Sybillenort, das heutige Szczodre, war einst eine ländliche Residenz der Herzöge von Oels aus dem Hause Württemberg, später der Welfen und schließlich der sächsischen Wettiner. Schon früher konnte man diesen Ort bequem erreichen – sogar mit der Eisenbahn. Die Umgebung galt als besonders reizvoll und lud zu Erholung und Spaziergängen ein.
Die Residenz verfügte über mehr als 400 repräsentative Räume. Ein Teil davon – etwa 80 Zimmer – konnte zusammen mit der weitläufigen Parkanlage sowie den Gewächshäusern und Orangerien von Besuchern besichtigt werden. Der Eintritt kostete einen Taler für sechs Personen. Die Führung übernahm der Kastellan. In der Blütezeit kamen jährlich rund 70.000 Besucher nach Sybillenort.
Ein beliebtes Ausflugsziel des schlesischen Adels
Die aristokratische Anlage war so konzipiert, dass erschöpfte Gäste nach der Besichtigung ausruhen konnten. Dafür sorgte unter anderem das Hofbrauhaus. Durstige und hungrige Besucher fanden hier elegante Tische, leicht verborgen zwischen mächtigen alten Bäumen. Noch heute gibt der Boden Zeugnis vom damaligen gesellschaftlichen Leben – manchmal entdeckt man beim Spazierengehen sogar keramische Flaschenverschlüsse des einst ausgeschenkten Bieres.

Das Schloss Sibyllenort 1802.
Quelle: Wikimedia Commons
Das Schloss, das man nicht ohne Stolz das „schlesische Windsor“ nannte, besuchten hochrangige Gäste: Kaiser Franz Joseph von Österreich, König Albert von Sachsen, zahlreiche Erzherzöge – etwa aus Luxemburg, Ratibor oder Ujest – sowie viele andere prominente Persönlichkeiten. Zu ihren Ehren wurden festliche Empfänge ausgerichtet, vorbereitet von einem ganzen Stab von Hofbediensteten.
Das Personal der Küche bestand aus dem Hofküchenmeister Ernst Tank, dem Hofkoch und Küchensekretär Franz Bertram, den Hofköchen Naether und Schulz, drei bis vier Lehrlingen sowie zwei Küchendienern. Die Hofkonditorei leitete der aus Wien stammende Hofkonditor Haller.

Der Garten des Hofbrauhaus Sibyllenort.
Quelle: Pałac Sybilli w Szczodrem
Der Herzog schenkte der Kochkunst große Aufmerksamkeit. Nicht selten wurden begabte Lehrlinge zur Ausbildung nach Paris geschickt. Dort erwarben sie eine hervorragende Beherrschung der französischen Küche – allerdings erwies sich dies nicht immer als Vorteil, denn manche der verwöhnten Köche konnten sich später in bescheideneren Küchen kaum zurechtfinden. In späteren Jahren schickte man die Lehrlinge eher nach Braunschweig, Berlin oder Kamenz in Sachsen. Dort lernten sie die Hofküche von Prinz Albert von Grund auf kennen. Auf diese Weise wurden sie Schritt für Schritt zu vielseitigen und hervorragend ausgebildeten Köchen.
Das Auge aß mit
Im Sybillenort speiste man nicht nur vorzüglich – auch das Geschirr war außergewöhnlich. Das monumentale Meissener Tafelservice mit dem roten Drachen („Red Dragon“) wurde um 1740 auf besondere Bestellung des sächsischen Königs gefertigt. Es wurde über Generationen hinweg weitergegeben und nur zu besonderen Anlässen benutzt.

Der kleine Speisesaal von Schloss Sibyllenort.
Quelle: Wikimedia Commons
Der orientalische Charakter des Services wurde durch rote Chrysanthemen aus der Schlossgärtnerei ergänzt – sie galten damals als Symbol von Sybillenort. Einmal im Jahr, zum Hubertusfest, veranstaltete man im Schloss ein großes Festmahl. Die Speisen wurden auf dem „Drachenservice“ serviert, während der große Speisesaal mit prächtigen Arrangements aus purpurfarbenen Chrysanthemen geschmückt war.
Als kulinarisches Andenken unserer kleinen Reise bleiben helle Lebkuchen, die nach Hasel duften und bereits den nahenden Frühling und das Osterfest ankündigen.
Im Zentrum des Saales stand ein gewaltiger Tisch aus 205 verschiedenen Marmorsorten. Während der Mahlzeiten konnten die Gäste sogar die im Saal wachsenden Kirsch- und Melonenbäume bewundern.
Die genaue Ausstattung des Raumes kennen wir dank einer Auktion, die der Kunsthändler Hermann Nestle im Februar 1935 organisierte. In seinem Auktionskatalog verzeichnete und bewertete er die wertvollen Gegenstände der Familie. Unter der Nummer 238 findet sich eine detaillierte Beschreibung des Speisesaals. Die Wände waren mit italienischen Lederbildern geschmückt, die Szenen aus der griechischen Mythologie darstellten. Vergoldete Holzschnitzereien, reiche Stuckornamente und elf kleinere Gemälde – ebenfalls auf Leder – ergänzten das Ensemble. Häufig erschienen Motive mit Amoretten, Nymphen sowie Blumen- und Früchtegirlanden.
Die Decke war in 21 Felder unterteilt, die mit Spiegeln gefüllt und teilweise bemalt waren. Den Rahmen bildeten 19 weitere Lederbilder mit Motiven, die die Szenen der Wände aufgriffen. Auch hier dominierten reich vergoldete Holz- und Stuckarbeiten. Der gesamte Raum präsentierte sich in einem üppigen venezianischen Stil.

Hofbrauhaus Sibyllenort.
Quelle: Pałac Sybilli w Szczodrem
Der Speisesaal lag im Erdgeschoss des Schlosses, während sich die Küche – laut Bauplänen aus der Zeit vor 1914 – im Souterrain befand. Sie versorgte die königliche Familie der Wettiner und den gesamten Hofstaat, besonders in jener Zeit, als Sybillenort zu den bevorzugten Residenzen der sächsischen Königsfamilie gehörte.
Die Schlossküche funktionierte weitgehend autark. Sie nutzte Produkte aus den umliegenden landwirtschaftlichen Gütern, Obstgärten und Wirtschaftsgebäuden. Bekannt ist zum Beispiel, dass Orangen, Zitronen und Pfirsiche aus der Schlossorangerie mit der Bahn von Szczodre aus verschickt wurden – zur Dekoration anderer Residenzen in Potsdam und Dresden.
Auch Überschüsse aus den Hofjagden fanden ihren Weg auf den Markt. Die Firma Derb’s Wildhandlung in Breslau (Kupferschmiedestraße 55/56) verkaufte Hasen, Rebhühner, Fasane und Rehe – Delikatessen, die damals sehr gefragt waren.
Ein Besuch heute
Vor einigen Tagen waren wir in Szczodre. Vom Schloss ist nur noch ein Fragment erhalten. Ringsum wachsen Wildkräuter und junge Bäume. Der Park erwachte gerade aus seinem Winterschlaf, und die blühenden Haselsträucher kündigten bereits den nahenden Frühling an.
Sicher werden wir wiederkommen, wenn alles grüner wird – um am Teich zu verweilen und den alten Baumbestand zu bewundern, der noch immer von der wechselvollen Geschichte dieses Ortes erzählt, der einst als eine niederschlesische Perle in der Krone galt.
Als kulinarisches Andenken unserer kleinen Reise bleiben helle Lebkuchen, die nach Hasel duften und bereits den nahenden Frühling und das Osterfest ankündigen.
Szczodre-Osterhasen aus Holzmodeln

Szczodre-Osterhasen aus Holzmodeln.
Foto: Michał Janik
Zwei Eier werden mit einem Glas Zucker mindestens 30 Minuten lang schaumig gerührt, bis sich der Zucker vollständig aufgelöst hat. Anschließend gibt man unter ständigem Rühren portionsweise ein Glas Honig sowie 400 g Mehl, vermischt mit Lebkuchengewürz und einer Prise Natron, hinzu.
Aus dem fertigen Teig werden kleine Stücke abgenommen und in eine zuvor gut eingefettete Holzform gedrückt. Danach löst man die Figur aus der Form und legt sie auf ein Backblech.
Der Ofen wird vorgeheizt. Die Lebkuchen backen etwa 20 Minuten bei 150 °C. Gegen Ende der Backzeit sollte man darauf achten, dass die Ränder nicht zu dunkel werden.
Nach dem Backen lässt man die Lebkuchen vollständig auskühlen. Am nächsten Tag werden sie in eine Kartonschachtel gelegt und warten dort auf ihren Auftritt als kleines Ostergeschenk.
Tipp:
Wenn der Teig zu fest wird, kann man ihn mit einem kleinen Schuss Alkohol geschmeidiger machen.
Małgorzata Janik