Aus unserer Geschichte: Aus einer Welt, die nicht existiert. Und nie existierte …

13 März 2026 Geschichte

Die digitalen Bestände des FZDM-Archivs bergen ein besonderes Relikt aus den 1950er-Jahren: Scans von Zeitungen, die in Niederschlesien für die dort ansässige deutsche Bevölkerung erschienen. Diese Sammlungen stehen online allen Interessierten an diesem wenig bekannten Kapitel der Geschichte der „anerkannten“ Deutschen zur Verfügung, die sich infolge von Grenzänderungen in einer ihnen fremden Welt wiederfanden.

Es herrscht die weitverbreitete Annahme, die polnischen Nachkriegsbehörden hätten die Existenz einer deutschen Minderheit geleugnet. Aus oberschlesischer Sicht traf dies tatsächlich zu. Es handelt sich jedoch um eine Wahrheit mit, sagen wir, regionalem Charakter. Denn es gab Orte in der Volksrepublik Polen, an denen Deutsche – sofern man diesen Begriff in der Realität eines totalitären Staates überhaupt verwenden kann – ihre Sprache und Kultur frei pflegen konnten. In Niederschlesien und Westpommern, wo die Propaganda keine Verbindung zwischen den in der Region verbliebenen Deutschen und ihren slawischen Vorfahren nachweisen konnte, entwickelte sich bereits ab den frühen 1950er-Jahren ein kulturelles und soziales Minderheitenleben, das von den Behörden streng kontrolliert wurde.

Im Juni 1951 erschien schließlich die erste Ausgabe der Zeitung „Arbeiterstimme“, die sich in den Ruch-Kiosken zu einem festen Bestandteil des Zeitungsangebots entwickeln sollte.

Der Anlass, heute auf einen Aspekt dieser Aktivitäten einzugehen, ist ein Jahrestag. Vor 75 Jahren, am 1. April 1951, erschien das „Biuletin der Wałbrzycher Abteilung des Bergarbeiterverbandes“. Nach dem obligatorischen Aufruf zur Vereinigung der Proletarier aller Länder folgten weitere Artikel, die (natürlich im Namen des Friedenskampfes) eine Steigerung der Kohleförderung forderten. Die Vorarbeiter Richard Langner und Herrmann Kern kündigten an, dass ihre deutschen Bergarbeitertrupps im April – zur Feier des bevorstehenden Tags der Arbeit – 140 % ihrer Norm überschreiten würden!

Das zweiseitige Bulletin erwies sich zwar als kurzlebig, doch einen Monat später erschien ein neuer Titel: „Wir bauen auf“. Diesmal waren die Hauptthemen die Feierlichkeiten zum Tag der Arbeit und der Besuch Bolesław Bieruts in der DDR. Die einzige lokale Meldung war ein Bericht von Paul Lauterbach aus dem Bergwerk „Nowa Ruda“ – ja, auch hier ging es um die Überschreitung der Kohlefördernormen.

Im Juni 1951 erschien schließlich die erste Ausgabe der Zeitung „Arbeiterstimme“, die sich in den Ruch-Kiosken zu einem festen Bestandteil des Zeitungsangebots entwickeln sollte. Bis Mitte 1955 erschien diese bereits in Breslau herausgegebene Zeitung zunächst wöchentlich, später sogar täglich. Als nach dem Oktoberumbruch 1956 die meisten Leser emigrierten, wurde auch das für sie bestimmte Propagandaorgan 1958 eingestellt.

Aus heutiger Sicht sind die Nachrichten aus der Welt der „anerkannten“ Deutschen wohl am interessantesten. Ein Reporter, der im Dezember 1953 Kinder einer Schule in Gottesberg-Rothenbach besuchte, berichtete, dass Mathematik das Lieblingsfach der Schüler war und fast alle ihre Ausbildung an einer technischen Schule fortsetzen wollten. Auch aus Westpommern erschienen regelmäßig Beiträge, beispielsweise ein ausführlicher Bericht über die Eröffnung des Kulturzentrums „Freundschaft“ in Stettin.

Unter der Adresse: https://zbioryspoleczne.pl/zbiory/PL_1042_025 stellen wir digitale Kopien von über 200 Ausgaben der beschriebenen Titel aus den Jahren 1951–1955 zur Verfügung. Wir laden alle Interessierten zu einem virtuellen Besuch in einer Welt ein, die es nicht mehr gibt und eigentlich nie wirklich existiert hat …

Michał Matheja

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