Schulaustausch zwischen Tarnau, Brück und Hille

Gelebte Nachbarschaft

24 Juni 2026, 11:50 Bildung

Von der großen Politik zum echten Leben: Während in Berlin und Warschau das 35-jährige Bestehen des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrags gefeiert wird, füllen 70 Jugendliche diesen Vertrag auf dem Sankt Annaberg mit Leben. Ein Treffen, das zeigt, dass Freundschaft nicht nur auf dem Papier, sondern vor allem auf der Bühne entsteht.

Sankt Annaberg

Wenn 70 Jugendliche gemeinsam Lieder anstimmen, spielt es keine Rolle mehr, wer aus Nordrhein-Westfalen, Brandenburg oder der Woiwodschaft Oppeln kommt. Im Juni verwandelte sich das Pilgerheim auf dem Annaberg in ein lebendiges Labor der Völkerverständigung. Die Grundschule aus Tarnau sowie die Partnerschulen aus Brück (Brandenburg) und die Verbandschule Hille (Nordrhein-Westfalen) trafen sich zum Schüleraustausch.

Eine Brücke über Generationen

Die Wurzeln dieser Partnerschaft reichen weit zurück. „Das erste Treffen war 1998 – wir steuern also direkt auf das 30-jährige Jubiläum zu“, erklärt Zuzanna Sładek-Pietrek, die Direktorin der Schule in Tarnau. Für sie ist der Austausch weit mehr als eine Klassenfahrt: „Es gibt den Schülern Selbstvertrauen, nicht nur in der Sprache, sondern als Menschen. Sie lernen eine andere Kultur und Mentalität kennen.“

Foto: privat

Dass dieser Austausch Generationen überdauert, zeigt das Beispiel von Magdalena Haseloff. Die Lehrerin aus Brück war früher selbst als Schülerin bei den Anfängen dabei und ist nun als begleitende Lehrerin zurückgekehrt. „Ich war, glaube ich, beim allerersten Mal dabei, als der Austausch auf Polen erweitert wurde“, erinnert sie sich lächelnd. „Damals wie heute hat mich die Gastfreundschaft und das gute Essen beeindruckt. Jetzt als Lehrerin zurückzukehren und zu sehen, wie die Schüler nach nur zwei Tagen miteinander tanzen und jubeln, ist eine tolle Erfahrung.“

Foto: privat

Für sie ist das Projekt ein wichtiger Ankerpunkt gegen Vorurteile: „Wir kommen aus Brandenburg, Polen ist unser unmittelbarer Nachbar und wir haben eigentlich viel zu wenig Kontakte. Und schon, dass ich Probleme habe, ‚Guten Morgen‘ und ‚Danke‘ in Polnisch zu sagen, zeigt eigentlich, dass viel zu wenig Kontakt da ist und wir mehr in den Austausch gehen sollten. Und das hat dieser Austausch hier gezeigt: Nach zwei Tagen haben sie gejubelt und getanzt miteinander – das war sehr schön zu sehen.“

Musik als universeller Kleber

Das Besondere an dieser Kooperation ist der musikalische Fokus. Während die Schüler aus Hille (NRW) sogar ihre eigenen Techniker und eine komplette Band-Ausrüstung mitbrachten, sorgten die Gastgeber aus Tarnau für den organisatorischen Rahmen. Anke Kophas von der Verbandschule Hille, betont die Intensität: „Wir proben am Nachmittag und am Abend, oft sogar nach langen Ausflügen nach Krakau oder Oppeln. Wir mixen die Gruppen, singen gemeinsam und bringen am Ende alles in einem großen Konzert zusammen.“

Foto: privat

Die logistische Mammutaufgabe in diesem Jahr stemmte Veronika Kunert. Die Lehrerin aus Tarnau wählte bewusst den Annaberg als Standort: „Wir brauchten Platz für 70 Personen zum Üben und zur Integration“, erklärt sie. Dabei galt es auch, Unterschiede zu überbrücken: „Unsere Schüler aus der 8. Klasse sind 14 oder 15 Jahre alt, die Schüler aus Hille teilweise schon 17 oder 18. Aber beim Karaoke am Abend spielt das Alter keine Rolle mehr. Die Musik verbindet sie sofort.“

Perspektivwechsel der Jugend

Für die Schüler selbst ist die Woche ein Sprung ins kalte Wasser – sprachlich und kulturell. Maksymilian Szczakiel (6. Klasse der Grundschule in Tarnau) gibt zu, dass er einfach neugierig war: „Das Singen auf Deutsch war gar nicht so schwer, die Lehrer haben uns super geholfen. In den Zimmern haben wir abends oft einfach weitergesungen.“ Sein Mitschüler Piotr Wrzeciono (8. Klasse der Grundschule in Tarnau) ergänzt pragmatisch: „Ich kommuniziere meistens auf Englisch mit den Schülern aus Deutschland. Am coolsten war das Karaoke und der Tischtennis-Tisch im Keller.“

Abschlusskonzert
Foto: Manuela Leibig

Auf deutscher Seite moderierte die 16-jährige Annika aus Brück das gemeinsame Programm des großen Abschluskonzertes „Ich war anfangs skeptisch, wie man sich am besten unterhält, aber es ist voll okay“, berichtet sie. Besonders die Zusammenarbeit mit den polnischen Mädchen beim Gesang beeindruckte sie: „Wir haben uns entschieden, gemeinsam einen Song von Justin Bieber zu singen. Es macht einfach Spaß, auch wenn es wesentlich mehr Arbeit ist als eine normale Klassenfahrt.“

Ein Vertrag, der Früchte trägt

Dass solche Begegnungen über Jahrzehnte Bestand haben, ist auch eine Frage der Finanzierung. Damit die Kosten des Jugendaustausches für die Familien erschwinglich bleiben, gibt es starke Partner im Hintergrund. Jedes Jahr fördert das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW) die Begegnung. „Ohne diese Förderung wäre ein Austausch über diese weite Entfernung finanziell gar nicht realisierbar“, betont Anke Kophas. Geht es für die Schüler aus Oberschlesien nach Deutschland, springt zudem die Gemeinde Tarnau ein, um die Reisekosten zu stemmen.

Foto: Manuela Leibig

Wenn am Ende der Woche bei dem großen Abschlusskonzert die zweisprachige „Austausch-Hymne“ im Gemeindekulturzentrum in Tarnau erklang, wurde deutlich: Die große Politik hat vor 35 Jahren die Tür geöffnet, aber hindurchgegangen sind die Lehrer und Schüler aus Tarnau, Brück und Hille. Sie haben bewiesen, dass gute Nachbarschaft dort beginnt, wo man gemeinsam an einem Strang zieht – oder eben gemeinsam ein Lied anstimmt.

Teilen:
Vertrag, Annaberg und wir
vorheriger Artikel

Vertrag, Annaberg und wir

Ansichtssache