Unsere Leute unter sich – von Oberschlesien nach Deutschland
Seit einigen Wochen präsentieren wir in unseren Spalten eine Serie über die bekanntesten oberschlesischen Fußballer, die in der 1. Bundesliga große Karrieren gemacht haben und von denen einige sogar für die deutsche Nationalmannschaft spielten. Die bekanntesten sind natürlich die Weltmeister Mirosław Klose und Lukas Podolski, die mit der deutschen Nationalmannschaft 2014 Weltmeister wurden, sowie der in Kattowitz geborene Richard Herrmann, der im Trikot der „Adler“ bei der Weltmeisterschaft 1954 triumphierte.
Doch im Schatten dieses Trios stehen viele weitere Oberschlesier, die im deutschen Fußball eine bedeutende Rolle gespielt haben und denen man sich genauer widmen sollte. In drei früheren Folgen stellten wir bereits die Geschichte des in Tarnowitz geborenen Martin Max vor, den Jungen aus Deutsch Piekar Dariusz Wosz sowie den in Krappitz geborenen und aus Walzen stammenden Sebastian Schindzielorz. Der Protagonist der heutigen Folge ist Sebastian Boenisch. Seine Urgroßmutter Eleonora Boenisch war eine Schlesierin deutscher Herkunft, die allein sechs Kinder großzog, da ihr Mann nicht aus dem Krieg zurückkehrte. Im Nachkriegspolen musste sie jedoch aufgrund administrativen Drucks ihren Namen in Pniowska ändern. Deshalb kam Sebastian, geboren am 1. Februar 1987 in Gleiwitz, unter dem Namen Pniowski zur Welt, den auch sein Vater Peter trug. 1988 zog Sebastian Boenisch mit seiner Familie nach Deutschland. Zunächst lebte er mit seinen Eltern in einem Flüchtlingslager bei Dortmund. Nachdem die Formalitäten geklärt waren und die deutschen Behörden der Familie den Namen Boenisch zurückgegeben hatten, zog er nach Heiligenhaus bei Essen.

Sebastian Boenisch im Jahr 2009 beim Feiern des DFB-Pokalsiegs.
Foto: Wikipedia
Debüts und Verletzungen
Sebastian Boenisch begann seine Fußballkarriere beim Verein SSVg Heiligenhaus, später spielte er auch für Borussia Velbert und Rot-Weiß Oberhausen, wo er sich schnell entwickelte. Dies fiel den Talentscouts des FC Schalke 04 auf, die ihn 2003 verpflichteten. Dort integrierte er sich rasch. Bereits in der Saison 2005/2006 wurde er mit elf erzielten Toren drittbester Torschütze der Jugendliga, was eine große Profikarriere versprach.
In der Bundesliga debütierte er im Alter von 19 Jahren – am 11. Februar 2006, als Schalke 04 Bayer 04 Leverkusen mit 7:4 besiegte. Fünf Tage später bestritt er sein erstes Spiel im UEFA-Pokal gegen Espanyol Barcelona. Dank starker Leistungen überzeugte die Vereinsführung ihn im Mai 2007, seinen Vertrag bis 2010 zu verlängern.
Als es jedoch schien, dass er sich zur festen Stütze der Mannschaft entwickeln würde, begannen seine Verletzungsprobleme. Zu Beginn der Saison 2007/2008 schaffte er es nicht in den Kader und wechselte im August desselben Jahres zu Werder Bremen. Dort entwickelte er sich positiv und gewann mit dem Verein 2009 den DFB-Pokal. Doch im September 2010 erlitt er eine schwere Knieverletzung.
Von Deutschland nach Österreich
Nach der Operation prognostizierten die Ärzte eine Rückkehr im Dezember 2011 – und so kam es auch. Zunächst spielte er in der dritten Liga für die zweite Mannschaft von Werder Bremen, danach kehrte er in den Profikader zurück, blieb jedoch zunächst Ersatzspieler. Erst am 24. März 2012 kam er im Bundesligaspiel gegen den FC Augsburg wieder zum Einsatz.
Sein Vertrag lief am 30. Juni 2012 aus. Nachdem er eine Verlängerung abgelehnt hatte, war er bis November vereinslos und schloss sich anschließend erneut Bayer 04 Leverkusen an. Dort debütierte er am 11. November 2012 gegen den VfL Wolfsburg. Sein erstes Tor für Leverkusen erzielte er am 19. Januar im Bundesligaspiel gegen Eintracht Frankfurt.
Die Geschichte der Länderspieleinsätze von Sebastian Boenisch begann in der deutschen U20- und U21-Nationalmannschaft, mit der er 2009 Europameister wurde.
Leverkusen verließ er 2016 und unterschrieb beim Zweitligisten TSV 1860 München, wo er jedoch nicht mehr an frühere Leistungen anknüpfen konnte. Später spielte er noch für den Floridsdorfer AC und den 1. Wiener Neustädter SC.
Nationalmannschaftsgeschichte
Seine internationale Karriere begann in der deutschen U20- (4 Einsätze) und U21-Nationalmannschaft (13 Einsätze), mit der er 2009 Europameister wurde – einer der größten Erfolge seiner Karriere. Sein Ziel war jedoch die A-Nationalmannschaft Deutschlands. Da sich diese Perspektive nicht erfüllte, entschied er sich 2010 auf Initiative des damaligen polnischen Nationaltrainers Franciszek Smuda, für die polnische Nationalmannschaft zu spielen.
Am 20. August 2010 wurde er erstmals nominiert. Bei der Europameisterschaft 2012 absolvierte er alle drei Spiele der polnischen Mannschaft über die volle Distanz. Insgesamt bestritt er 14 Länderspiele für Polen.
Krzysztof Świerc