Wie nehmen Deutsche Polen und Polen Deutschland wahr? Der erste Teil des diesjährigen Deutsch-Polnischen Barometers zeigt: Persönliche Kontakte gehen mit einem positiveren Bild des Nachbarlandes einher. Gleichzeitig gibt es deutliche Unterschiede bei der Wahrnehmung der Attraktivität seiner Produkte und der Einschätzung der Sicherheit.
Das Deutsche Polen-Institut und das Institut für Öffentliche Angelegenheiten in Warschau untersuchen regelmäßig, wie die Menschen in beiden Ländern ihr jeweiliges Nachbarland wahrnehmen. 35 Jahre nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags ist diese Frage weiterhin relevant. Nun wurde der erste Teil des diesjährigen Barometers veröffentlicht. Erstmals nimmt das Barometer in diesem Jahr auch die Grenzregionen genauer in den Blick.
Erkenntnis 1: Wer das Nachbarland besucht, sieht es positiver
Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen Reiseerfahrungen und der Bewertung des Nachbarlandes.
59 Prozent der in Polen Befragten gaben an, seit der politischen Wende 1989/90 mindestens einmal in Deutschland gewesen zu sein. In Deutschland sagten 42 Prozent, dass sie in diesem Zeitraum bereits Polen besucht haben. In den Grenzregionen liegen die Werte erwartungsgemäß höher.
Die größere Vertrautheit bedeutet nicht automatisch, dass das Nachbarland in allen Bereichen positiver bewertet wird.
Besonders deutlich wird der Unterschied bei regelmäßigen Besuchen. In den polnischen Grenzwoiwodschaften waren 53 Prozent der Befragten bereits mehrmals in Deutschland. In den übrigen Woiwodschaften waren es 28 Prozent. Auch insgesamt sind Kontakte über die Grenze hinweg im polnischen Grenzraum häufiger: Drei Viertel der dort Befragten haben Deutschland seit 1989/90 besucht. Auf deutscher Seite hat etwa die Hälfte der Befragten bereits Polen besucht.
Polnische Befragte, die bereits in Deutschland waren, bewerten Deutschland in den untersuchten Bereichen häufiger positiv als diejenigen, die noch nie dort waren. Bei Menschen, die Deutschland mehrmals besucht haben, fällt der Anteil positiver Bewertungen nochmals höher aus.
Ähnlich ist das Bild in Deutschland: Auch hier steigt die positive Wahrnehmung Polens mit persönlichen Erfahrungen. Besonders deutlich zeigt sich das bei der Frage nach der Sauberkeit. 53 Prozent der Deutschen, die seit 1989/90 mindestens einmal in Polen waren, bewerten diese positiv. Bei denjenigen, die noch nie in Polen waren, sind es lediglich 25 Prozent.
Gleichzeitig fällt auf: Wer noch nie im Nachbarland war, antwortet häufiger mit „schwer zu sagen“. Persönliche Erfahrungen scheinen also nicht nur die Richtung der Bewertung, sondern auch die Sicherheit der eigenen Einschätzung zu beeinflussen.
Das zeigt sich auch in den Grenzregionen. Dort wird die Antwort „schwer zu sagen“ seltener gewählt. Allerdings bedeutet die größere Vertrautheit nicht automatisch, dass das Nachbarland in allen Bereichen positiver bewertet wird. So beurteilen die Befragten in den polnischen Grenzregionen etwa den Stand der Digitalisierung in Deutschland kritischer als Befragte aus anderen Teilen Polens.
Erkenntnis 2: Eine negative Wahrnehmung beim Thema Sicherheit
Bei den meisten abgefragten Eigenschaften überwiegen positive gegenüber negativen Einschätzungen. Eine Ausnahme bildet die Frage nach der Sicherheit Deutschlands. Nur 27 Prozent der Befragten in Polen stimmten der Aussage zu, dass Deutschland ein Land sei, in dem man sich sicher fühle. 30 Prozent gaben dagegen an, dass sie Deutschland nicht als sicheres Land wahrnehmen.
Dieses Ergebnis hebt sich von den übrigen Bewertungen ab. Auch für Agnieszka Łada-Konefał, die das Barometer für das Deutsche Polen-Institut mitverfasst hat, kam dieses Ergebnis überraschend. Sie führt die kritische Wahrnehmung unter anderem auf die politische und mediale Diskussion in Polen zurück. „Zu erklären ist das vor allem mit der Rhetorik in Polen.“ Łada-Konefał verweist dabei insbesondere auf die Darstellung negativer Ereignisse in Deutschland durch bestimmte Medien. „Das heißt, jeder Mord, jedes Attentat wird in den rechten Medien in Polen hochgeschaukelt. Und das hat natürlich Folgen“, sagt die Co-Autorin der Studie.

Der erste Teil des Deutsch-Polnischen Barometers zeigt, dass persönliche Kontakte mit einer positiveren Wahrnehmung des Nachbarlandes einhergehen.
Foto: crystal/Unsplash
Bei anderen Aspekten bleiben dagegen traditionelle Vorstellungen vom Nachbarland bestehen. Deutschland wird weiterhin häufig mit guter Infrastruktur verbunden, Polen mit günstigen Preisen und freundlichen Einwohnern. Gleichzeitig ist das Bild nicht statisch: So wird die touristische Attraktivität Deutschlands von polnischen Befragten häufig positiv bewertet – ein Merkmal, das weniger zu den klassischen Vorstellungen über Deutschland gehört, wie die Autorinnen und Autoren der Studie bemerken.
Erkenntnis 3: ‚Made in Germany‘ wirkt in Polen stärker als ‚Made in Poland‘ in Deutschland
Das Barometer fragt auch danach, welchen Einfluss das Herkunftsland eines Produkts auf Kaufentscheidungen hat.
In Polen wirkt das Label „Made in Germany“ weiterhin eher positiv. 38 Prozent der Befragten sagen, dass die deutsche Herkunft sie grundsätzlich zum Kauf eines Produkts motiviert. Nur 10 Prozent sehen darin einen Grund, ein Produkt nicht zu kaufen. Für einen großen Teil der Befragten spielt die Herkunft allerdings keine Rolle: 42 Prozent sagen, dass „Made in Germany“ ihre Kaufentscheidung weder positiv noch negativ beeinflusst. Weitere 10 Prozent antworten mit „weiß nicht/schwer zu sagen“.
Umgekehrt ist der Effekt von „Made in Poland“ in Deutschland deutlich geringer. Nur 12 Prozent der Befragten geben an, dass die polnische Herkunft sie zum Kauf motiviert. Vier Prozent geben an, dass die polnische Herkunft sie eher vom Kauf abhält. Für 79 Prozent hat die Kennzeichnung keinen Einfluss auf die Kaufentscheidung oder sie können dies nicht beurteilen. Interessant ist dabei, dass die Nähe zur Grenze keinen erkennbaren Einfluss auf die Kaufentscheidung hat. Unterschiede zeigen sich dagegen bei der politischen Orientierung.
Die Studie verweist beispielsweise auf politische Aufrufe in Polen, deutsche Produkte nicht zu kaufen. Unter den Wählerinnen und Wählern der Konföderation der Polnischen Krone sehen 36 Prozent die deutsche Herkunft eines Produkts als Grund, es nicht zu kaufen. In Deutschland zeigt sich ein anderes Muster: 17 Prozent der AfD-Wählerinnen und -Wähler geben an, dass die polnische Herkunft eines Produkts sie zum Kauf motiviert. Damit liegt der Wert über dem Durchschnitt.
Erkenntnis 4: Politische Haltung und Bild des Nachbarlandes hängen zusammen
Auch bei der allgemeinen Wahrnehmung des Nachbarlandes zeigen sich Unterschiede zwischen den Wählergruppen.
In Polen bewerten die Anhängerinnen und Anhänger von PiS, Konföderation und Konföderation der Polnischen Krone Deutschland in mehreren Bereichen kritischer als der Durchschnitt der Befragten. So halten beispielsweise 55 Prozent der PiS-Anhänger Deutschland für touristisch attraktiv. Bei den Anhängerinnen und Anhängern der Konföderation der Polnischen Krone sind es 39 Prozent; im Durchschnitt aller Befragten in Polen liegt der Wert bei 58 Prozent.
Ähnliche Unterschiede zeigen sich bei der Frage nach der Sicherheit. Je nach Partei geben zwischen 43 und 59 Prozent der Anhänger von PiS und der Konföderation der Polnischen Krone an, Deutschland für nicht sicher zu halten. Bei den Anhängerinnen und Anhängern der Linken (Lewica) und Bürgerkoalition (KO) liegen die entsprechenden Werte zwischen 9 und 17 Prozent.
In Deutschland zeigt sich ebenfalls ein Zusammenhang zwischen politischer Orientierung und der Bewertung Polens. Die Unterschiede zwischen den Wählergruppen fallen allerdings insgesamt weniger stark aus als in Polen. Bei den AfD-Wählerinnen und -Wählern zeigt die Studie ein anderes Muster. Nach Angaben der Studie bewerten sie Polen in sechs von acht untersuchten Bereichen positiver als die Anhängerinnen und Anhänger der anderen großen Parteien. Auch bei der Sicherheit zeigt sich ein Unterschied: 61 Prozent der AfD-Wähler halten Polen für ein sicheres Land. Bei CDU/CSU-Wählern sind es 41 Prozent, bei SPD-Wählern 33 Prozent.
Warum AfD-Wählerinnen und -Wähler Polen in den untersuchten Bereichen häufiger positiv bewerten als der Durchschnitt, beantwortet der erste Teil des Barometers noch nicht. Die Autorinnen und Autoren prüfen weitere mögliche Erklärungen. Eine erste Hypothese – dass der Effekt mit einem höheren Anteil von AfD-Anhängern in den deutschen Grenzregionen zusammenhängen könnte – ließ sich statistisch nicht bestätigen. Weitere Ergebnisse sollen im zweiten Teil des Deutsch-Polnischen Barometers veröffentlicht werden, wie Agnieszka Łada-Konefał sagt. Der zweite Teil soll Anfang November erscheinen.
Der vollständige erste Teil des Deutsch-Polnischen Barometers ist auf der Internetseite des Deutschen Polen-Instituts zu finden.





