Deutsch-polnischer Dialog der jungen Generation

Zwischen Krise und Kooperation

6 Juli 2026, 12:30 Politik

Europa steht vor tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Gerade die junge Generation ist zunehmend gefordert, Antworten auf Fragen von Sicherheit, Zusammenarbeit und Zukunftsperspektiven zu finden. Der deutsch-polnische Dialog gewinnt in diesem Kontext weiter an Bedeutung – auch auf regionaler und kommunaler Ebene. Vor diesem Hintergrund fand vom 16. bis 18. Juni 2026 in München ein Dialogprogramm unter dem Titel „Polen und Deutschland im Gespräch: Die junge Generation in Zeiten des internationalen Umbruchs“ statt.

Organisiert von der Hanns-Seidel-Stiftung, brachte die Veranstaltung junge Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus Polen mit politischen und institutionellen Partnern in Bayern zusammen. Ziel war es, aktuelle Herausforderungen zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und neue Impulse für die Zusammenarbeit zu setzen. Seitens der schlesischen Regionalpolitiker nahm Patryk Swoboda, Bürgermeister der Gemeinde Zembowitz, am Programm teil.

Austausch über Sicherheit und Zusammenarbeit

Das dreitägige Programm war dicht gefüllt mit Gesprächen und Begegnungen. Nach der Ankunft in München und einem ersten Austausch mit dem Generalkonsul der Republik Polen standen am folgenden Tag Themen wie Krisenmanagement, Zivilschutz, europäische Politik sowie die deutsch-polnischen Beziehungen im Fokus. Gespräche mit Vertretern der Münchner Feuerwehr, des Bayerischen Landtags sowie der Staatskanzlei ermöglichten den Teilnehmenden einen direkten Einblick in die Funktionsweise deutscher Institutionen und deren Umgang mit aktuellen Herausforderungen. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf Fragen der Sicherheit, des Zivilschutzes und der Resilienz sowie darauf, wie die verschiedenen Verwaltungsebenen diese Herausforderungen bewältigen können.

„Wie kaum eine andere Generation in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wachsen junge Menschen in Mitteleuropa derzeit mit einer Vielzahl von Unsicherheiten auf.“
— Andreas Wüst, Regionalleiter für Polen und Tschechien der Hanns-Seidel-Stiftung

Der neue Regionalleiter für Polen und Tschechien der Hanns-Seidel-Stiftung, Andreas Wüst, betonte die Bedeutung dieses Dialogs mit klaren Worten. Er erklärte: „Wie kaum eine andere Generation in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wachsen junge Menschen in Mitteleuropa derzeit mit einer Vielzahl von Unsicherheiten auf – ungewissen Perspektiven auf dem Job- und Wohnungsmarkt, Klima- und Umweltkatastrophen bei zugleich steigender Verantwortung für eine von Überalterung gekennzeichnete Gesellschaft. Hinzu kommen Kriege vor der eigenen Haustür, welche überkommene Gewissheiten und Werte in nie erlebter Weise infrage stellen.“

Zugleich hob er die besondere Perspektive Mitteleuropas hervor und unterstrich die Bedeutung des gemeinsamen Handelns: „Während die Zeitenwende in Deutschland erst in Reaktion auf den umfassenden Angriff Russlands auf die Ukraine ausgerufen wurde, haben weite Teile Mitteleuropas stets in der Überzeugung gelebt, dass Frieden, Freiheit und Demokratie auch im 21. Jahrhundert erkämpft werden müssen. Denn sie sind großen Bedrohungen von innen und zunehmend auch von außen ausgesetzt.“

Daraus ergebe sich auch der Auftrag zum Dialog: „Ein solcher Austausch kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass junge Menschen in Polen und Deutschland im Bewusstsein der schwierigen Vergangenheit zwischen ihren Ländern dennoch gemeinsam an Lösungen für die Herausforderungen arbeiten können, denen sie gleichermaßen ausgesetzt sind.“

Rolle der deutschen Minderheit als Brückenbauer

Für Dr. Wüst war das Programm zugleich ein persönlicher Auftakt in seiner neuen Funktion. Besonders eindrücklich schilderte er seine ersten Eindrücke von der Delegation: „Ich hätte mir keinen schöneren und gelungeneren Auftakt für meine neue Arbeit wünschen können als mit dieser jungen Delegation engagierter und fachlich versierter Polinnen und Polen. Ihr Elan war ansteckend, ihre Kenntnis Deutschlands faszinierend und ihr Interesse am Dialog mit den Gesprächspartnern in München ungemein inspirierend für mich.“

Bei solchen Dialogprogrammen geht es um das gegenseitige Verstehen politischer Denkweisen, gesellschaftlicher Entwicklungen und sicherheitspolitischer Prioritäten.
Foto: HSS

Dabei maß er auch der deutschen Minderheit eine besondere Rolle bei: „Wie bei diesem Format kann der deutschen Minderheit in Polen auch bei künftigen Dialogprogrammen der Hanns-Seidel-Stiftung eine besondere Rolle zukommen. Wie keine zweite Gruppe versteht sie, wie man in Deutschland und in Polen denkt; sie kennt die Besonderheiten und Befindlichkeiten beider Gesellschaften. Damit ist sie ein natürlicher Brückenbauer zwischen unseren Ländern und kann Entscheidungsträgern auf beiden Seiten der Grenze eine Stütze sein.“

Diese Einschätzung deckt sich mit den Erfahrungen von Patryk Swoboda, der als Vertreter der deutschen Minderheit an dem Programm teilnahm. Für ihn war es bereits die zweite Teilnahme an einer solchen Initiative. Er betonte den konkreten Nutzen für seine Arbeit als Kommunalpolitiker: „Vor allem ermöglicht es, zu sehen und zu vergleichen, wie die einzelnen Bereiche in der Selbstverwaltung sowie in den Ministerien funktionieren. Das erlaubt einen direkten Vergleich mit unserer polnischen Selbstverwaltung und bietet stets eine Gelegenheit zum Austausch von Erfahrungen und Ideen sowie zur Gewinnung neuer Inspirationen.“

Junge Perspektiven für Europa

Auch die Bedeutung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit hob er hervor: „Aus Sicht der deutschen Minderheit ist die deutsch-polnische Zusammenarbeit sehr wichtig – sie bedeutet, neue Menschen kennenzulernen und Kontakte für viele Jahre zu knüpfen. Nach solchen Veranstaltungen können wir bei uns darüber sprechen, was in Deutschland geschieht, wie man uns dort als Partner wahrnimmt und in welchen Bereichen wir künftig zusammenarbeiten können.“

Foto: HSS

Inhaltlich standen während des Aufenthalts zahlreiche sicherheitspolitische und gesellschaftliche Themen im Mittelpunkt. Swoboda erklärte dazu: „Internationale Fragen gehören heute zu den wichtigsten Themen in ganz Europa. Wir haben vor allem über die Sicherheit unserer Staaten gesprochen und darüber, wie Deutschland auf verschiedene Katastrophen oder andere unvorhergesehene Ereignisse vorbereitet ist.“ Ergänzt wurden diese Gespräche durch Analysen zur politischen Lage in Deutschland sowie Begegnungen mit Vertreterinnen und Vertretern der bayerischen Politik.

Auffällig ist, dass Formate wie dieses zunehmend eine doppelte Funktion erfüllen: Sie sind nicht nur Plattform für Austausch, sondern auch ein Frühindikator dafür, wie die junge Generation politische Realität wahrnimmt. Die Gespräche zeigen, dass sich sicherheitspolitisches Denken und europäische Verantwortung längst stärker im lokalen Handeln widerspiegeln. Gerade Akteure mit biografischem Bezug zu beiden Ländern bringen dabei Perspektiven ein, die klassische diplomatische Formate oft nicht erreichen. In diesem Spannungsfeld könnte sich entscheiden, wie tragfähig die deutsch-polnische Zusammenarbeit in den kommenden Jahren tatsächlich sein wird.

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