Die gerade zu Ende gegangene Fußball-Weltmeisterschaft, die in den USA, Kanada und Mexiko ausgetragen wurde, war für die deutsche Nationalmannschaft nicht von Erfolg gekrönt – sie schaffte lediglich den Sprung aus ihrer Gruppe. Das war allerdings keine allzu große Hürde, denn die Gruppengegner der Deutschen waren die Teams von Curaçao, der Elfenbeinküste und Ecuador – und dennoch wusste das Team von Julian Nagelsmann in diesen Spielen nicht zu überzeugen. Das Aus für den viermaligen Weltmeister kam im Sechzehntelfinale, als die DFB-Elf auf Paraguay traf – also auf einen Gegner, den die Deutschen eigentlich hätten schlagen müssen.
Doch so kam es nicht. Nach der regulären Spielzeit und einer 30-minütigen Verlängerung gelang keiner der Mannschaften ein Tor, sodass der Sieger dieser Begegnung erst im Elfmeterschießen ermittelt werden musste. Beim Elfmeterschießen hatten die Deutschen bei Turnieren von diesem Rang normalerweise die Nase vorn, aber … diese Zeiten sind Geschichte. Das südamerikanische Team erwies sich als stärker und zog ins Achtelfinale ein, wo es dann gegen Frankreich ausschied. Die deutschen Spieler hingegen verteilten sich auf mehr oder weniger verdiente Urlaube. Gleichzeitig wurde Bundestrainer Julian Nagelsmann entlassen, und eine hitzige Debatte über einen neuen Trainer entbrannte. Doch was ist mit den Fans des deutschen Fußballs?
Wenn die Deutschen nicht mehr dabei sind

Foto: Marcello Casal Jr/Agência Brasil/Wikipedia
Man hat fast den Eindruck, sie seien mit der WM alleingelassen worden – wie Hochzeitsgäste an einem Tisch, auf dem nur Mineralwasser und eine Tüte Salzstangen stehen. In solchen Situationen beginnen frustrierte Fans normalerweise nach Mannschaften zu suchen, die sie dann als Ersatz anfeuern können. In meinem Fall verlagerte ich meine fußballerische Sympathie auf Österreich – unter anderem deshalb, weil der Nationaltrainer dieser Mannschaft der Deutsche Ralf Rangnick ist und die meisten von ihm berufenen Spieler in der deutschen 1. Bundesliga spielen. Auch den Schweizern, die größtenteils ebenfalls bei deutschen Klubs unter Vertrag stehen, drückte ich die Daumen. Als jedoch auch diese Teams aus der WM ausschieden, begann mein Fanherz für Norwegen und die englische Nationalmannschaft zu schlagen. Was Letztere betrifft, so sympathisiere ich normalerweise nicht oft mit ihr. Diesmal war es jedoch anders – und zwar aus dem Grund, dass der englische Nationaltrainer ein Deutscher ist – Thomas Tuchel, der die Mannschaft zum ersten Weltmeistertitel seit 60 Jahren führen sollte. Die Engländer konnten es jedoch nicht schaffen und schieden im Halbfinale gegen Argentinien aus. Im Spiel um Platz drei jedoch besiegten sie das favorisierte Frankreich mit 6:4 und holten sich die Bronzemedaille – was für sie immerhin den größten Erfolg bei einer Weltmeisterschaft seit besagten 60 Jahren darstellt. Meine Genugtuung war, dass der deutsche Nationaltrainer der Inselbewohner einen nicht unerheblichen Anteil daran hatte.
Und wie reagierten andere Fans der deutschen Nationalmannschaft? Dazu befragten wir einige Funktionäre der deutschen Minderheit, die ihr Interesse am Fußball und ihre Sympathie für die DFB-Elf nicht verhehlen:
Dr. Michal Matheja (Vorsitzender des Forschungszentrums der Deutschen Minderheit): „Nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft aus der WM begann ich, kräftig die Mannschaften von Österreich, der Schweiz und – aufgrund meiner skandinavischen Sympathien – Norwegen anzufeuern. Wie wir wissen, mussten alle diese Teams irgendwann das Turnier verlassen. Dennoch hörte ich als Fußballfreund nicht auf, das WM-Geschehen zu verfolgen – einschließlich des Finales, bei dem ich Spanien die Daumen drückte, weil ich immer für europäische Teams bin. Ich möchte hinzufügen, dass ich – obwohl der Nationaltrainer der englischen Nationalmannschaft ein Deutscher ist, Thomas Tuchel – diese Mannschaft während der vergangenen WM nur ein einziges Mal anfeuerte – und zwar im Halbfinale, als sie gegen Argentinien antrat.“
Tomasz Kandziora (Gemeindevorsteher von Reinschdorf): „Mein Fußballherz ist immer gespalten, denn es schlägt gleichermaßen für die Nationalmannschaften Deutschlands und der Niederlande. Nach dem Ausscheiden der Deutschen konnte ich mich für einen kurzen Moment noch an den Spielen der ,Oranje’ erfreuen, und als auch sie das Turnier verließen, drückte ich Norwegen die Daumen. Die Skandinavier mussten jedoch ebenfalls irgendwann die Heimreise antreten, was dazu führte, dass ich die WM von da an ohne große Emotionen verfolgte. Das Finale ebenfalls – wobei ich in diesem Spiel den Spaniern etwas mehr den Sieg wünschte, aber eher aus europäischer Solidarität und nicht, weil ich eine besondere Vorliebe für die Mannschaft von der Iberischen Halbinsel hätte.“

Foto: Marcello Casal Jr/Agência Brasil/Wikipedia
Christoph Warzecha (Vorsitzender des SKGD-Kreisvorstands Oppeln): „In dem Moment, als Deutschland aus der WM ausschied, begann ich, Österreich anzufeuern – hauptsächlich aufgrund der Verbindung Schlesiens mit diesem Land, zu dem es im 16., 17. und 18. Jahrhundert gehörte. Hinzu kommt, dass ich privat in einem österreichischen Unternehmen arbeite, was meine Sympathie für die Mannschaft von Ralf Rangnick noch vertiefte. Im Finale war ich mit ganzem Herzen für die Spanier – erstens, weil es eine europäische Mannschaft ist, und zweitens gefiel mir nicht, was Argentinien zeigte. Deren Spiel hatte wenig mit Fußball zu tun. Es hat mir überhaupt nicht gefallen.“
Mateusz Bachem (Koordinator der Miro Deutsche Fußballschule): „Vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft setzte ich große Hoffnungen in die Mannschaft von Julian Nagelsmann. Doch nach dem, was seine Mannschaft zeigte, war ich froh, dass sie ausgeschieden ist. Die Fans der deutschen Nationalmannschaft verdienten nicht, was die Stars des deutschen Fußballs ihnen boten und in welcher Verfassung sie zur WM anreisten. Angesichts der Situation feuerte ich Thomas Tuchel und das englische Team an. Als Fan des FC Bayern München glaubte ich, dass, wenn die Engländer Weltmeister geworden wären, der Stürmer der Münchner, Harry Kane, den Ballon d’Or gewinnen würde und die Bayern dadurch noch bessere Spieler anziehen und noch stärker werden würden, als sie es ohnehin sind.“
Georg Smuda (Unternehmer): „Das frühe Ausscheiden Deutschlands aus der WM war für mich keine Überraschung. Was mit der deutschen Nationalmannschaft geschieht, ist ein Spiegelbild dessen, was in der deutschen Gesellschaft passiert – es gibt Geld, gebildete Menschen, alles ist im Grunde gut geordnet, nur der Wille zum Kampf fehlt. Genauso ist es mit den deutschen Spielern – sie sind gut in jeder Hinsicht – sowohl taktisch als auch technisch, rund um sie herum ist eine hervorragende Organisation, aber den Spielern fehlt der Kampfwille. Wenn sich das nicht ändert, wird es nicht besser werden. Aber obwohl die DFB-Elf früh aus dem Turnier ausgeschieden ist, verfolgte ich das WM-Geschehen mit Interesse. Die einen gehen ins Theater, um sich Schauspiele anzusehen, aber es gibt auch solche, die Schauspiele bei Fußballspielen suchen – und ich zähle mich zu ihnen. Ich möchte hinzufügen, dass ich während der WM einige solcher Fußball-Schauspiele erleben durfte. Was das Finale betrifft, so war ich mit dem Herzen bei Spanien, das – wie schon in den vorherigen Spielen – Klasse, Disziplin, Kampfwillen und hervorragende technische Ausbildung zeigte. Es hat sich den Weltmeistertitel absolut verdient.“