Heimat im Gebet: Das Sankt Hedwigs-Werk in Boguschütz

17 März 2026 Kirche

Die wohl letzte aktive Hedwigs-Gruppe in Oberschlesien bewahrt eine besondere Tradition.

Boguschütz in Oberschlesien – ein Ort, an dem die Zeit zwischen Kaffeeduft, frisch gebackenem Kuchen und dem Gebet zur Heiligen Hedwig stillzustehen scheint. Hier treffen sich Frauen im Rahmen des Sankt Hedwigs-Werks. Es ist eine Gruppe mit Seltenheitswert: Während die Wurzeln des Gebetskreises weit in die Nachkriegszeit zurückreichen, wird die Tradition hier bis heute lebendig gehalten – vielleicht als letzte Gruppe ihrer Art in der ganzen Region.

Die Geschichte des Werks begann zu Weihnachten 1947 im westfälischen Paderborn. Damals gründete Erzbischof Lorenz Jaeger das St. Hedwigs-Werk, um Millionen von Heimatvertriebenen aus dem deutschen Osten eine „geistige Heimat“ zu geben. Unter dem Patronat der Heiligen Hedwig, der Schutzpatronin Schlesiens, entstand ein Netzwerk aus Gebetskreisen und Wallfahrten, das den Glauben und die schlesische Kultur in der Fremde bewahren sollte.

Der Gesang zur Heiligen Hedwig bildet das Herzstück der Gemeinschaft im Sankt Hedwigs-Werk.
Foto: Manuela Leibig

Nach der politischen Wende in den 1990er Jahren kehrte der Leitgedanke schließlich zu seinen Ursprüngen nach Schlesien zurück. Es bildeten sich neue Gruppen, die die Verbindung von Glaube und Herkunft direkt vor Ort pflegten. Eine dieser Gruppen besteht bis heute in Boguschütz.

Stabwechsel und tatkräftige Unterstützung

Teresa Broy ist seit vier Jahren die Vorsitzende des Werks in Boguschütz. Sie übernahm das Amt von der Vorgängerin Aniela Wójcik– eine Aufgabe, die sie sich reiflich überlegte. „Als meine Vorgängerin 88 Jahre alt war, bat sie mich, den Vorsitz zu übernehmen, denn für sie wurde es zu beschwerlich. Auch die anderen Damen pochten darauf, dass ich es mache, und so gab ich schließlich nach“, erzählt Teresa Broy, die auch Mitglied im Deutschen Freundschaftskreis (DFK) Boguschütz ist.

Ein Rosenkranz und das zweisprachige Gebetbuch „Weg zum Himmel / Droga do nieba“ sind ständige Begleiter bei den monatlichen Treffen.
Foto: Manuela Leibig

Die Treffen finden im Kirchsaal statt. Pfarrer Erwin Mateja unterstützt die Initiative, wo er nur kann: „Er bereitet das Holz vor und heizt schon morgens den Kamin an, damit wir es warm haben. Er freut sich sehr, dass wir uns im Namen der Heiligen Hedwig treffen“, so die Vorsitzende.

Von Kuchen und der legendären Makrele

Bereits um 8 Uhr morgens trifft sich Teresa Broy mit zwei bis drei Helferinnen im Kirchsaal. Der Kuchen für den Nachmittag soll schließlich frisch sein. „Die eine siebt das Mehl, die andere lässt die Butter schmelzen. Ich mache dann den Teig. Kaffee und Tee müssen gekocht werden. Bis Mittag haben wir zu tun“, sagt die erfahrene Köchin, die jahrelang für Hochzeiten und Erntedankfeste gebacken und gekocht hat.

Zum Hedwigs-Werk stieß sie erst mit Beginn ihres Ruhestands: „Zu Hause hatten wir die Landwirtschaft. Erst als dort weniger zu tun war, weil mein Sohn sie übernommen hat, kam ich zum Gebetskreis und meldete mich sofort als Hilfe für die Vorbereitungen an.“

Ein gedeckter Tisch mit frisch gebackenem Kuchen und den legendären Fischbrötchen – das leibliche Wohl gehört fest zum Ritual.
Manuela Leibig

Neben dem Kuchen gehören belegte Brote fest zum Programm. „Bei uns muss es immer etwas mit Fisch geben“, sagt Teresa Broy und verrät ihr Rezept für einen Makrelenaufstrich: „Für eine Familienportion schneide ich eine Makrele klein, dazu kommen ein kleiner Apfel, zwei Salzgurken, Mayonnaise und etwas Pfeffer. Wenn es nicht kräftig genug ist, gebe ich noch einen Teelöffel Senf dazu.“

Gebet und Gemeinschaft

Einmal im Monat, immer am Mittwoch nach dem 14. des Monats, kommen die Frauen zusammen. „Wir wählen bewusst den Mittwoch, weil an diesem Nachmittag keine Heilige Messe stattfindet und wir es nicht eilig haben, nach Hause zu gehen“, erklärt Broy.

 

Der Ablauf ist fest geregelt: Zuerst wird auf Deutsch das Hedwigslied aus dem Gebetbuch „Weg zum Himmel / Droga do nieba“ gesungen, anschließend wird auf Polnisch der Rosenkranz zur Barmherzigkeit Gottes (Koronka do Miłosierdzia Bożego) gebetet.

Ein Rosenkranz und das zweisprachige Gebetbuch „Weg zum Himmel / Droga do nieba“ sind ständige Begleiter bei den monatlichen Treffen.
Foto: Manuela Leibig

Früher traf man sich im Saal der Feuerwehr, doch die vielen Treppen zur Toilette wurden für die älteren Mitglieder zum Hindernis. Gertrud Dobis, ein langjähriges Mitglied, erinnert sich wehmütig an die „großen Zeiten“: „Damals waren wir sicher 60 Leute, der Saal war voll. Ein Mann spielte Trompete, und wir haben gemeinsam gesungen. Er ist leider verstorben, nun singen wir alleine.“ Trotzdem lässt sie sich die Treffen nicht entgehen: „Man kommt mal raus von zu Hause. Als mein Auto heute nicht anspringen wollte, hat mich eben meine Schwiegertochter gefahren.“

Erste von Rechts: Getrud Dobis.
Foto: Manuela Leibig

Auch Monika Wittek vom DFK Zelasno besuchte eines der Treffen des Sankt Hedwigs-Werks in Boguschütz und schätzt die Atmosphäre: „Ich habe die Damen vor zwei oder drei Jahren kennengelernt. Ich weiß, dass es noch zu Zeiten von Pfarrer Wolfgang Globisch das Hedwigswerk gab. Aber an welchen Orten, das weiß ich nicht. Die Damen sagen, sie werden immer weniger, aber so wie heute ist es eine schöne Gruppe. Es ist etwas Schönes, wenn man sich sowohl zum Gebet als auch zum Gespräch treffen kann.“

Mathilda Wicher
Foto: Manuela Leibig

Ein Anker im Alter

Die 92-jährige Matylda Wicher kommt auch erst seit ihrer Pension zum St. Hedwigs-Werk. Für sie geht es nicht erst um 13:30 Uhr los, wenn sie von einer Freundin aus dem Hedwigs-Werks abgeholt wird: „Einen Tag vorher überlegt sie schon: Was ziehe ich an? Zu Hause denke ich so viel nach, und hier komme ich unter die Leute, wir singen und sprechen darüber, was es Neues im Dorf gibt.“ Als sie zu dem Gebetskreis dazugestoßen ist, wurde noch nicht der Rosenkranz zur Barmherzigkeit Gottes (Koronka do Miłosierdzia Bożego) gebetet: „Wir haben etwas anderes gebetet. Wir hatten ja so viele deutsche Bücher mit Gebeten und Gesang zu Hause.“

Für die Frauen ist der Austausch im Kirchsaal eine wichtige soziale Stütze und ein „Anker im Alter“.
Foto: Manuela Leibig

Die ebenfalls 92-jährige Aniela Wójcik hatte 23 Jahre lang den Vorsitz des St. Hedwigs-Werks inne: „Meine Vorgängerin war bestimmt auch schon 20 Jahre Vorsitzende gewesen.“ Aniela Wójcik erinnert sich: „Eine Frau aus Boguschütz war in München, lernte das Werk dort kennen und brachte die Idee mit zu uns. Von ein bis zwei kurzen Gebetstreffen im Jahr hat sich das bei uns in diese Richtung entwickelt. Wir hatten früher ein Heft mit deutschen Liedern, die wir gesungen haben.“ Aniela Wójcik hat zuerst tatkräftig mitgemacht, bevor sie den Vorsitz innehatte, genau wie Teresa Broy.

Die 92-jährige Aniela Wójcik (hier im Bild) und die anderen Mitglieder pflegen die Liturgie mit großer Sorgfalt.
Foto: Manuela Leibig

Auch für Aniela Wójcik sind die Treffen einmal im Monat etwas ganz Besonderes: „Das Zusammenkommen ist wichtig, auch wenn wir im Alltag oft getrennte Wege gehen. Wir freuen uns über jeden Neuzugang; erst im Januar ist wieder ein neues Mitglied zu uns gestoßen.“
Teresa Broy bestätigt das große Interesse im Dorf: „Wenn ich die Frauen im Laden treffe, fragen sie schon: ‚Wann ist das nächste Hedwigs-Treffen?‘ Das macht mir große Freude.“

Terminhinweis:

Das nächste Treffen des Sankt Hedwigs-Werks findet am 18. März um 14:00 Uhr im Saal in der Ulica Opolska (neben der Kirche) statt. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, dazuzustoßen.

Vaterland
Poprzedni artykuł

Vaterland