Auf literarischen Umwegen

Genie und Dämonen: Robert Schumann

14 August 2026, 17:00 Kolumne , Kultur

Im Jahr 2026 jährt sich der Todestag Robert Schumanns (1810–1856) zum 170. Mal – jenes Komponisten, Pianisten und Musikschriftstellers, der die europäische Musik- und Kulturgeschichte nachhaltig geprägt hat. Doch seine Biografie ist weit mehr als eine Abfolge glänzender Erfolge. Wie viele Romantiker litt auch er an einer Seelenlast, die sein privates Leben und seine beruflichen Beziehungen überschattete.

Schumann steht zugleich exemplarisch für das Bündnis zwischen überragender künstlerischer Begabung und der dunklen Seite der menschlichen Natur – jener Seite, die sich gern in Gestalt albtraumhafter Visionen, gespenstischer Wesen und Dämonen zeigt. Dieses Bündnis ist zugleich Voraussetzung des Schaffens: Der Preis ist hoch, doch der Pakt mit dem Teufel eröffnet Höhen der Kunst, von denen gewöhnliche Sterbliche nur träumen können.

Schon früh beschäftigte dieser tragische Zwiespalt Philosophen und Schriftsteller – von Platons Daimonion bis zu Thomas Manns Komponisten Adrian Leverkühn. Er bildet auch das große Thema eines weniger bekannten deutschen Autors: Eberhard Hilscher (1927–2005), geboren im damaligen Schwiebus, dem heutigen Świebodzin.

Eberhard Hilscher
Quelle: Privatarchiv Ute Hilscher

 

Schumann mit Hilschers Augen

Daran knüpft nun der Flur Verlag an, der soeben Hilschers bislang unveröffentlichten Erstlingsroman „Maestros Himmel- und Höllenfahrt. Szenen um Robert Schumann“ herausgebracht hat. Schon der Titel macht deutlich, dass hier ein Künstlerroman vorliegt – ein Buch über Schumanns Höhen und Tiefen, seine innere Zerrissenheit und die Unmöglichkeit, der ihn verzehrenden psychischen Krankheit zu entkommen. Hilscher erzählt diese faszinierende Geschichte aus der Perspektive anderer großer Romantiker – etwa Richard Wagner oder Michail Glinka –, vor allem aber durch den Blick in Schumanns inneres Leben und in seine von literarischen Meisterwerken inspirierte Musik. Unter diesen Werken spielt – wie könnte es anders sein – Goethes Faust eine Schlüsselrolle.

Faust als Künstler

Faust verbinden wir gewöhnlich nicht mit der Figur des schöpferischen Künstlers, sondern mit dem Gelehrten, den eine Erkenntniskrise in den Teufelspakt treibt. Doch gerade Fausts schöpferische Seite übt auf Schumann eine unwiderstehliche Anziehung aus. Auch der Gelehrte folgt einem kreativen Impuls – am deutlichsten in der letzten Szene des zweiten Teils, in der der blinde Faust die Entstehung seines Lebenswerks überwacht: den Bau eines gewaltigen Entwässerungssystems, das neues Land aus dem Meer gewinnen soll. In diesem schöpferischen Akt erfüllt sich Faust zugleich als Mensch, was ihn die berühmten Worte sprechen lässt: „Verweile doch! Du bist so schön!“

„So sieht Hilscher auch Schumann: als Genie in den Klauen des Dämons, als tragischen, zerrissenen Künstler – vor allem aber als Menschen, dessen Stärke gerade aus seinen Schwächen erwächst.“

In dieser Szene zeigt sich auch die Tragik des schöpferischen Individuums: Der blinde Faust, der die Arbeiter antreibt, überzeugt davon, dass sie sein Lebenswerk vollenden, erkennt nicht, dass sie in Wahrheit sein Grab ausheben. Je näher er der künstlerischen Vollendung kommt, desto schneller treibt er seinem eigenen Ende entgegen.

Umschlag des Buches von E. Hilscher
Quelle: Privatarchiv

Das zerrissene Künstlersein

Dieses Spannungsfeld des Schaffens prägt auch Hilschers Schumann-Bild. Der Autor lässt den genialen Komponisten zwischen schöpferischer Begeisterung und bodenloser Verzweiflung hin- und hergerissen sein, zwischen freudigem Aufstieg in Traumlandschaften und schmerzhaftem Sturz in die Arme des Dämons. Faust als Künstler wird so zur Projektion von Schumanns eigener seelischer Verfassung: Dem Ringen des Genies mit der künstlerischen Materie wohnt stets eine dunkle Kraft inne – einmal in Gestalt des unheilvollen Leiermanns aus Wilhelm Müllers Gedicht, ein anderes Mal in Gestalt des gespenstischen Antlitzes Beethovens.

Hilschers humanistische Botschaft

Schumann wird dabei – bewusst oder unbewusst – von dem Wunsch nach Erlösung umgetrieben. Zwar scheint der Teufelspakt ihm die Pforten des Himmels für immer zu verschließen, doch Hilscher öffnet diese Möglichkeit gleich zu Beginn des Romans. Der Leser begegnet Schumann in dem Moment, da sein berühmtes Oratorium „Das Paradies und die Peri“ aufgeführt wird. Die Peri ist ein gefallener Engel, der in den Himmel zurückkehren möchte. Voraussetzung dafür ist ein besonderer Beweis des Menschseins. Weder das Blut eines Freiheitskämpfers noch die Liebe zweier Menschen reichen aus. Erst als die Peri die Träne eines reuigen Verbrechers darbringt, öffnen sich die Himmelstore. Diese Träne steht für Menschlichkeit, die sich in ihrer Bereitschaft zur Wandlung erfüllt – und zugleich für menschliche Schwäche und Fehlbarkeit. Durch sie findet die Peri Erlösung.

So sieht Hilscher auch Schumann: als Genie in den Klauen des Dämons, als tragischen, zerrissenen Künstler – vor allem aber als Menschen, dessen Stärke gerade aus seinen Schwächen erwächst. Damit erweist sich die humanistische Botschaft des Schriftstellers aus Świebodzin als bemerkenswert aktuell.

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