Es gibt Städte, die nur eine Geschichte erzählen. Weimar erzählt viele. Jede erzählt von einem anderen Europa. Zusammen ergeben sie das Bild eines Kontinents.
Vor einigen Tagen stieß ich beim Surfen im Internet auf die Ankündigung der nächsten Ausgabe des Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte. Das diesjährige Motto lautet: „Fakt oder Fake?“. Die Veranstalter schlagen eine Debatte über Propaganda, Mythen, künstliche Intelligenz, Desinformation und die Grenzen der Wahrheit vor. Aktueller könnte ein Thema kaum sein. Noch vor gut einem Jahrzehnt hätten wir ein solches Programm für eine Domäne von Politikwissenschaftlern oder Medienforschern gehalten. Heute ist die Frage nach der historischen Wahrheit zu einer der wichtigsten Fragen der modernen Demokratie und jedes mündigen Bürgers geworden.
Beim Durchblättern des Festivalprogramms wanderten meine Gedanken zurück zu den ersten Ausgaben. Ich hatte das Glück, an einigen von ihnen teilzunehmen. Es war ein außergewöhnliches Projekt. Es glich keiner klassischen wissenschaftlichen Konferenz, bei der Forscher überwiegend unter sich bleiben. Die Initiatoren des Festivals ließen sich von den französischen Rendez-vous de l’histoire in Blois inspirieren, wollten aber einen Schritt weitergehen. Zum deutsch-französischen Dialog luden sie auch Polen ein. Es ging nicht nur um die Popularisierung von Geschichte, sondern vor allem darum, einen Ort des Dialogs zu schaffen – für Historiker, Lehrer, Studierende und interessierte Bürgerinnen und Bürger. Einen Ort, an dem Geschichte zum Ausgangspunkt eines breiten Gesprächs über die Gegenwart wird.

Stadtschloss Weimar mit Schlossturm
Foto: Maros MRA/Wikipedia
Nicht zufällig fiel die Wahl auf Weimar. Jedes Mal, wenn ich nach Weimar zurückkehre, habe ich das Gefühl, eine andere Stadt zu entdecken. Zunächst sah ich vor allem das Weimar Goethes und Schillers sowie die historische Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek – Symbole des deutschen Klassizismus und des europäischen Humanismus, von denen in den Lehrplänen wohl aller europäischen Schulen die Rede ist.
Mit der Zeit offenbarte mir die Stadt weitere Gesichter. Hier gründete Walter Gropius 1919 das Bauhaus – eine Schule, die das Denken über Architektur, Design und Modernität revolutionierte. Zur gleichen Zeit entstand hier die Weimarer Republik, deren Name eine Mahnung ist. Bis heute erinnert er daran, wie zerbrechlich die deutsche – und nicht nur die deutsche – Demokratie sein kann.
Da ist noch ein weiteres Bild, das ich untrennbar mit dieser Stadt verbinde. Wenn ich mich Weimar über die Autobahn A4 nähere, fällt mein Blick unweigerlich auf das monumentale Mahnmal für die Opfer des KZ Buchenwald auf dem Ettersberg. Es überragt die Umgebung wie ein Warnzeichen. Diesen Anblick kann man mit nichts verwechseln. Auf der einen Seite das kulturelle Weimar Goethes, Schillers und des Bauhauses, auf der anderen – ein Ort des Terrors und der nationalsozialistischen Verbrechen.
Vor zwei Jahren besuchte ich das 2024 eröffnete Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus sowie die hervorragende Ausstellung „Bauhaus und Nationalsozialismus“. Sie machte mir bewusst, dass sich auch die Geschichte des Bauhauses nicht auf eine einfache Erzählung von Avantgarde und ihrer Verfolgung reduzieren lässt. Die Schicksale der Vertreter der Bewegung, ihrer Schüler und Sympathisanten erwiesen sich als weitaus komplexer.

Stadtkirche St. Peter und Paul, auch als Herderkirche bekannt.
Foto: CTHOE/Wikipedia
Es sind nur wenige Kilometer, leicht zu durchqueren. Und doch die ganze Geschichte des modernen Deutschlands. Gerade diese Nähe der Gegensätze macht Weimar zu mehr als einer Stadt großer Namen und großer Architektur. Hier begegnen sich Kultur und Barbarei, Demokratie und Diktatur. Weimar verbirgt seine Widersprüche nicht. Im Gegenteil – es hat aus ihnen einen Raum des Gesprächs gemacht. Es ist ein Gespräch, das die Deutschen nicht nur mit ihrer eigenen Geschichte führen, sondern auch untereinander – zwischen den Menschen aus der einstigen Bundesrepublik und der DDR, deren Erfahrungen sich über Jahrzehnte getrennt entwickelten und die sich bis heute nur mühsam annähern. Es ist zugleich ein Gespräch mit den europäischen Nachbarn über Verantwortung, Erinnerung und Zukunft.
Es überrascht mich daher nicht, dass sich hier im August 1991 die Außenminister Polens, Deutschlands und Frankreichs trafen – Krzysztof Skubiszewski, Hans-Dietrich Genscher und Roland Dumas. Die Wahl Weimars war kein Zufall. Es wäre schwer, in Europa einen Ort zu finden, der sich besser eignen würde, um ein Gespräch über eine gemeinsame Zukunft zu beginnen, die aus so unterschiedlichen Erfahrungen der Vergangenheit erwächst.
Das erste Ziel des Weimarer Dreiecks war klar umrissen. Es ging darum, die durch den Kalten Krieg hinterlassenen Trennlinien zu überwinden und Polen auf seinem Weg in die NATO und die Europäischen Gemeinschaften zu unterstützen. Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass diese Mission erfolgreich war. Paradoxerweise begann man gerade in dem Moment, als dies erreicht war, zu fragen, ob das Dreieck überhaupt noch gebraucht werde.
An Skeptikern mangelte es nicht. Die Treffen fanden immer seltener statt, die politischen Prioritäten verschoben sich, und die Zusammenarbeit hing von den jeweiligen Regierungsbeziehungen ab. Anders als die deutsch-französische Aussöhnung erhielt das Dreieck nie ein dauerhaftes institutionelles Fundament. Es entstand weder ein Sekretariat noch ein Fonds zur Förderung gemeinsamer Initiativen. Deshalb hing seine Aktivität so stark von der politischen Konjunktur ab.
Die Geschichte erwies sich einmal mehr als klüger als die politischen Prognosen. Der großangelegte russische Angriffskrieg gegen die Ukraine im Jahr 2022 verlieh dem Weimarer Dreieck eine Bedeutung zurück, die viele in ihm nicht mehr gesehen hatten. Regelmäßige Konsultationen kehrten zurück, und gemeinsame Themen wurden die europäische Sicherheit, die Unterstützung der Ukraine, die Politik gegenüber Russland sowie der Kampf gegen die das Internet überflutende Desinformation. Das Format öffnete sich zudem für neue Partner. Die Formel Weimar+ zeigt, dass die Zusammenarbeit dreier Staaten kein geschlossener Klub sein muss. Dass nicht nur Spanien, Großbritannien und Italien, sondern auch Indien zu den Gesprächen eingeladen wurden, zeigt, dass die Probleme Europas zunehmend globale Dimensionen annehmen.
Fünfunddreißig Jahre seines Bestehens sind ein guter Anlass, sich die Frage zu stellen, ob das Weimarer Dreieck nicht endlich über die Formel gelegentlicher Treffen hinauswachsen sollte. Ein ständiges Sekretariat und ein gemeinsamer Fonds können Vertrauen und politische Entschlossenheit natürlich nicht ersetzen, könnten aber einen institutionellen Rahmen schaffen, der die Zusammenarbeit weniger abhängig macht von politischen Veränderungen in Warschau, Berlin und Paris.
„Das Weimarer Dreieck lebt nicht von Symbolen, sondern von der Bereitschaft, trotz unterschiedlicher Erfahrungen gemeinsam nach Lösungen zu suchen.“
Die interessantesten Dinge geschehen jedoch abseits der großen Bühne. Gemeinsame Initiativen der Stiftung Genshagen, das neue DAAD-Programm „Future Network Weimar Triangle: Science for Europe“, universitäre Projekte, Jugendaustausche oder die Zusammenarbeit von Kommunen zeigen, dass die Zukunft des Dreiecks nicht allein von den Außenministern abhängt. Sie wird ebenso von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Lehrkräften, Studierenden, Kulturschaffenden und zivilgesellschaftlichen Organisationen gestaltet.
Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet die Geschichte zu einer der wichtigsten Ebenen der Weimarer Zusammenarbeit geworden ist. Die Arbeit an den gemeinsamen französisch-deutschen und später polnisch-deutschen Schulbüchern hat gezeigt, dass unterschiedliche nationale Erinnerungen einander nicht ausschließen müssen. Sie können – ja müssen – in einen Dialog treten. Heute stellt sich zunehmend die Frage, ob eine solche Zusammenarbeit nicht auch auf die Ukraine ausgeweitet werden sollte.
Es geht nicht darum, eine einzige verbindliche Erzählung zu schaffen, sondern eine Sprache des Dialogs zu entwickeln, trotz der Unterschiede, deren Bewusstwerdung oft schmerzhaft ist. Die jüngsten historischen Spannungen zwischen Polen und der Ukraine zeigen, wie leicht ein bilateraler Dialog in die Logik gegenseitiger Vorwürfe abgleiten kann. Vielleicht könnte gerade die Anwesenheit eines dritten Partners, der über eigene Erfahrungen mit Aussöhnung und langjähriger historischer Zusammenarbeit verfügt, einen Raum für ein ruhigeres Gespräch schaffen.

Das Goethe- und Schiller-Denkmal in Weimar am Deutschen Nationaltheater
Foto: Andreas Trepte/Wikipedia
Das ist die wichtigste Lehre aus Weimar.
Die Veranstalter des Weimarer Rendez-vous erinnern daran, dass Demokratie nicht nur Institutionen braucht, sondern auch die aktive Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger sowie die Bereitschaft zu offener Debatte. Geschichte liefert keine einfachen Antworten, die man sich lediglich aneignen müsste. Sie ist ein Prozess des ständigen Fragens.
Deshalb klingt das diesjährige Festivalmotto – „Fakt oder Fake?“ – so ergreifend. Es betrifft nicht nur Historiker, Politikwissenschaftler oder Journalisten. Es ist eine Frage nach dem Zustand des heutigen Europas. Danach, ob wir in der Lage sind, Fakten von Mythen, Wissen von Propaganda, Erinnerung von politischer Manipulation zu unterscheiden.
Wenn ich Weimar verlasse, habe ich immer den Eindruck, dass sein wertvollstes Denkmal, sein kostbarstes historisches Erbe weder das Haus Goethes noch das Schillers ist. Es ist nicht einmal die Weimarer Republik oder die Gedenkstätte KZ Buchenwald. Das wertvollste Erbe dieser Stadt bleibt die Fähigkeit zum Gespräch – auch dann, wenn es kompliziert ist und nicht zu einfachen Antworten führt.
Vielleicht ist das Weimarer Dreieck gerade deshalb nicht dazu verurteilt, im sprichwörtlichen Abstellraum der Geschichte zu landen. Es kann auf Veränderungen reagieren, weil es auf Dialog gebaut ist. Und dieser wird immer gebraucht. Solange Europa in der Lage sein wird, über seine Geschichte, seine Fehler und seine Zukunft zu sprechen, wird Weimar ein lebendiger und notwendiger Ort bleiben.