Für viele Schüler ist Deutsch einfach ein weiteres Fach im Stundenplan – eines, das man bestehen, eine Arbeit schreiben und dann abhaken muss. Dabei kann sich die Beherrschung der Sprache erst einige Jahre später als wirklich nützlich erweisen: bei der Studienwahl, bei der Suche nach dem ersten Job oder bei einem Auslandsaufenthalt. Genau hier setzt das Projekt „Deutsch – deine Zukunft und Erfolg“ an, das jungen Menschen zeigen soll, dass Deutsch nicht nur eine Note auf dem Zeugnis ist, sondern eine konkrete Chance für die Zukunft.
Die Organisatoren versuchen nicht, die Schüler mit abgedroschenen Argumenten über angeblich auf sie wartende Möglichkeiten zu überzeugen. Stattdessen bieten sie ihnen den Kontakt zu Menschen, die Deutsch im Alltag nutzen. Sie organisieren Treffen mit Firmenvertretern, Besuche in Unternehmen und Gespräche darüber, wie die Sprache bei der beruflichen Entwicklung helfen kann. So können die Jugendlichen aus nächster Nähe sehen, in welchen Situationen Deutschkenntnisse tatsächlich einen Vorteil verschaffen.
Das Projekt wird gemeinsam vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit, dem Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Gleiwitz und der Kattowitzer Abteilung des Polnischen Verbands der Deutschlehrer durchgeführt. Eingeladen wurden Grund- und weiterführende Schulen aus der Woiwodschaft Schlesien. Die diesjährige Ausgabe umfasst Online-Treffen mit Vertretern der Wirtschaft, Betriebsbesichtigungen für Jugendliche sowie Workshops, die von jungen Botschaftern der deutschen Sprache geleitet werden.
Statt Theorie: Fragen an Leute aus der Wirtschaft
Eines der ersten Elemente des Projekts waren Online-Treffen der Schüler mit Vertretern von Unternehmen und wirtschaftsunterstützenden Institutionen. Die Jugendlichen waren dabei jedoch nicht nur passives Publikum. Vor den Veranstaltungen bereiteten sie Fragen vor: darüber, wie Deutsch im Berufsleben nützlich ist, ob es bei der Bewerbung eine Rolle spielt und welche Entwicklungsmöglichkeiten es bietet. Genau dieser direkte Kontakt scheint die größte Stärke der gesamten Initiative zu sein. Über die Bedeutung der Sprache spricht nicht nur der Lehrer im Klassenzimmer, sondern auch eine Person, die sie im Kundenkontakt einsetzt, mit ausländischen Firmenstandorten zusammenarbeitet oder internationale Projekte leitet. Für die Schüler ist das eine ganz andere Perspektive – konkreter und näher am echten Leben.

Die jungen Botschafter der deutschen Sprache zeigen in den Workshops, dass Zweisprachigkeit sowohl im Berufs- als auch im Alltagsleben ein Vorteil sein kann.
Foto: HDPZ
Bei den Treffen konnte man unter anderem erfahren, ob Deutschkenntnisse bei der Jobsuche helfen, auf welchem Niveau man die Sprache beherrschen sollte und in welchen Branchen sie besonders geschätzt wird. Der nächste Schritt führte über den Bildschirm hinaus. Die Schüler besuchten Unternehmen, lernten deren täglichen Betrieb kennen und konnten die Arbeitsumgebung von innen sehen.
An dem Projekt nahmen Schulen unter anderem aus Gleiwitz, Kandrzin-Cosel, Rybnik, Beuthen und Loslau teil. Nach den Besuchen erstellten die Jugendlichen kurze Filme, in denen sie ihre Eindrücke teilten. In solchen Momenten beginnt man, die Fremdsprache mit konkreten Menschen, Orten und Möglichkeiten zu verbinden, die sich in einigen Jahren auftun könnten.
Lohnt sich Deutsch noch?
Man kann natürlich fragen, ob es in Zeiten, in denen Englischkenntnisse praktisch zur Grundkompetenz geworden sind, überhaupt noch sinnvoll ist, gerade in Deutsch zu investieren. Die Antwort sollte man nicht nur in schulischen Lehrplänen suchen, sondern auch in der Wirtschaft.
Deutschland bleibt Polens wichtigster Handelspartner. In den ersten Monaten des Jahres 2026 entfiel auf Deutschland mehr als ein Viertel der polnischen Exporte. Hinter solchen Zahlen stehen Tausende von Unternehmen, Lieferanten, Kunden und Arbeitnehmern auf beiden Seiten der Grenze. In der Praxis bedeutet dies, dass Deutsch nicht nur für Übersetzer oder Lehrer gebraucht wird, sondern auch für Menschen, die in den Bereichen Logistik, Handel, Finanzen, Verwaltung, IT, Kundenservice oder Industrie arbeiten. In Stellenausschreibungen tauchen regelmäßig Positionen auf, bei denen Deutschkenntnisse ein wichtiges Einstellungskriterium sind. Manchmal sind sie ein zusätzlicher Vorteil, manchmal eine der Hauptanforderungen. Besonders deutlich ist dies in Unternehmen, die mit deutschen Kunden zusammenarbeiten, in Shared-Service-Centern oder in Firmen mit Niederlassungen in mehreren Ländern.

Treffen mit Wirtschaftsvertretern zeigen den Schülern, wie Deutschkenntnisse im Beruf eingesetzt werden können.
Foto: HDPZ
Das bedeutet natürlich nicht, dass allein der Eintrag „Deutsch B2“ im Lebenslauf automatisch einen guten Job sichert. So großzügig ist der Markt nicht. Die Sprachkenntnis wird jedoch zu einer Zusatzqualifikation, die in Verbindung mit technischem, wirtschaftlichem, IT- oder Verwaltungswissen die beruflichen Möglichkeiten real erweitern kann. Genau deshalb ist es so wichtig, den Schülern diesen Zusammenhang frühzeitig zu zeigen – nicht damit sie schon mit 14 ihre gesamte Karriere planen, sondern damit sie wissen, dass das Sprachenlernen eine Investition sein kann, deren Wirkung erst Jahre später sichtbar wird.
Sprache ist auch Menschen und Kultur
Die Organisatoren möchten Deutsch jedoch nicht nur als weiteren Punkt im Lebenslauf zeigen. Im Herbst werden junge Botschafter der deutschen Sprache, die mit der Initiative „Bilingua – leichter mit Deutsch!“ verbunden sind, an die teilnehmenden Schulen kommen. Für diese Rolle wurden Weronika Koston und Florian Kerner gewonnen – aktive und erfahrene Akteure der deutschen Minderheit, die u. a. im Bund der Jugend der Deutschen Minderheit in Polen engagiert sind. Im September und Oktober sollen sie interaktive Workshops zur Präsenz der deutschen Sprache im Alltag, in der Region und im Berufsleben durchführen.
Dabei ist es gerade wichtig, wer über die Sprache spricht. Die Botschafter selbst sind in einem zweisprachigen Umfeld aufgewachsen und können aus eigener Perspektive über Deutsch berichten. Sie können von Jugendaustauschen, Auslandspraktika, Studienaufenthalten, ersten Jobs oder internationalen Kontakten erzählen. Sie zeigen auch, dass Zweisprachigkeit sich nicht nur auf die Fähigkeit beschränkt, zwei Sprachen fließend zu beherrschen. Sie kann auch ein besseres Verständnis zweier Kulturen, mehr Bewegungsfreiheit im internationalen Umfeld und ein Gefühl größerer Selbstsicherheit im Umgang mit Menschen aus anderen Ländern bedeuten.
„Es geht nicht darum, jeden Schüler davon zu überzeugen, dass er seine Zukunft mit Deutschland verbinden muss. Es geht vielmehr darum zu zeigen, dass eine Fähigkeit, die er bereits besitzt oder die er entwickeln kann, nicht vorschnell verworfen werden sollte.“
– Lucjan Dzumla, Generaldirektor des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit
Dies hat gerade in Oberschlesien eine besondere Bedeutung, wo die deutsche Sprache seit vielen Jahren Teil der regionalen Realität, von Familiengeschichten und lokaler Identität ist. Der Generaldirektor des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit, Lucjan Dzumla, weist seit Jahren auf die Bedeutung der Mehrsprachigkeit hin. „Grundsätzlich ist Zweisprachigkeit oder Mehrsprachigkeit etwas Natürliches auf der Welt“, sagt er. „Unser Projekt übersetzt diese Idee in eine sehr praktische Sprache. Es geht nicht darum, jeden Schüler davon zu überzeugen, dass er seine Zukunft mit Deutschland verbinden muss. Es geht vielmehr darum zu zeigen, dass eine Fähigkeit, die er bereits besitzt oder die er entwickeln kann, nicht vorschnell verworfen werden sollte.“
Profitieren: Schüler, Schulen und Firmen
Die Stärke des Projekts liegt darin, dass eigentlich alle Beteiligten davon profitieren. Am meisten natürlich die Schüler. Anstatt allgemeine Informationen über den Arbeitsmarkt zu hören, können sie mit Firmenvertretern sprechen, Fragen stellen und sich selbst davon überzeugen, welche Kompetenzen in Zukunft von Bedeutung sein könnten. Für Schulen und Lehrer ist es wiederum eine gute Ergänzung zum traditionellen Sprachunterricht. Selbst der engagierteste Lehrer kann im Unterricht nicht immer zeigen, wie die Arbeit in einem internationalen Unternehmen aussieht. Ein Treffen mit einem Mitarbeiter oder ein Betriebsbesuch kann Schüler jedoch schneller überzeugen als so manches Lehrbuch.
Auch die Firmen haben ein Eigeninteresse. Der heutige Grundschüler oder Gymnasiast kann in einigen Jahren Student, Praktikant oder Bewerber für eine Stelle sein. Die Unternehmen haben also die Gelegenheit, jungen Menschen ihre Branche zu zeigen, über benötigte Kompetenzen zu sprechen und sie für bestimmte Berufswege zu interessieren. Langfristig ist das schlicht eine Investition in künftige Mitarbeiter.

Die jungen Botschafter der deutschen Sprache zeigen in den Workshops, dass Zweisprachigkeit sowohl im Berufs- als auch im Alltagsleben ein Vorteil sein kann.
Foto: HDPZ
Die Organisatoren wiederum gewinnen die Möglichkeit, die Förderung der deutschen Sprache mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realitäten zu verbinden. Das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit setzt sich seit Jahren für Zweisprachigkeit und Jugendbildung ein, und die Zusammenarbeit mit Lehrern, dem Honorarkonsul und der Wirtschaft ermöglicht es, diese Aktivitäten stärker auf die berufliche Zukunft der jungen Generation auszurichten.
In diesem Fall ist das Wort „Win-Win“ wirklich keine leere Floskel. Der Schüler gewinnt Wissen und Erfahrung, die Schule erhält ein neues pädagogisches Werkzeug, das Unternehmen kann künftige Arbeitnehmer erreichen, und die Organisatoren zeigen, dass Sprachenlernen auch außerhalb der Schulmauern Sinn macht.
Das ist erst der Anfang
Die für September und Oktober geplanten Workshops sind der letzte Teil der diesjährigen Projektauflage, aber die Initiative endet damit nicht. Die Organisatoren kündigen eine zweite Ausgabe im nächsten Kalender- und Projektjahr an. Erste Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung sollen voraussichtlich Ende Dezember/Anfang Januar erscheinen. Weitere Online-Treffen mit Wirtschaftsvertretern und Betriebsbesichtigungen sind für das Frühjahr 2027 vorgesehen, voraussichtlich im März und April. Das ist eine gute Nachricht für weitere Schüler, die nicht nur über die Arbeit in verschiedenen Branchen hören, sondern vor allem selbst ausprobieren können, wohin ihre Deutschkenntnisse sie führen können.
Deutsch muss kein Selbstzweck sein. Es kann ein zusätzliches Werkzeug sein: ein Weg zu Studienaufenthalten, Austauschprogrammen, dem ersten Job, einem internationalen Umfeld oder einfach zu mehr Freiheit bei der Wahl der eigenen Zukunft. Und mehr Auswahl ist wohl einer der besten Gründe, Sprache nicht nur als weitere schulische Pflicht zu betrachten.