Mit mehr als 100 Musikerinnen und Musikern feierte die deutsche Minderheit in Oppeln den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag. Hochrangige Gäste aus Polen und Deutschland würdigten das Abkommen als Fundament der Versöhnung. Nach Einschätzung von SKGD-Vorsitzendem Rafał Bartek sind wichtige Ziele des Vertrags bis heute nicht umgesetzt.
Mit vier Hymnen wurde das Konzert eröffnet: mit der polnischen, der deutschen, der europäischen und der oberschlesischen. Die rund 500 Gäste folgten der Einladung der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien (SKGD) in das Jan-Kochanowski-Theater. Unter ihnen waren Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Minderheit, der regionalen Politik sowie zahlreiche Ehrengäste aus Polen und Deutschland. Zu den Gästen zählten Sejm-Marschall Włodzimierz Czarzasty, die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Andrea Lindholz sowie der Bundestagsabgeordnete und Polenbeauftragte der Bundesregierung Knut Abraham.

Rafał Bartek i Zuzanna Donath-Kasiura powitali gości jubileuszowego koncertu mniejszości niemieckiej w języku niemieckim i polskim.
Foto: Stefani Koprek-Golomb
Der Vorsitzende der SKGD und des Verbands der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG), Rafał Bartek, und die Vizemarschallin der Woiwodschaft Oppeln, Zuzanna Donath-Kasiura, begrüßten die Gäste auf Deutsch und Polnisch. Das Konzert hebe auch die Verankerung der deutschen Kultur in der Region und in Polen hervor, sagten sie: „Die Künstlerinnen und Künstler, die wir hier auf der Bühne erleben werden, sind ein lebendiger Beweis dafür, dass die Pflege der deutschen Kultur, Sprache und Tradition nicht nur zum Alltag der deutschen Minderheit gehört, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil des kulturellen Erbes unserer Region und unseres Landes ist.“
„Der Vertrag ist viel mehr als ein juristisches Dokument. Er war, und er ist es immer noch, ein Versprechen.“
Andrea Lindholz
Sie nutzten die Gelegenheit auch, dem Sejm-Marschall Włodzimierz Czarzasty dafür zu danken, dass er die Schirmherrschaft für das Jubiläumskonzert übernommen hatte. In seiner Ansprache betonte Czarzasty seinerseits die Bedeutung des Konzerts. „Ich habe extra die Schirmherrschaft für dieses Treffen und dieses Konzert übernommen, weil ich der Meinung bin, dass dies für Polen wichtig ist. Ich halte es für wichtig für Sie. Ich halte es für wichtig für Schlesien. Ich halte es für eine wichtige Angelegenheit für uns alle, die wir hier anwesend sind.“

Marszałek Sejmu Włodzimierz Czarzasty objął patronat nad wydarzeniem i uhonorował jubileuszowy koncert mniejszości niemieckiej.
Foto: Stefani Koprek-Golomb
Mehr als ein juristisches Dokument
Andrea Lindholz bezeichnete den Nachbarschaftsvertrag als weit mehr als ein juristisches Dokument und würdigte die Brückenfunktion der deutschen Minderheit in Polen. Außerdem verwies sie auch auf die Bedeutung des Vertrags im europäischen Kontext: „Und der Vertrag, den man damals unterschrieben hatte, der bis heute gilt, der ist viel mehr als ein juristisches Dokument. Er war, und er ist es immer noch, ein Versprechen. Ein Versprechen auf Versöhnung. Ein Versprechen auf gegenseitigen Respekt, auf eine gemeinsame Zukunft in einem vereinten Europa.“
17. Juni 1991: Ein großer Schritt für die deutsche Minderheit
Für Rafał Bartek hat das Konzert auch eine Signalwirkung. Gegenüber dem Neuen Wochenblatt.pl sagte er: „Wir wollen mit diesem Konzert auch ein Signal in die Welt schicken, dass wir dankbar sind, dass es diesen Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit seit 35 Jahren gibt und dass er aus unserer Sicht nichts von seiner Bedeutung verloren hat.“ Zugleich erinnerte er daran, dass ein Vertrag allein nicht ausreiche: „Er muss auch von den Menschen in den Regionen getragen und gepflegt werden.“

Wiceprzewodnicząca Bundestagu Andrea Lindholz podczas jubileuszowego koncertu doceniła funkcję pomostową mniejszości niemieckiej.
Foto: Stefani Koprek-Golomb
Und das Konzert zeigte, wie der Gedanke des Nachbarschaftsvertrags in der Region Oppeln gelebt wird. Zwei Blasorchester (Blasorchester DFK Nesselwitz, Blasorchester Zülz), fünf Chöre (Krappitzer Chor, Heimatklang, Chor Glogovia, Brosci Chorus, Echo aus Kupp) sowie vier Solistinnen und Solisten der deutschen Minderheit gestalteten gemeinsam den Abend – insgesamt mehr als hundert Künstlerinnen und Künstler. Erstmals traten dabei mehrere Chöre und Blasorchester der deutschen Minderheit in einem gemeinsamen Konzert auf, wie Oskar Koziołek-Goetz erläuterte. Gemeinsam mit Andrzej Weinkopf übernahm er die musikalische Leitung.
Auf dem Programm standen Orchesterwerke, eigens arrangierte Stücke für Chor und Blasorchester sowie deutsche und polnische Lieder – von „Mein kleiner grüner Kaktus“ bis zu einem Flügelhorn-Solo. Die Vielfalt der Darbietungen machte deutlich, wie eng deutsche und polnische Kultur in Oberschlesien miteinander verbunden sind.
Ein Fundament der Minderheitenrechte
Die Kultur der deutschen Minderheit zu leben und zu pflegen, wurde unter anderem durch den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag möglich.
„Der Vertrag muss auch von den Menschen in den Regionen getragen und gepflegt werden.“
Rafał Bartek
Rafał Bartek erinnert daran, dass der Vertrag das erste Dokument war, das einige der grundlegenden Rechte der deutschen Minderheit in Polen anerkannte. „Ich kann mich noch gut erinnern, wie Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre viele Menschen dieses kleine Büchlein bei sich trugen und immer wieder auf die entsprechenden Artikel verwiesen haben“, sagt er. Insbesondere was die freie Wahl der Vor- und Familiennamen betraf, bedeutete der Vertrag einen Durchbruch. „Es war das erste Dokument, welches die freie Wahl der Namen garantierte. Und ich weiß, dass sich damals viele bei Registrierung von Kindern auf den Vertrag berufen haben. Denn für die zuständigen Beamten war das etwas Neues.“
Heute stützt sich der Minderheitenschutz zusätzlich auf das polnische Minderheitengesetz sowie internationale Übereinkommen wie die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Dennoch habe der Nachbarschaftsvertrag nichts von seiner Bedeutung verloren, betont Bartek: „Man muss anerkennen, dass der Vertrag 1991 so gut geschrieben wurde, dass sich nach wie vor vieles daraus ableiten lässt.“

Wysocy rangą goście z Polski i Niemiec wzięli udział w jubileuszowym koncercie mniejszości niemieckiej.
Foto: Stefani Koprek-Golomb
Gerade weil viele Formulierungen bewusst allgemein gehalten wurden, lasse sich der Vertrag auch heute noch auf aktuelle Herausforderungen anwenden. Zugleich bedeute dies jedoch, dass die konkreten Maßnahmen immer wieder neu ausgehandelt werden müssten.
Nachholbedarf in mehreren Bereichen
Für Rafał Bartek gibt es verschiedene Bereiche, in denen die Ziele des Nachbarschaftsvertrags noch nicht vollständig verwirklicht wurden. So ist der Nachbarschaftsvertrag im Bereich der deutschen Sprache bislang nur teilweise umgesetzt worden. Die Zielsetzungen seien hier deutlich weiter gefasst, als der heutige Stand erkennen lasse. „Der Vertrag ist bei der deutschen Sprache auf einem gewissen Minimum erfüllt worden, sodass es überhaupt wieder möglich ist, die Sprache in den Gebieten zu sprechen, in denen sie früher verboten war“, sagte Bartek. „Aber das ist nicht das, was der Vertrag eigentlich erreichen wollte.“
Im Vertrag sei der freie Zugang zur deutschen Sprache verankert. Daraus leite sich auch der Anspruch ab, dass möglichst viele Menschen Deutsch tatsächlich erlernen können, wie Bartek erklärt. Davon sei man aber noch weit entfernt.

Wysocy rangą goście z Polski i Niemiec wzięli udział w jubileuszowym koncercie mniejszości niemieckiej – wśród nich wiceprzewodnicząca Bundestagu Andrea Lindholz oraz poseł do Bundestagu i pełnomocnik rządu federalnego ds. współpracy polsko-niemieckiej Knut Abraham.
Foto: Stefani Koprek-Golomb
Offen bleibt aus Bartkeks Sicht außerdem die langfristige Finanzierung des Forschungszentrums zur deutschen Minderheit sowie des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Denn für das Dokumentationszentrum der Deutschen in Polen komme bislang die Selbstverwaltung der Woiwodschaft Oppeln auf, während der größte Teil der Mittel für das Forschungszentrum von der Bundesrepublik Deutschland übernommen werde. Bartek weist darauf hin, dass gemäß der gemeinsamen Erklärung des deutsch-polnischen Runden Tisches jedoch der polnische Staat in der Pflicht wäre.
Stillstand beim deutsch-polnischen Runden Tisch
Ein wichtiges Instrument zur Weiterentwicklung der Minderheitenrechte ist der deutsch-polnische Runde Tisch. In den Jahren 2010 und 2011 führten die Verhandlungen zu greifbaren Ergebnissen, dazu gehörten unter anderem die Gründung des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen sowie des Forschungszentrums zur deutschen Minderheit.
Seit sieben Jahren hat der Runde Tisch allerdings nicht mehr getagt, und den Umstand, dass der Runde Tisch derzeit gar nicht mehr arbeite, bezeichnet Bartek als das „größte Defizit“.
Beim letzten Treffen im Jahr 2019 sei man kaum vorangekommen. Als problematisch bezeichnet Bartek dabei vor allem die enge Verknüpfung der Anliegen der deutschen Minderheit mit den Forderungen der Polonia in Deutschland. Diese Verknüpfung behindere das ergebnisorientierte Arbeiten. „Wir sind zwei unterschiedliche Gruppen. Die Bedürfnisse der Polonia sind zum Teil andere als unsere“, führt Bartek aus.
Aus diesem Grund plädierte auch der Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften bereits 2024 in einer Resolution dafür, den Runden Tisch wieder einzuberufen, allerdings in einem neuen Format, das weniger stark auf Reziprozität setzt. Rafał Bartek konkretisiert, dass das nicht zwingend bedeutet, dass sich die deutsche Minderheit und die Polonia nicht gleichzeitig treffen können: „Wenn wir gemeinsam tagen sollen, dann sollen zumindest die Themen, die diese beiden Gruppen auf die Tagesordnung setzen, getrennt behandelt werden.“
Brückenfunktion für die Zukunft
Das Konzert machte deutlich, dass der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag nicht nur Geschichte ist. Drei Jahrzehnte nach seiner Unterzeichnung lebt seine Idee dort weiter, wo Menschen beider Kulturen gemeinsam Verantwortung übernehmen – so wie an diesem Abend in Oppeln.