim 30-jährigen Jubiläum genutzt?

Wir wollten zeigen, wie diese Ferienwerkstätten in all den Jahren aussahen. Deshalb haben wir eine Ausstellung vorbereitet.

Wir zeigten unter anderem frühere Ergebnistabellen, Gruppenarbeiten, Fotos und den Inhalt meines Ordners, den ich über 30 Jahre hinweg gesammelt habe.

Ich habe auch alle Briefe – geordnet nach den einzelnen Durchgängen. Man kann seinen Namen finden und nachprüfen, wie oft jemand bei den Ferienwerkstätten dabei war.

Foto: privat

Auch die Türschilder habe ich, die die Kinder als Antwort auf die Frage gestaltet hatten: „Was sollen andere über dich wissen?“

Als ich sie nun für unser 30-jähriges Jubiläum laminierte, musste ich sehr lachen.

Es gibt wirklich sehr viele dieser Materialien.

Das Jubiläum selbst sollte eine besondere Form haben – eine Rückkehr zum typischen Ferienwerkstättentag. Warum gerade so?

Wir wollten eine Atmosphäre wie während unserer Sommerferien in Wildgrund schaffen. Deshalb kehrten wir zum Wecken, Singen, zur Gymnastik und zu anderen Elementen eines typischen Werkstättentages zurück. Es wurde viel gelacht.

Eine Pause beim Aufstieg auf die Bischofskoppe. Die gemeinsame Wanderung war ein fester Punkt des Jubiläumsprogramms. Foto: privat

Natürlich mussten wir auch auf die Bischofskoppe steigen. Manche aus der Gruppe gingen zwei Mal hinauf, das zweite Mal zum Sonnenaufgang.

Wer nahm eigentlich an dem Jubiläumstreffen teil?

Wir teilten die Teilnehmer in drei Gruppen ein.

Die erste bestand aus Mitgliedern des Betreuerteams mit ihren Partnern. Die zweite aus ehemaligen Teilnehmern mit ihren Partnern. Die dritte Gruppe bildeten die Freunde der Ferienwerkstätte, also Menschen, die diese 30 Jahre gemeinsam mit uns feiern wollten.

Die Zeit fließt wie ein Fluss: Erinnerungen auf einer Brücke in Wildgrund. Foto: privat

Das war mir wichtig, weil diese Ferienwerkstätten im Laufe der Jahre eine bestimmte Gemeinschaft um sich herum geschaffen haben. Nicht nur Kinder und Betreuer, sondern auch Menschen, die mit ihnen verbunden sind und diese Geschichte weiter mitgestalten möchten.

Haben Sie nach 30 Jahren das Gefühl, mehrere Generationen von Ferienwerkstättenkindern großgezogen zu haben?

Ja. Und das ist wohl eines der schönsten Dinge daran. Ich treffe ehemalige Teilnehmer auch außerhalb derWerkstätten. Kürzlich traf ich einen jungen Mann, der heute Imker ist. Er schenkte mir Honig, und natürlich begannen wir, uns an die Ferienwerkstätten zu erinnern.

Er erinnerte sich an unsere Lieder, an verschiedene Situationen, an den „Wermut“ und an das „Stühlchen“. Und genau das ist schön: Sie erinnern sich mit Sympathie und einem Lächeln an diese Dinge.

Denn darum geht es wohl: Dass man nach Jahren nicht nur weiß, irgendwo in den Ferien gewesen zu sein. Man soll sich an Menschen, Lieder, gemeinsame Situationen, Scherze und all die kleinen Dinge erinnern, die damals gewöhnlich erschienen, sich aber nach Jahren als wichtige Erinnerungen erweisen.

Das ist für mich der größte Wert dieser Ferienwerkstätte in Wildgrund.

Was wünschen Sie der Ferienwerstätte für die nächsten 30 Jahre?

Dass es einfach weiterbesteht.

Dass weiterhin Kinder kommen, dass sie zurückkehren möchten und dass wir auch weiterhin Menschen haben, die sich darum kümmern wollen.

Denn wenn ein Kind als Teilnehmer kommt, später als Betreuer zurückkehrt und irgendwann sogar das eigene Kind mitbringt, dann bedeutet das, dass diese Geschichte wirklich lebt.

Und genau das wünsche ich mir: Dass in weiteren 30 Jahren jemand sagen kann: „Ich bin auch dorthin gefahren. Und jetzt fahren meine Kinder dorthin.“

 

 

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