Der Exodus deutscher Unternehmen nach Mittel- und Osteuropa hat den angeschlagenen deutschen Industriebetrieben bislang nicht die erhofften Vorteile gebracht. Laut einem aktuellen Bericht fallen die Kosteneinsparungen in dieser Region vergleichsweise gering aus, zudem kommen weitere Standortnachteile hinzu.
Die Experten, die den Bericht erstellt haben, nennen eine Reihe von Faktoren. Zu den wichtigsten zählen – im Vergleich zu Deutschland – ein größerer Mangel an qualifizierten Fachkräften, ein geringerer Automatisierungsgrad sowie ein in den vergangenen Jahren stark gestiegener Arbeitskostenanstieg. Asiatische Länder hingegen, so die Autoren der Studie, bieten deutschen Unternehmen niedrigere Kosten und attraktivere Rahmenbedingungen.
Schwindende Begeisterung
Auslöser der Untersuchung war der deutliche Anstieg der Investitionen deutscher Industrieunternehmen in den Nachbarländern Osteuropas. Neben hohen Energiepreisen liegen die Arbeitskosten in der Bundesrepublik Deutschland rund 30 Prozent über dem Durchschnitt der Europäischen Union – darauf verweisen Experten der Beratungsgesellschaft Strategy&.
In den Jahren 2015 bis 2024 waren Polen und Tschechien die beiden beliebtesten Zielstandorte für Produktionsverlagerungen deutscher Unternehmen.
Gleichzeitig hat jedoch auch die Begeisterung deutscher Unternehmer für China in den vergangenen Jahren deutlich nachgelassen. Infolgedessen richten viele deutsche Unternehmen ihren Fokus verstärkt auf ihr unmittelbares wirtschaftliches Umfeld. In der Managementsprache wird diese Strategie als „Nearshoring“ bezeichnet.
Polen und Tschechien – eine Enttäuschung
In den Jahren 2015 bis 2024 waren Polen und Tschechien die beiden beliebtesten Zielstandorte für die Verlagerung deutscher Unternehmen. Wie aus der Studie hervorgeht, haben sich die Hoffnungen auf deutliche Kosteneinsparungen durch Produktionsverlagerungen in diese Länder jedoch häufig nicht erfüllt. Für viele Vorstandsvorsitzende deutscher Unternehmen erwies sich dieser Schritt letztlich als Enttäuschung.
Als Nachteile nennen die Autoren der Studie unter anderem: „Die Arbeitskosten sind in den vergangenen Jahren 3,5-mal schneller gestiegen als die Produktivität. Der Fachkräftemangel in der Industrie ist um 16 Prozent höher als in Deutschland, und die Energiepreise in Mittel- und Osteuropa haben sich innerhalb von fünf Jahren nahezu verdreifacht“, so Strategy&. Das bedeutet, dass sich die Unternehmensführungen deutscher Firmen nicht mehr allein auf den Standortvorteil verlassen können.
Günstige Energie, mehr Robotik
Laut der Studie sind mehrere asiatische Staaten – etwa Malaysia, Vietnam, Thailand oder Indonesien – tatsächlich wettbewerbsfähiger als viele Länder Mittel- und Osteuropas. Vor allem dank deutlich niedrigerer Energiepreise im Vergleich zu Europa.
Kombiniert mit geringeren Arbeitskosten sowie einem großen Angebot an qualifizierten Arbeitskräften verschafft dies diesen Ländern einen wachsenden Wettbewerbsvorteil. Immer häufiger gewinnen sie damit gegenüber Polen und Tschechien den Standortwettbewerb um deutsche Industrieunternehmen, die ihre Produktion in andere Weltregionen verlagern wollen.
Krzysztof Świerc