Ein Poetry-Slam-Workshop im Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen verbindet kreative Sprachpraxis mit Geschichte, persönlichen Erfahrungen und Mehrsprachigkeit.
„Wenn wir unsere Eindrücke ausdrücken,
dann wenden wir uns in Wendungen.
Wir wenden uns an Windungen in unserem Gehirn.
Wenn Dinge dank Gedanken aus dem Nichts entstehen,
ist das Plansoll erfüllt: eine eigene Welt aus Ideen.“
Mit diesen Zeilen eröffnete Bas Böttcher die öffentliche Präsentation der Ergebnisse eines Poetry-Slam-Workshops im Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen in Oppeln. Am 23. und 24. Oktober leitete der deutsche Poetry-Slam-Poet einen Workshop, in dem junge Erwachsene eigene deutschsprachige Texte entwickelten und anschließend vor Publikum präsentierten.

Aus Begriffen und Eindrücken der Dauerausstellung entwickeln die Teilnehmerinnen eigene Texte und persönliche Perspektiven.
Foto: Michał Grocholski
Ausgangspunkt für die Texte war die Dauerausstellung des Zentrums. Die Teilnehmerinnen ließen sich von Begriffen und Eindrücken aus der Ausstellung sowie von persönlichen Assoziationen inspirieren. Dabei ging es unter anderem um Sprache, Gerechtigkeit, Versöhnung und die Frage, wie sich historische Erfahrungen und die eigenen Gedanken dazu in Texte übersetzen lassen.
Von der Ausstellung zum eigenen Text
Jessica Nuss, ifa-Kulturmanagerin am Dokumentations- und Ausstellungszentrum, erläutert, wie aus einem Ausstellungsbesuch ein literarischer Text entstehen kann. Sie hat das Projekt initiiert und umgesetzt. Die Teilnehmerinnen hätten zunächst Wörter notiert, die ihnen in der Ausstellung auffielen oder sie emotional berührten. Anschließend hätten sie mithilfe verschiedener Kreativtechniken mit diesen Begriffen gespielt und erste Textfragmente entwickelt.
„Es ging vor allem darum, sich von unserer Dauerausstellung inspirieren zu lassen und anhand dessen und anhand eigener Erfahrungen und Assoziationen einen Text zu schreiben“, erklärt Nuss.
Darin sieht sie den zentralen Mehrwert des Projekts. Die vertiefte kreative Auseinandersetzung mit der Ausstellung könne einen neuen Blick auf die Ausstellung eröffnen. Indem die Teilnehmerinnen des Workshops eigene Assoziationen fanden und sich eigene Gedanken zur Ausstellung machten, sei es auch darum gegangen zu zeigen, dass sich durch die Ausstellung „Welten eröffnen, die so auf den ersten Blick nicht sichtbar sind.“
„Durch den Ausstellungsbesuch konnten wir schon ganz viele Kristallisationspunkte für Ideen finden.“
Bas Böttcher
Auch Bas Böttcher sieht im Ausstellungsbesuch eine wichtige Grundlage für die Textarbeit des Workshops. „Wenn wir die drei Elemente haben, also Idee, Text und Show, dann gibt es in all diesen drei Bereichen kleine Tricks“, erklärt er. Die Ideenfindung sei der erste Schritt. Der Besuch der Ausstellung habe dabei geholfen: „Dadurch konnten wir schon ganz viele Kristallisationspunkte für Ideen finden.“
Neue Perspektiven auf vertraute Dinge
Michalina Olejnik war für den Workshop aus Breslau angereist. Sie tritt seit etwa einem Jahr bei Poetry Slams auf und wollte im Workshop zugleich ihre Deutschkenntnisse auffrischen und die Sprache praktisch anwenden. Besonders interessant fand sie die konkreten Übungen zur Ideenfindung.
Eine Übung habe dazu angeregt, Dinge aus einer ungewohnten Sichtweise zu betrachten. Von dieser Übung ausgehend bildeten die Tramsitze, die in der Ausstellung zu sehen sind, den Ausgangspunkt für ihren Text. Das Gedicht, das sie zum Abschluss präsentieren konnte, setzt sich mit dem Vergehen der Zeit auseinander. Michalina Olejnik beschreibt ihre Ausgangsidee: „Die Zeit, die läuft, also ein Läufer der Zeit und wie er sich fühlt, welche Gedanken er haben kann, welche Fragen ich habe.“
Die Arbeit mit solchen Assoziationen habe ihr gezeigt, wie sich aus zunächst ungewöhnlichen Gedanken neue Texte entwickeln lassen. Auch die im Workshop kennengelernten Kreativtechniken möchte sie künftig nutzen. Sie habe die Methode teilweise bereits gekannt, aber davor noch nicht beim Schreiben angewandt, erklärt Olejnik.
Schreiben, sprechen und präsentieren
Für Böttcher besteht Poetry Slam nicht allein aus dem Verfassen eines Textes. Ebenso wichtig sind die sprachliche Gestaltung und die Präsentation. Neben der Ideenfindung und dem Schreiben gehe es deshalb auch darum, wie ein Text vorgetragen wird und welche Wirkung Sprache durch Rhythmus, Laute und den körperlichen Einsatz entfalten kann.

Bei der Abschlusspräsentation brachten die Teilnehmenden ihre Texte auf die Bühne.
Foto: Michał Grocholski
„Und Poetry Slam hat ja immer auch was Situatives, das heißt, die Gedichte werden für den Moment geschrieben“, sagt Böttcher während der Abschlusspräsentation.
Für den Workshop bedeutete das, die entstandenen Texte nicht nur schriftlich auszuarbeiten, sondern auch eine geeignete Form für ihre Vorstellung vor Publikum zu finden. Dabei spielte die Mehrsprachigkeit der Region eine besondere Rolle. Die Texte wurden auf Deutsch verfasst und eingesprochen, während bestimmte Schlagworte bei der Präsentation auf Polnisch eingeblendet wurden.
Jessica Nuss erklärt, dass die visuelle Umsetzung dazu beitragen sollte, auch Menschen ohne Deutschkenntnisse einen Zugang zu den Inhalten zu ermöglichen. Die Visualisierung wurde mit einem von Böttcher entwickelten Programm erstellt.
Die im Workshop entstandenen Videoclips sollen nach einer finalen Überarbeitung auch online zugänglich gemacht werden.
Ein gemeinsamer Abschluss vor Publikum
Die öffentliche Präsentation bildete den Abschluss der beiden Workshoptage. Neben den neu entstandenen Texten trugen Bas Böttcher und Teilnehmerinnen des Workshops weitere eigene Gedichte vor, die sie bereits vor dem Workshop verfasst hatten. So erhielten die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht nur Einblicke in die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit, sondern auch die Gelegenheit, unterschiedliche Texte und Zugänge zum Poetry Slam kennenzulernen.
Nuss zieht eine positive Bilanz. Die Zusammenarbeit mit Böttcher sei sehr gut gewesen. Besonders interessant sei für sie gewesen, wie sich aus wenigen Stichwörtern der Ausstellung persönliche und emotionale Texte entwickeln konnten. Sie könnte sich auch vorstellen, das Format mit einigen Anpassungen zu wiederholen. „Das Format ist in Zukunft, vielleicht mit leichten Modifikationen und vielleicht auch in Zusammenarbeit mit polnischen Poetry-Slammern, auf jeden Fall wiederholbar“, resümiert Jessica Nuss.