16. Festival des deutschen Liedes

Märchen, Musik und Begeisterung

29 Oktober 2026, 11:30 Kultur

Beim 16. Festival des deutschen Liedes in Malapane feierten hunderte Kinder aus Kindergärten und Grundschulen die deutsche Sprache mit viel Musik und Begeisterung.

Es ist dunkel im Gemeindesaal von Malapane an diesem Freitag – fast wie im Kino. In den Reihen sitzen Kinder aus Kindergärten und Grundschulen in Oppeln, Raschau, Groß Stein, Tarnau und Przywor. Manche von ihnen sind als Gruppe verkleidet, etwa mit rotem Cape und roter Haube. Begleitet werden die Kleinen von ihren Lehrerinnen und Lehrern, gekommen sind aber auch die Eltern. Der diesjährigen Eröffnung des Festivals wohnte auch die Konsulin der Bundesrepublik Deutschland in Oppeln, Marlen Sulzer, bei.

Von Märchen, Tieren und großen Auftritten

Auf eine Leinwand hinter der Bühne ist ein buntes Bild projiziert. Jetzt bitten die beiden Moderatorinnen vier Kinder auf die Bühne. Sie tragen bayerisch angehauchte Trachten und bunte Stirnbänder, auf denen jeweils ein anderes Tier abgebildet ist. Wer genauer hinschaut, sieht, dass sie auch Kuscheltiere in den Händen halten: dieselben Tiere – Esel, Hund, Katze und Hahn. Die Mikrofone werden kurz auf die Größe der Sängerinnen und Sänger eingestellt, und dann beginnt der Soundcheck. Alle vier dürfen der Reihe nach einmal „Hallo“ sagen. Bei einem ist das Mikrofon noch zu tief. Nach einer kurzen Anpassung ist das zweite „Hallo“ im ganzen Saal hörbar, und jetzt geht es auch schon los: Die vier singen freudig die Bremer Stadtmusikanten. Nach dem Applaus stellen sie sich strahlend vor und nennen ihren Namen sowie das Tier, das sie darstellen.

„Die Kinder haben enorme Freude hier aufzutreten, und sie warten eigentlich schon das ganze Jahr darauf, bis sie wieder auftreten können.“ – Barbara Wallusch, Vorstandsmitglied Pro Liberis Silesiae

Die Kinostimmung an diesem Morgen ist gewollt, denn der Verein Pro Liberis Silesiae hat die 16. Ausgabe des traditionellen Festivals unter das Motto „Deutsche Märchen- und Filmmusik“ gestellt. Bei den Kindergartenkindern waren Märchenlieder besonders beliebt. Auf dem Programm standen unter anderem Lieder über Hänsel und Gretel, Dornröschen und Rotkäppchen. Bei den Primarschülerinnen und -schülern folgten die Klassen 1 bis 3, dann die Klassen 4 bis 6 und zum Abschluss die Sängerinnen und Sänger der 7. und 8. Klasse. Insgesamt gab es an diesem Freitag 53 Auftritte – sowohl von Gruppen als auch von Solistinnen und Solisten. Am stärksten vertreten waren die Klassen 4 bis 6 mit 26 Auftritten. Eingeladen hatten der Verein Pro Liberis Silesiae und die Grundschule in Raschau dieses Jahr erstmals nach Malapane, denn das Gemeindezentrum in Tarnau, wo die Veranstaltung normalerweise stattfindet, wird aktuell gerade renoviert. Die etwas größere Bühne in Malapane beeindruckte die Kinder zusätzlich.

Ob im Kindergarten oder in den Grundschulklassen – das gemeinsame Singen stärkt spielerisch das Vertrauen in die deutsche Sprache.
Foto: M.O.

Sprachförderung mit Spaß und Gemeinschaftsgefühl

Das Festival des deutschen Liedes wurde vom Verein Pro Liberis Silesiae bereits zum 16. Mal organisiert. Das Event findet immer im Oktober in zeitlicher Nähe zum Tag der deutschen Einheit statt, wie Barbara Wallusch, Vorstandsmitglied des Vereins, erklärt. Das Bühnenerlebnis soll helfen, den Kindern „von klein auf die deutsche Sprache näherzubringen und den älteren Kindern auch das Gefühl vermitteln, dass Deutsch eine lebendige Sprache ist“, sagt Barbara Wallusch. Das Liederfestival hat sich als fixer Termin im Leben der Region etabliert, und viele Eltern und Großeltern sind anwesend, wenn ihr Kind auftritt.

Auf die Fragen der Moderatorinnen antworteten einige der Kinder etwas schüchtern, aber das Singen machte allen sichtlich Spaß. Wie Barbara Wallusch erklärt, ist der Auftritt für die Kinder ein besonderes Erlebnis. „Die Kinder haben enorme Freude hier aufzutreten, und sie warten eigentlich schon das ganze Jahr darauf, bis sie wieder auf der Bühne stehen können“, sagt sie.

Für viele ist es auch nicht der erste Auftritt. Das gilt auch für Walentyna, die in Raschau die dritte Klasse besucht. Sie stand bereits als Kindergartenkind bei dem Festival auf der Bühne und durfte dieses Jahr das Lied über Dornröschen singen. Sie sagt, es habe ihr Spaß gemacht, vorzusingen, und sie wolle nächstes Jahr wieder auftreten. Auch Daria, die ebenfalls in Raschau zur Schule geht, hat ein Märchenlied gesungen. In ihrem Lied geht es um ein kleines Mädchen, das seine Großmutter besuchen will und dabei im Wald einem Wolf begegnet. Sie stand zuvor auch bereits beim deutschsprachigen Theaterfestival von Pro Liberis auf der Bühne. Sie erzählt, dass sie das Lied vor den Proben noch nicht gekannt habe, es aber sehr schnell gelernt habe. „Ich habe nur einen Tag gebraucht“, sagt sie.

Die Liedauswahl ist vielfältig: Sie reicht von ‚Dornröschen‘ über ‚Küss mich, halt mich, lieb mich‘ von Ella Endlich bis hin zu ‚Ein bisschen Frieden‘ von Nicole.
Foto: M.O.

Wie Sandra Triebler, die in Raschau im Kindergarten unterrichtet, erklärt, ist die ganze Gruppe an der Vorbereitung des Auftritts beteiligt. Zunächst übt die ganze Gruppe gemeinsam das Lied. Sobald feststeht, wer auftreten wird, folgen weitere Proben. Sandra Triebler hat dieses Jahr das Quartett, das ‚Die Bremer Stadtmusikanten‘ vorgetragen hat, auf seinen Auftritt vorbereitet. Zur Auswahl des Liedes sagt sie: „Es ist ein schönes Märchen, aber vor allem mögen die Kinder Tiere. Das klappt dann ganz gut.“ Die Proben für das Quartett hätten innerhalb von vier Tagen stattgefunden, dennoch seien vor dem Auftritt alle sehr nervös gewesen: „Schon beim Frühstück im Kindergarten konnten sie kaum essen und sagten, sie seien ganz aufgeregt“, erzählt Sandra Triebler. Zu wissen, dass ihre Lehrerin während des Auftritts dabei ist, gibt den Kindern Sicherheit.

Auch Weronika Kunert, die an den Grundschulen in Tarnau und Groß Stein Deutsch unterrichtet, hat eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern begleitet. Die Schülerinnen und Schüler beider Schulen sind gemeinsam mit dem Bus angereist. Die Lehrerinnen können frei Lieder auswählen, die zum Motto passen. Die Liedauswahl der Kinder aus Tarnau und Groß Stein ist entsprechend vielfältig: Sie reicht von ‚Dornröschen‘ über ‚Küss mich, halt mich, lieb mich‘ von Ella Endlich bis hin zu ‚Ein bisschen Frieden‘ von Nicole. Auch in ihren Klassen werden die Lieder zuerst gemeinsam geübt und dann erst ausgewählt, wer das Lied auf der Bühne vorträgt. „Eigentlich lernen dieses deutsche Lied dann alle Kinder. Und das ist der Sinn“, sagt sie.

Die teilnehmenden Kinder lernen in der Schule oder im Kindergarten Deutsch, aber das Niveau der Sprachkenntnisse ist sehr unterschiedlich. Nur in den Schulen von Pro Liberis Silesiae wird wirklich zweisprachig unterrichtet.  An öffentlichen Schulen lernen die Kinder Deutsch dagegen als Minderheitensprache, wie Barbara Wallusch ausführt: „In unseren Schulen in Raschau und in Oppeln haben sie viel mehr Deutsch als in den öffentlichen Schulen, wo sie nur drei Stunden wöchentlich haben.“

Am Ende gab es keine Verlierer, sondern ausschließlich strahlende Gesichter und verdiente Auszeichnungen für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Foto: M.O.

Dazu kommt, dass die Schülerinnen und Schüler auch zu Hause unterschiedlich viel Deutsch sprechen. Gerade deshalb sollen die Kinder durch das Festival ein nachhaltiges Erlebnis mit der deutschen Sprache haben. Auch von den Kindergartenkindern, die Sandra Triebler betreut hat, werde keines „wirklich zweisprachig erzogen“. Im Moment des Auftritts ist es dann nicht mehr entscheidend, ob Deutsch für die Kinder die erste oder die zweite Sprache ist, meint sie. „Beim Auftritt oder im Unterricht wechseln die Kinder dann ins Deutsche. Dann funktioniert es ganz toll mit dem Deutsch, sie verstehen auch und sie antworten auch auf Deutsch“, sagt sie.

Alle Teilnehmenden sind Gewinner

Eine dreiköpfige Jury war zwar anwesend, hatte aber lediglich eine symbolische Funktion. Die Auszeichnung fand in insgesamt vier separaten Preisverleihungen jeweils im Anschluss an jede Kategorie statt. So holten sich zum Beispiel die 1.- bis 3.-Klässler am späten Vormittag ihre Preise ab. Jedes Kind erhielt einen Einkaufsgutschein. Barbara Wallusch betonte, wie wichtig es sei, allen Kindern, die aufgetreten waren, die gleiche Wertschätzung entgegenzubringen. „Alle kriegen die gleichen Preise und sie werden belohnt dafür, dass sie sich die Mühe gemacht haben, auf Deutsch aufzutreten, dass sie einfach Mut hatten, auf der Bühne zu stehen, was heutzutage nicht so einfach ist bei den Kindern“, sagt sie.

Nachdem die Kinder der Klassen 1 bis 3 ihre Preise abgeholt hatten, wurde das Licht noch einmal gedimmt und es gab eine Zugabe. Sechs Mädchen mit roten Zöpfen standen auf der Bühne. Auf der Leinwand war ein Standbild aus der Serie Pippi Langstrumpf mit Inger Nilsson zu sehen. Die Solokünstler, Duette und Ensembles, die davor selbst auf der Bühne gestanden hatten, lauschten jetzt dem Lied. Vielen Kindern dürfte dieser Auftrittstag noch lange in Erinnerung bleiben – vielleicht bis zum nächsten Festival des deutschen Liedes oder zum Theatertag, zu dem der Verein Pro Liberis Silesiae bereits im Dezember auf dieselbe Bühne einlädt.

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