Vergessenes Erbe: Beuthens schönster Friedhof

15 März 2026 Geschichte

Der Mater-Dolorosa-Friedhof in Beuthen zählt zu den beeindruckendsten Nekropolen Oberschlesiens. An der Piekarerstraße erzählen Mausoleen und prächtige Grabsteine vom einstigen Wohlstand und der komplizierten Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert.

Ursprünge

Die dynamische Entwicklung Beuthens während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert überforderte den bisherigen Stadtfriedhof, der sich an der Stelle der Kirche St. Trinitatis befand. Schon 1866 wurde mit dem Aufkauf von Grundstücken an der Piekarerstraße begonnen, und zwei Jahre später fand die erste Person hier ihre letzte Ruhestätte. Erst 14 Jahre später entstand die neogotische Friedhofskapelle nach dem Entwurf des Wiener Architekten Hugo Heer. Finanziert wurde der Bau durch das Vermächtnis der Rossberger Bürgerin Julianna Garus (12.000 Mark).

Ein Spaziergang durch die oberschlesische Geschichte

Wer sich die Zeit nimmt und Mater Dolorosa besucht, wird ein wertvolles Ensemble aus Grabkapellen, Skulpturen und Obelisken aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert vorfinden. Das Besondere dabei ist die hohe Anzahl an Gräbern mit deutschen Inschriften, die bis heute überdauert haben. Diese berichten nicht nur über Geburts- und Todesdaten. Es scheint früher durchaus üblich gewesen zu sein, der Nachwelt auch seinen Berufsstand mitzuteilen. So finden sich hier neben Stadträten auch Bahnschaffner, Schneidermeister, Hausbesitzer, Primaner (heute würden wir Gymnasiasten sagen) und Rentiers.

Friedhofskapelle
Foto: Martin Wycisk

Den größten Eindruck machen auf dem Friedhof die Gräber der ehemaligen Eliten Beuthens. Hervorzuheben ist hier u. a. das Mausoleum des Beuthener Bierkönigs Ignatz Hakuba. Der gebürtige Beuthener war als Unternehmer der reichste Einwohner seiner Stadt und machte sich als Philanthrop und Stadtrat verdient. Nicht weniger beeindruckend sind die Gräber der Familien Schastok oder Goetzler.

Familiengräber
Foto: Martin Wycisk

Was Besucher aus Deutschland überraschen kann, sind Gräber mit polnischen Inschriften aus der Zeit vor 1945. Hier fanden auch Oberschlesier ihre letzte Ruhe, die sich für den Erhalt der polnischen Sprache in Oberschlesien einsetzten. Zu erwähnen ist z. B. der im heutigen Stadtteil Miechowitz geborene Pfarrer und Dichter Norbert Bonczyk oder der Pfarrer und Abgeordnete der Preußischen Nationalversammlung und des Abgeordnetenhauses in den Jahren 1848–1851, Józef Szafranek, der auch in der Arbeiterseelsorge und der Bekämpfung des Alkoholismus aktiv war.

Wer sich die Zeit nimmt und Mater Dolorosa besucht, wird ein wertvolles Ensemble aus Grabkapellen, Skulpturen und Obelisken aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert vorfinden.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges hinterließ auch auf den oberschlesischen Friedhöfen seine Spuren. Ab dem Jahr 1945 fanden auch die neuen Einwohner der Stadt hier ihre letzte Ruhestätte. Was bei den polnischen Gräbern auffällt, ist, dass Berufsbezeichnungen deutlich seltener angegeben wurden, wobei Ärzte, Bergbauingenieure und Militärs hervorstechen. Dafür steht hinter manchen Geburtsdaten der Zusatz „we Lwowie“ – in Lemberg. Ob die Verstorbenen damit auf ihren Schmerz über die verlorene Heimat aufmerksam machen wollten?

Familiengrab Brüning
Foto: Martin Wycisk

Zu den wichtigsten Persönlichkeiten der Nachkriegszeit, die hier beigesetzt wurden, gehören u. a. zwei polnische Nationalspieler und Legenden des Fußballvereins Polonia Bytom – der aus Klein-Dombrowka (heute Kattowitz) stammende Torwart Edward Szymkowiak und der in Stanisławów (heute Iwano-Frankiwsk/Ukraine) geborene Stürmer Kazimierz Trampisz. Zu den sportlichen Größen des Friedhofs gehört auch der Lemberger Emil Nikodemowicz, der als Trainer der Eishockeyabteilung von Polonia Bytom zu vier polnischen Meisterschaften führte.

Der Weg zum Denkmalschutz

Dass wir heute durch den Friedhof spazieren können, ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. Anders als so oft in Beuthen wurden hier nicht Bergbauschäden zur Gefahr, sondern die lokalen Behörden. 1973 initiierten diese die Schließung dreier katholischer Friedhöfe im Umfeld der Piekarerstraße. Nur dem Widerstand des Pfarrers der St.-Trinitatis-Kirche ist es zu verdanken, dass Mater Dolorosa als einziger der drei Nekropolen von der Schließung verschont blieb.

Dies verhinderte jedoch nicht die Entfernung einzelner Gräber, u. a. die des verdienten Oberbürgermeisters Georg Brüning unter der behördlichen Begründung nicht gezahlter Friedhofsgebühren.

Grab Pfarrer Szafranek
Foto: Martin Wycisk

Seit 1987 steht der Mater-Dolorosa-Friedhof unter Denkmalschutz. In den Jahren 1999 und 2008 wurde die Friedhofskapelle renoviert. Zum Zwecke des Erhalts historischer Grabstätten werden seit dem Jahr 2000 jährlich an Allerheiligen Spenden gesammelt. Vom wachsenden gesellschaftlichen Bewusstsein für den Wert der Nekropole zeugt auch, dass diese 2009 in einer zweimonatigen Onlineabstimmung zu einem der sieben architektonischen Wunder der Woiwodschaft Schlesien gewählt wurde.

Zu den Beuthener Traditionen gehört mittlerweile auch, dass am Vorabend von Allerheiligen der Stadtpräsident und weitere Behördenvertreter Kränze an den Gräbern der ehemaligen Bürgermeister niederlegen. Hierbei eingeschlossen sind auch Alfred Stephan und Georg Brüning. Dem Letzteren wird am Grab seiner Familie gedacht. Dort brachte die Stadt Beuthen 2005 eine zweisprachige Gedenktafel an, um die Erinnerung an seine Verdienste zu wahren.

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