35 Wege über die Neiße

Brücken schlagen auf zwei Rädern

7 August 2026, 05:00 Kultur , Nachrichten

Anlässlich des 35. Jahrestages des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags plant das Deutsche Kulturforum östliches Europa gemeinsam mit Partnern ein besonderes Projekt. Junge Menschen aus beiden Ländern sollen vom 8. bis 12. September 2026 die Grenzregion nicht nur sehen, sondern erfahren – und das vom Sattel eines Fahrrads aus.

Die Idee zu diesem binationalen Fahrradprojekt ist – wie so viele gute Dinge – durch eine persönliche Entdeckung entstanden. Ariane Afsari vom Deutschen Kulturforum östliches Europa erinnert sich: „Unsere Praktikantin Oliwia Drozdowicz war längere Zeit bei uns und hat währenddessen ihre Masterarbeit abgeschlossen. Oliwia, die aus Niederschlesien stammt, hatte sich intensiv mit den Brücken entlang von Oder und Neiße beschäftigt. Dabei hat sie herausgefunden, dass es dort knapp über 100 Brücken gibt“, erzählt Afsari. Besonders spannend sei dabei der Bereich entlang der Neiße, wo die Brücken oft sehr eng beieinander liegen.

Von verschwundenen und vergessenen Wegen

Für Frau Afsari war schnell klar, dass diese Brücken mehr sind als nur Stein und Stahl. Sie sind Symbole für die Geschichte einer Region, die nach 1945 radikale Brüche erlebte. „Es gibt verschwundene Brücken, wieder aufgebaute, erhaltene und völlig vergessene Brücken“, erklärt sie. Gemeinsam mit acht jungen Deutschen und acht jungen Polen im Alter von 18 bis 26 Jahren möchte sie diese Orte erkunden.

Quelle: kulturaktiv.org, Foto: Thomas Vosbeck

Dabei geht es nicht um eine rein sportliche Höchstleistung, sondern um den Austausch. „Wir wollen verschiedene Perspektiven auf die Geschichte dieser Region beleuchten“, so Afsari. Das Vorbild ist dabei fast schon philosophisch: Ähnlich wie beim deutsch-polnischen Geschichtsbuch sollen auch bei schwierigen Debatten immer beide Seiten zu Wort kommen, um echtes Verständnis zu entwickeln.

Ein mobiles Studio im Gepäck

Das Projekt bietet den Teilnehmern einen besonderen Mehrwert: Sie werden selbst zu Chronisten der Tour. „Wir haben Mikrofone mit dabei. An den verschiedenen Stationen – etwa beim Kraftwerk Hirschfelde, dem Tagebau Turów oder im Kloster St. Marienthal – werden Gespräche geführt. Die jungen Leute bekommen das Mikrofon selbst in die Hand, führen Interviews mit Zeitzeugen, Museumsleitern oder auch mal mit der Mutteroberin im Kloster.“ verrät Frau Afsari.

Diese Brücken mehr sind als nur Stein und Stahl. Sie sind Symbole für die Geschichte einer Region, die nach 1945 radikale Brüche erlebte.

Die Ergebnisse sollen nicht in der Schublade verschwinden. Das Kulturforum Östliches Europa bietet an, daraus Podcasts zu produzieren oder Artikel für die Zeitschrift „Kulturkorrespondenz Östliches Europa“ zu schreiben. Und auch die sozialen Medien spielen eine Rolle: Jeden Abend will sich die Gruppe zusammensetzen und überlegen: „Welches Foto posten wir morgen? Welcher Text passt dazu? Was war uns heute am wichtigsten?“

Mit dem Drahtesel durch die Lausitz

Organisatorisch ist das Projekt so geplant, dass es für junge Erwachsene gut machbar ist. Gestartet wird am 8. September in Zittau, das Ziel ist Forst in der Lausitz. „Man muss keine 50 Kilometer am Tag fahren können“, beruhigt Frau Afsari. Geplant sind entspannte 25 bis 35 Kilometer täglich. Ein eigenes, verkehrssicheres Fahrrad und die entsprechende Ausrüstung müssen die Teilnehmer allerdings selbst mitbringen.

Auch für die Vorbereitung wird gesorgt: Damit sich die Gruppe schon vorab kennenlernt und Details zur Anfahrt klären kann, sind Zoom-Meetings zur Vorbereitung geplant. Und wer sich fragt, wie er nach der Tour mit dem Rad wieder nach Hause kommt: Die Organisatoren helfen bei Bedarf auch bei der Wahl der Züge für die Rückreise.

Wer steckt dahinter?

Dass dieses Projekt überhaupt zustande kommt, ist einer engen Vernetzung zu verdanken. Organisiert wird die Tour von Kultur Aktiv e.V., dem Deutschen Kulturforum östliches Europa und dem Willy Brandt Zentrum der Universität Breslau.

Wer Lust bekommen hat, Geschichte aktiv zu „erfahren“, kann sich bis zum 20. August 2026 bewerben. Der Teilnahmebeitrag liegt bei 50 Euro und beinhaltet Unterkunft, Verpflegung und Versicherung. „Wir suchen junge Leute, die Lust auf internationale Begegnungen haben“, sagt Ariane Afsari, die sich schon jetzt auf den Austausch an der Neiße freut.

Übrigens: Wer – wie Oliwia Drozdowicz – Interesse an einem Praktikum im Kulturforum östliches Europa hat, kann sich jederzeit melden. Man sollte die Sprache aus den Arbeitsgebieten mitbringen und Lust auf Themen der Geschichte und Kultur haben.

Wichtige Infos:

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