Nachbarschaft verpflichtet

„Ans Licht!“– ein neuer Blick auf die Geschichte Oberschlesiens

3 Juni 2026, 05:00 Kolumne

Eine neue Sonderausstellung im Oberschlesischen Landesmuseum zeigt Objekte, die sonst nur selten zu sehen sind und bislang überwiegend in den Depots des Museums verborgen lagen. Unser Autor Prof. Krzysztof Ruchniewicz war bei der Eröffnung in Ratingen dabei.

Am Sonntag, dem 17. Mai, nahm ich in Ratingen an der Eröffnung der neuen Sonderausstellung „Ans Licht! Objekte und Geschichte(n) aus der Sammlung des Oberschlesischen Landesmuseums“ teil. Es war ein besonderes Ereignis – dem Publikum wurden Objekte präsentiert, die bislang in den Depots des Museums verborgen lagen, und die Ausstellung selbst wurde zu einer Reflexion über die Rolle des modernen historischen Museums.

„Unsere Sammlung ist ein Werkzeug, mit dem wir Geschichte(n) erzählen.“

Dr. Frank Mäuer, Kurator der Ausstellung „Ans Licht!“

Die Ausstellung entstand in einer Übergangsphase, vor der Vorbereitung einer neuen Dauerausstellung. Der Kurator der Ausstellung, Dr. Frank Mäuer, griff auf Bestände zurück, die den Besucherinnen und Besuchern normalerweise verborgen bleiben. „Ans Licht“ geholt wurden Objekte, Dokumente und Kunstwerke, die seit Jahrzehnten zum Grundstock des Museums gehören. „Viele dieser Stücke lagern in Depots und bleiben den Besucherinnen und Besuchern verborgen. Mit der Ausstellung ‚Ans Licht!‘ öffnen wir gewissermaßen unsere Schatzkammern“– formulierte es treffend Dr. Mäuer.

Anstelle einer einzigen dominanten Erzählung wurden mehrere Interpretationspfade vorgeschlagen, die verschiedene Möglichkeiten zeigen, über Oberschlesien und seine Geschichte zu sprechen. Die Ausstellung gliedert sich in fünf Teile: „Bilder Oberschlesiens“, „Form und Gestalt“, „Literatur und Geschichte“, „Geschichte aus Erinnerung“ sowie „Architektur und Geschichte“. Begleitet wird die Schau von einem Film, der Bilder mit literarischen Zitaten verbindet und dem Ganzen einen ruhigen, reflektierenden Rhythmus verleiht.

Die eigentliche Stärke der Ausstellung liegt in der Vielfalt der versammelten Objekte. Neben Kunstwerken finden sich Fotografien, Dokumente, Alltagsgegenstände und persönliche Erinnerungsstücke. Jedes einzelne erzählt seine eigene Geschichte, und zusammen ergeben sie eine vielschichtige Erzählung über eine Region, deren Geschichte sich einfachen nationalen oder politischen Kategorien entzieht. Dr. Mäuer hob bei der Eröffnung hervor: „Unsere Sammlung ist ein Werkzeug, mit dem wir Geschichte(n) erzählen.“

Historische Fotografien und Dokumente eröffnen unterschiedliche Zugänge zur vielschichtigen Geschichte Oberschlesiens.
Foto: Krzysztof Ruchniewicz

Bedeutsam ist auch der weitere institutionelle Kontext. Das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen gehört zu den wichtigsten Einrichtungen, die sich in Deutschland mit der Geschichte und Kultur Oberschlesiens befassen. Institutionen, die sich früher vornehmlich auf die Geschichte von Flucht, Vertreibung und Aussiedlung konzentrierten, bemühen sich heute zunehmend darum, Geschichte breiter zu erzählen – als Geschichte von Grenzregionen, Mehrsprachigkeit und dem Zusammenleben verschiedener Kulturen. In diesem Sinne fügt sich die Ausstellung auch gut in den deutsch-polnischen Erinnerungsdialog ein. Museen, Ausstellungen und gemeinsame Forschungsprojekte erreichen unterschiedliche Rezipientengruppen durch konkrete Objekte, Biographien und Erfahrungen.

Die Präsentation versteht sich als offener Denkraum, der verschiedene Perspektiven auf die Geschichte der Region nebeneinanderstellt.
Foto: Krzysztof Ruchniewicz

Die Eröffnung stieß auf großes Interesse beim Publikum. Die präsentierten Objekte wurden zum Ausgangspunkt für Gespräche über Familiengeschichte, Erinnerung und die gegenwärtige Bedeutung des regionalen Erbes. Die Ausstellung ruft in Erinnerung, dass Museumsdepots nicht bloß Aufbewahrungsorte alter Gegenstände sind, sondern ein gewaltiges Archiv der Erinnerungen und Erfahrungen konkreter Menschen. Wie Mäuer es formulierte: „Ein Museum sollte kein abgeschlossener Ort sein. Die Erfahrungen und Erinnerungen unserer Gäste sind ein wichtiger Teil des kulturellen Dialogs.“ In Zeiten, in denen über Geschichte und Erinnerung gestritten wird, klingt das wie eine notwendige Mahnung.

Alltagsgegenstände und persönliche Erinnerungsstücke verweisen auf individuelle Biografien und familiäre Erinnerungskulturen.
Foto: Krzysztof Ruchniewicz

Die Ausstellung „Ans Licht!“ ist bis zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung zu sehen. Schon heute ist jedoch erkennbar, dass sie zu mehr geworden ist als ein bloßes Übergangsprojekt. Sie ist ein interessanter Versuch, zu zeigen, wie man heute die Geschichte einer Region mit komplexer und multikultureller Vergangenheit erzählen kann.

 

Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie auf der Internetseite des Oberschlesischen Landesmuseums.

 

[osobanaglowek=“Über den Autor“ zdjecie=“https://neueswochenblatt.pl/wp-content/uploads/2026/03/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png“ podpis=““]
Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.
Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.[/osoba]

 

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