Henryk Juretko gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Minderheit. Seit 1990 engagiert er sich im DFK Blottnitz und setzt sich für Sprache, Kultur und Geschichte ein. Beruflich war er Bankfachmann und Kreditexperte, später zehn Jahre Vorsitzender der Stiftung für die Entwicklung Schlesiens. Mit ihm sprach Manuela Leibig über seine Leidenschaft für Heimatgeschichte, seine Forschungen und sein Engagement.
Herr Juretko, Ihr Engagement für die deutsche Minderheit begann 1990. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Ich war sofort von Anfang an dabei. Gleichzeitig engagierte ich mich im Verband Schlesischer Bauern. Damals war alles neu. Viele Menschen fragten sich: Was wird daraus? Machen wir uns damit vielleicht Feinde? Es wurde ja bis dahin fast verschwiegen, dass hier überhaupt Deutsche sind.
Ich selbst hatte keine Angst. Ich hatte in Oppeln weiterhin meinen Beruf und verschiedene, auch höhere Positionen im Bankwesen. Ich sagte: ‚Ich bin ich. ‘Und ich wollte etwas tun – für die deutsche Minderheit und für die Menschen hier. Beim Verband Schlesischer Bauern habe ich an den Statuten mitgearbeitet und Bauernfahrten nach Deutschland begleitet.
„Mein Grundsatz lautet: Man lebt nicht nur für die Zukunft, man muss auch die Vergangenheit in sich behalten.“ – Henryk Juretko
Sie waren fast fünf Jahrzehnte im Bankwesen tätig. Wie begann dieser Weg?
Nach dem Abitur im Technikum für Finanzen und Verwaltung in Groß Strehlitz begann meine berufliche Laufbahn 1952 in Gleiwitz. Man musste Zinsen im Kopf berechnen, gebucht wurde mit Federhalter und Kopierstift. Für fünfzig Leute im Saal gab es eine deutsche Rechenmaschine, eine Ascota – da musste man sich vorher in einem Heft eintragen, wann man sie benutzen wollte. Später führte mich mein Weg nach Kandrzin-Cosel und nach Oppeln. Dort übernahm ich Leitungsaufgaben im Kreditbereich und studierte gleichzeitig an der Universität Breslau. In der Folge arbeitete ich bei der Polnischen Nationalbank und wurde mit dem Aufbau einer Investmentbank in Oppeln beauftragt.
Die Mitarbeiter mussten anfangs erst lernen, unter den Bedingungen der Marktwirtschaft zu arbeiten. Ich sagte: ‚Ihr Gehalt bezahlt der Kunde. Wenn er nicht kommt, gibt es auch kein Geld‘.

Henryk Juretko engagiert sich seit 1990 für die deutsche Minderheit und den Erhalt ihrer Sprache und Kultur.
Foto: Tomasz Chabior
Sie wurden auch zum Fachmann für Kreditwürdigkeit und Fachsprache. Wie entstanden Ihre ersten Publikationen?
Das entwickelte sich aus der Praxis. 1992 habe ich zwei Wörterbücher bearbeitet, mit Begriffen aus Ökonomie und Bankwesen – Deutsch und Polnisch. Damals konnte man solche Fachwörterbücher in der Oppelner Region kaum kaufen. Für eine Schulung mit Materialien der Weltbank und der Deutschen Bank übersetzte ich Fachunterlagen und dolmetschte bei Vorträgen. Die wichtigsten Begriffe hatte ich auf der Schreibmaschine vorbereitet. Daraus entstanden die zwei Wörterbücher.
Nach Ihrer Pensionierung übernahmen Sie die Leitung der Stiftung für die Entwicklung Schlesiens.
2001 fragten mich Herr Kroll und Herr Czech, ob ich Präsident der Stiftung werden wolle. Ich war damals 67 und hatte fast 50 Jahre gearbeitet. Doch ich wollte weiter tätig sein.
Ich übernahm die Aufgabe und war zehn Jahre lang Vorsitzender. Meine Erfahrung aus dem Bankwesen konnte ich dort einbringen. Wir interpretierten die für uns gültigen Regeln immer wieder und suchten nach neuen Ideen. Wir boten Gemeinden günstige Kredite zur Verbesserung der Wohnbedingungen an; das Geld wurde zurückgezahlt und konnte für neue Projekte eingesetzt werden.
Parallel dazu blieb der DFK Blottnitz Ihr Herzensprojekt.
Ja. Seit 1990 bin ich dabei. Zunächst war ich stellvertretender Vorsitzender, später habe ich die organisatorische Arbeit übernommen. Bis heute halte ich Vorträge oder mache Projekte wie das Maibaumfest. Ein DFK muss etwas für die Menschen tun.
Eines meiner wichtigsten Projekte ist der Wettbewerb „Es weihnachtet“. Jetzt findet er bereits zum 21. Mal statt. Er richtet sich an Kinder und unterstützt den Deutschunterricht. Eigentlich aber erreicht er viel mehr Menschen: Kinder, Eltern, Großeltern und Lehrer. Insgesamt waren von Anfang an gut und gerne 4.000 Menschen beteiligt.

Mit Vorträgen, Publikationen und historischen Karten setzt sich Henryk Juretko dafür ein, die Geschichte seiner Heimat für kommende Generationen zu bewahren.
Foto: Tomasz Chabior
Heute beschäftigen Sie sich vor allem mit Geschichte. Warum ist Ihnen die lokale Geschichte so wichtig?
Weil wir unsere kleine Heimat kennen müssen. Wenn ich mit Menschen spreche, sage ich: ‚Schauen wir zurück. Wer waren unsere Eltern und Großeltern? Wer wohnte hier? Welche Höfe gab es? Was ist aus ihnen geworden? Wo standen bestimmte Gebäude?‘
Man sollte sich nicht immer mit der großen Politik beschäftigen. Man sollte wissen: Was kann ich hier tun? Was kann ich hier verbessern?
Sie halten auch Vorträge, u. a. vor Schülern. Was möchten Sie vermitteln?
Schulen und Bibliotheken haben mich eingeladen. Besonders bei der Geschichte des Jahres 1945 ist es wichtig, persönliche Erfahrungen zu vermitteln. Für mich war das damals keine abstrakte „Befreiung“. Ich habe Häuser brennen sehen und erlebt, wie Menschen interniert wurden. Deshalb erzähle ich, wie diese Zeit hier vor Ort aussah, und zeige dazu alte Landkarten, auf denen beispielsweise das jetzt nicht mehr existierende Nachkriegslager in Blottnitz eingetragen ist.
Mein Grundsatz lautet: ‚Man lebt nicht nur für die Zukunft, man muss auch die Vergangenheit in sich behalten.‘
Ihre eigene Familiengeschichte gehört zu dieser Erinnerung. Besonders die Geschichte Ihres Vaters.
Mein Vater wurde am 14. Februar 1945 interniert. Er war Schmied. Zunächst musste er sich in Groß Strehlitz melden, später wurde er über Kreuzburg in verschiedene Arbeitslager gebracht. Er arbeitete unter anderem in Laband und Gleiwitz.
Ich selbst wurde am 15. Februar, also einen Tag nach der Internierung, elf Jahre alt. Es lagen ungefähr 60 Zentimeter Schnee. Ich stand stundenlang an unserem Tor und wartete auf meinen Vater. Ich hatte ihn am Vortag verabschiedet und dachte: Er kommt zu meinem Geburtstag zurück. Ich weinte, aber ich glaubte meiner Mutter, die mir schließlich sagte, er komme später.

Fast fünf Jahrzehnte arbeitete Henryk Juretko im Bankwesen, bevor er zehn Jahre lang die Stiftung für die Entwicklung Schlesiens leitete.
Foto: Tomasz Chabior
Später durfte ich mit meiner Mutter zum Lager gehen. Ich wurde zu meinem Vater hineingelassen. Er drückte mich und sagte: ‚So einen Sohn habe ich.‘ Solche Bilder vergisst man nicht.
Der damalige Landrat von Groß Strehlitz, Zygmunt Nowak, stellte für viele Internierte auf Bitten der Familienangehörigen Bescheinigungen über die polnische Staatsangehörigkeit aus und bewahrte damit Hunderte Menschen vor einem weiteren Schicksal als Internierte. Mein Vater wurde als Deutscher interniert, und schließlich als Pole entlassen.
Meine Mutter hat den Vater 1946 völlig abgemagert aus Gleiwitz auf dem Rücken nach Hause geschleppt. Er war dann ein Jahr sehr krank.
Sie heißen Henryk. Aber nicht von Geburt an.
Das war in der Grundschule. Der Schulleiter sagte: ‚Heinz, das ist doch kein Name, du wirst Hans heißen.‘ Dann: ‚Hans passt auch nicht, du wirst Jan sein.‘ So war ich ein, zwei Jahre Jan. Vor dem Examen zur Mittelschule ist meine Mutter zum Standesamt nach Gleiwitz gefahren, dort wurde vermerkt: laut Gesetz wird aus Heinz Henryk. Seit 1948 bin ich Henryk – zu Hause bis heute Heinz. Wenn ich ein Buch nach Deutschland schicke und eine Widmung schreibe, unterschreibe ich mit Heinz.
Sie gehören zu den wenigen Menschen, die noch wissen, wo sich das Nachkriegslager in Blottnitz befand.
Ja. Gerade deshalb möchte ich darüber sprechen. Wenn Zeitzeugen schweigen, verschwinden die Erinnerungen.
Deshalb schreibe ich. Ich setze mich mit einem Block und zwei Kugelschreibern hin. Ich ordne Namen, Orte und Ereignisse nach Themen. Dann tippe ich das ab. Meine Bücher sollen Menschen dazu bringen, sich mit ihrer Umgebung zu beschäftigen, hinzugehen, nachzusehen und Fragen zu stellen.

Für Henryk Juretko steht fest, dass die Geschichte der Heimat erforscht, bewahrt und an jüngere Generationen weitergegeben werden muss.
Foto: Tomasz Chabior
Was bedeutet Geschichte für Sie?
Geschichte kann man nicht nach Belieben verändern. Man kann sie erforschen, aber man sollte sie nicht fälschen. Wenn wir wissen, wer vor uns hier gelebt hat und was unsere Heimat geprägt hat, verstehen wir besser, warum wir heute hier sind.
Was treibt Sie an, immer wieder etwas Neues zu tun?
Der Tag hat 24 Stunden. Wenn man die Arbeit und die notwendige Ruhe abzieht, bleibt immer noch Zeit. Ich kann doch nicht einfach mit den Füßen in der Sonne liegen. Man muss den Willen haben, etwas zu tun – für das Gebiet, in dem man lebt, und für die Menschen, die man jeden Tag trifft. Wenn ich etwas weiß, soll es nicht nur bei mir bleiben.
Auch für die deutsche Minderheit gilt: Sprache, Kultur und Erinnerung bleiben lebendig, wenn Menschen sich dafür engagieren und etwas weitergeben.
Ich wohne hier. Das ist meine Heimat. Dafür muss ich etwas tun.