Erstmals in ihrer 75-jährigen Geschichte trifft sich die Sudetendeutsche Landsmannschaft am Pfingstwochenende nicht in Deutschland, sondern im tschechischen Brünn. Als Zeichen der Versöhnung gilt die Veranstaltung, gegen die sich nationalistische Abgeordnete mit einer umstrittenen Resolution aussprechen.
Seit 1950 treffen sich die Sudetendeutschen zu Pfingsten beim Sudetendeutschen Tag. Erstmals findet das traditionelle Treffen nicht in Deutschland, sondern in Tschechien statt – einem der Gebiete, aus denen die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden. Gastgeber ist die zweitgrößte tschechische Stadt Brünn.
Das viertägige Treffen steht unter dem Motto „Alles Leben ist Begegnung – Život je setkávání“. Erwartet werden neben zahlreichen Teilnehmern aus Deutschland, Österreich und Tschechien auch prominente Politiker, darunter Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt.
Einladung aus Brünn
Eingeladen wurde die Sudetendeutsche Landsmannschaft von der tschechischen Initiative Meeting Brno. Die Organisation setzt sich für Dialog, Erinnerungskultur und die Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte ein. Seit 2016 veranstaltet sie ein internationales Festival, das sich mit der Erinnerung und gesellschaftlicher Verständigung beschäftigt. Dazu gehört auch ein Versöhnungsmarsch zur Erinnerung an den Brünner Todesmarsch von 1945.
Der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe und Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, bezeichnete die Abstimmung als „Farce und Karikatur eines parlamentarischen Prozesses“.
Die Entscheidung, den Sudetendeutschen Tag erstmals in Tschechien auszurichten, gilt deshalb vielen als Schritt der Annäherung und Versöhnung. Zugleich sorgt sie im Land für politische Auseinandersetzungen.
Widerstand aus dem nationalkonservativen Lager
Vor allem die tschechische Rechtsaußenpartei Freiheit und direkte Demokratie (SPD) mobilisiert seit Monaten gegen die Veranstaltung. Bereits im vergangenen Jahr kündigte die Partei Proteste an, auch tagesschau.de berichtete. Im April demonstrierten nach Angaben des Landesecho mehrere hundert Menschen in Brünn gegen das Treffen.
Am 14. Mai brachte die Partei zudem eine Erklärung ins tschechische Abgeordnetenhaus ein, die sich gegen die Veranstaltung des Sudetendeutschen Tages in Tschechien ausspricht. Wie das Landesecho berichtet, blieben nicht nur die Parlamentarier der Opposition der Abstimmung aus Protest geschlossen fern, sondern es ließen sich auch prominente Minister der Regierung, einschließlich von Premierminister Babiš, nicht blicken. In der schließlich mit 73 von 77 Stimmen angenommenen Erklärung werden dem „Milieu“ der Sudetendeutschen Haltungen unterstellt, „die die Nachkriegsordnung in Frage stellen“.
Sudetendeutsche sprechen von „Farce“
Der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe und Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, bezeichnete die Abstimmung als „Farce und Karikatur eines parlamentarischen Prozesses“. Zugleich betonte er, dass der Sudetendeutsche Tag wie geplant stattfinden werde.
Tatsächlich hat die Resolution des Abgeordnetenhauses keine rechtlichen Auswirkungen auf die Veranstaltung. Die österreichische Tageszeitung Der Standard verwies zudem darauf, dass dem trotz populistischer Rhetorik oft pragmatisch agierenden Regierungschef Babiš diese Erklärung „mehr schaden als nutzen“ könnte.
Erinnerung und Verständigung im Mittelpunkt
Eröffnet wird der Sudetendeutsche Tag am 21. Mai mit einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Schoa am Brünner Hauptbahnhof. Am Samstag wird am Massengrab in Pohrlitz der Vertreibungen gedacht, danach findet ein Friedensmarsch statt. Daneben finden von Freitag bis Sonntag zahlreiche Musik-, Tanz- und themenbezogene Veranstaltungen sowie zwei Gottesdienste statt. Der letzte Programmpunkt ist wiederum ein Gedenkakt, für die Opfer des Nationalsozialismus.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Vorwurf des Geschichtsrevisionismus zumindest umstritten. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft bekannte sich in ihrer Grundsatzerklärung von 2015 ausdrücklich zur Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen. Zugleich hält sie an der Forderung fest, die Beneš-Dekrete politisch aufzuarbeiten und langfristig aufzuheben. Dies solle jedoch im Dialog zwischen tschechischen und sudetendeutschen Vertretern geschehen.
Unterstützung durch Präsident Pavel
Ein Signal der Unterstützung für den Prozess der Versöhnung kommt nun auch vom tschechischen Präsidenten Petr Pavel. Wie das Landesecho berichtet hat Pavel die Schirmherrschaft für das Festival Meeting Brno übernommen. Die Schirmherrschaft soll gemäß der tschechischen Präsidialkanzlei „ein Umfeld zu unterstützen, in dem offen und ohne Angst über Geschichte gesprochen werden kann“.
Mauro Oliveira