Doris Stempowska ist gestorben

Ein Leben zwischen Fürstenstein und Waldenburg

1 Oktober 2026, 18:22 Kultur , Kultur/Bildung , Menschen

Sie war Zeitzeugin der Geschichte von Fürstenstein, engagierte sich jahrzehntelang für die deutsche Minderheit in Waldenburg und setzte sich für die deutsch-polnische Verständigung ein. Doris Stempowska ist am 1. Oktober 2026 im Alter von 91 Jahren gestorben.

Doris Stempowska hat ihr ganzes Leben mit Fürstenstein und Waldenburg verbunden. Sie wurde 1935 auf dem Gelände des Schlosses Fürstenstein geboren. Ihr Vater arbeitete im fürstlichen Gestüt, und die kleine Doris wuchs mit ihren Eltern in einer Wohnung für die Schlossbediensteten auf. Ihre Kindheitserinnerungen galten vor allem dem Park, den Teichen und der Freiheit, die sie als Kind mitten in der fürstlichen Residenz erlebte.

Mit dem Krieg endete diese unbeschwerte Kindheit. 1943 wurde das Schloss von den Nationalsozialisten übernommen und für die Zwecke der Organisation Todt umgebaut. Doris erlebte diese Veränderungen ebenso wie den Einmarsch der Roten Armee. Im Mai 1945 musste ihre Familie ihre Wohnung vorübergehend verlassen. Nach ihrer Rückkehr begann ein Leben in einer neuen Realität – im nun polnischen Waldenburg.

Doris mit ihren Eltern
Foto: privat

Als Zwölfjährige besuchte sie eine polnische Schule, ohne ein Wort Polnisch zu sprechen. Dank ihrer Lehrerinnen und Lehrer lernte sie die Sprache schnell. Später machte sie ihre polnische Matura und arbeitete unter anderem am Geophysikalischen Observatorium der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Fürstenstein. Ihr ganzes Leben blieb sie mit dem Ort verbunden, an dem sie geboren worden war.

Eine Erinnerung, die nicht vergessen lässt

Doris Stempowska war auch eine wichtige Zeitzeugin der Nachkriegsgeschichte der deutschen Gemeinschaft in Waldenburg. 1988 wurde sie Mitglied der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft in Waldenburg. 2014 übernahm sie deren Vorsitz und prägte die Arbeit der Gesellschaft über viele Jahre. Die traditionellen Mittwochstreffen, bei denen die Mitglieder Deutsch sprechen, Lieder aus ihrer Kindheit singen und einfach zusammen sein konnten, gehörten für sie zu den wichtigsten Bestandteilen des Vereinslebens.

Auch der Chor „Freundschaft“ war eng mit ihrem Wirken verbunden. Das Ensemble entstand 1992 und wurde zu einem wichtigen Bestandteil des kulturellen Lebens der deutschen Minderheit in Waldenburg. Stempowska legte besonderen Wert darauf, dass im Repertoire auch Werke schlesischer Komponisten vertreten waren. „So werden sie aufgeführt, geraten nicht ins Vergessen, und alle können hören, wie schön sie sind“, sagte sie.

Doris mit ihren Eltern am Schloss Fürstenstein
Foto: privat

Sie war zudem die Initiatorin des Chortreffens „Beati Cantores“, das über viele Jahre Chöre der deutschen Minderheit aus Nieder- und Oberschlesien sowie aus Deutschland zusammenbrachte. Für Stempowska war Musik nicht nur ein Teil der Tradition, sondern auch ein Weg, Menschen miteinander zu verbinden.

„Wir können uns ja nicht isolieren“, betonte sie und erzählte von der Zusammenarbeit mit anderen Minderheiten und den Bewohnern Waldenburgs. Die von der Gesellschaft organisierten Veranstaltungen boten Gelegenheit zu Begegnungen mit Vertretern der Stadt, der jüdischen Gemeinde und anderen Gemeinschaften.

„Man muss mit dem Herzen dabei sein“

Für ihr jahrzehntelanges Engagement erhielt Doris Stempowska zahlreiche Auszeichnungen. 2018 wurde sie mit dem Bronzenen Verdienstkreuz der Republik Polen ausgezeichnet. 2021 erhielt sie das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. 2023 wurde sie zur „Verdienten der Stadt Waldenburg“ ernannt. Ihr Einsatz für die Bewahrung der deutschen Kultur und Geschichte sowie für die deutsch-polnische Verständigung wurde von Institutionen und Organisationen auf beiden Seiten der Grenze mehrfach gewürdigt.

Doris Stempowska
Foto: privat

Mit Auszeichnungen ging sie bescheiden um. Sie betonte, dass ihre Generation nicht gehandelt habe, um dafür geehrt zu werden. Man habe etwas getan, weil man es für selbstverständlich hielt.

„Wenn man eine Arbeit nicht mit dem Herzen macht, dann gelingt sie nicht. Man muss mit dem Herzen dabei sein“, sagte sie.

In ihrer Lebensgeschichte verbinden sich die Geschichte von Fürstenstein, die Nachkriegsschicksale der Deutschen in Niederschlesien und die Geschichte der deutschen Minderheit in Polen. Sie war Zeitzeugin einer Welt, die es so nicht mehr gibt. Über Jahrzehnte setzte sie sich dafür ein, dass ihre Sprache, Lieder, Erinnerungen und Traditionen nicht verloren gehen.

Noch 2025 sprach sie mit der ihr eigenen Gelassenheit über die Zukunft der deutschen Minderheit in Waldenburg: „Es wird schon weitergehen und wie genau, das werden wir schon sehen.“

Nun bleibt die Erinnerung an sie – in Fürstenstein, in Waldenburg, in der deutschen Minderheit und bei all jenen, die ihr begegnet sind. Mit Doris Stempowska ist eine Frau gegangen, die mit ihrem eigenen Leben über neun Jahrzehnte hinweg mehrere Kapitel der Geschichte dieser Region miteinander verbunden hat.

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