Ein neues Buch von Prof. Dr. Ralph M. Wrobel erzählt 750 Jahre oberschlesische Dorfgeschichte – nicht über Fürsten und Kriege, sondern über Hirten, Bauern und einen Mann, dessen Leben sich aus einem gestohlenen Wehrpass rekonstruieren lässt.
Ein gestohlener Wehrpass, ein Fahrschein von einer galizischen Bahnstation, österreichische Gulden in der Tasche – mehr braucht es nicht, um ein ganzes Leben zu rekonstruieren. Als ein Kerpener, der nach Myslowitz ausgewandert war, um 1840 auf dem Heimweg von Cosel überfallen wurde, listeten die „Neustädter Kreisblätter“ auf, was ihm die Räuber abgenommen hatten. Fast zwei Jahrhunderte später wird aus dieser knappen Notiz ein biografisches Puzzle: Ein Mann, der in Kerpen geboren wurde, beim preußischen Militär diente, später für eine der ersten Oberschlesisch-Krakauer Eisenbahnlinien arbeitete, bis er über die Grenze nach Galizien kam.
Solche Fundstücke bilden das Fundament eines neuen Buches, das die 750-jährige Geschichte des oberschlesischen Dorfes Kerpen nachzeichnet. Von der Gründung im 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Verfasst hat es Prof. Dr. Ralph M. Wrobel, Wirtschaftswissenschaftler an der Westsächsischen Hochschule Zwickau und oberschlesischer Regionalhistoriker. Im Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen stellte er es am 23. September 2026 vor.

Wrobel hat in den Bibliotheken der Region viele zeitgenössische Quellen gefunden.
Foto: Mika Ballhausen
Alltags- statt Herrschaftsgeschichte
Was das Buch von klassischen Dorfchroniken unterscheidet, ist sein methodischer Ansatz: Mikrogeschichte, also die Rekonstruktion des Alltags „normaler“ Menschen wie Bauern, Hirten und Handwerker, setzt den Fokus bewusst nicht auf die Aneinanderreihung von Herrschaftswechseln. „Früher hat man das so gemacht, dass man nach Herrschaftszugehörigkeiten gegangen ist: piastische Zeit, habsburgische Zeit, preußische Zeit“, erklärt Wrobel. „Das bietet sich für eine Dorfgeschichte aber eigentlich nicht an, weil die Entwicklung eines Dorfes über diese großen Herrschaftsveränderungen hinweggeht.“ Kerpens Geschichte folgt stattdessen inneren Entwicklungslinien. Von der mittelalterlichen Gründung über die Entstehung der Gutsherrschaft im 16./17. Jahrhundert bis zum „langen 19. Jahrhundert“ und den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts.
Ein Streit über verwüstete Weiden liefert dafür ein frühes Beispiel: Im 16. Jahrhundert ließ ein Kerpener Pfandherr Bäume pflanzen, doch das Vieh der Nachbarn aus Schreibersdorf fraß sie kahl. Es kam zu einer Prügelei und einem Gerichtsverfahren. Der geprügelte Hirte namens Bartek ist dabei mehr als eine Randnotiz. „Dieser Bartek ist der erste namentlich eindeutig benannte Kerpener“, erzählt Wrobel.

Prof. Dr. Ralph Wrobel bei der Präsentation im Dokumentations- und Ausstellungszentrum in Oppeln.
Foto: Mika Ballhausen
Digitalisierung als Glücksfall
Möglich wurde diese Detailtiefe erst durch die technischen Entwicklungen der letzten Jahre. Wo Historiker früher in tagelanger Arbeit versucht haben, Dokumente in Frakturschrift zu entschlüsseln, finden sich solche Dokumente wie die „Neustädter Kreisblätter“ heute per Stichwortsuche in der digitalen Bibliothek Breslau. „Heutzutage ist das eine Arbeit für einen Nachmittag. Früher war das eine Sache, die mehrere Jahre und viele, viele Abende gedauert hat“, erinnert sich der Autor. Auch für altpolnische und altdeutsche Quellen aus dem 16. Jahrhundert half moderne Technik: KI-Übersetzung machte Dokumente zugänglich, die zuvor sprachlich verschlossen blieben.

Das Buch zeigt auf über 500 Seiten viele historische Abbildungen und Originalquellen.
Foto: Mika Ballhausen
Das eröffnet dem über 40 Jahre gewachsenen Projekt eine paradoxe Pointe, die Wrobel selbst benennt: „Hätte ich das Buch vor 10 Jahren herausgebracht, wäre es inhaltlich viel dünner und schlechter geworden. Aber die Zeitzeugen, die sich dafür interessiert hätten, hätten noch gelebt. Jetzt sind die älteren Personen zum großen Teil verstorben, aber das Buch ist dafür besser geworden“.
Das Buch wurde damit auch zu einem Wettlauf gegen das Verschwinden derjenigen, die die letzten hundert Jahre noch selbst erzählen konnten.
Zweisprachig, weil das Thema es verlangt
Auf den gut 530 Seiten des Buches sind alle Texte in deutscher und polnischer Sprache abgedruckt. „Es muss sowohl für den deutschsprachigen als auch für den polnischsprachigen Leser verfügbar sein. Und dann kommt eben so ein Volumen wie 530 Seiten DIN A4 dabei heraus.“ Die Zweisprachigkeit folgt aus der Geschichte der Region selbst. Oberschlesien wird heute von vielen Nachkommen der nach 1945 zugezogenen polnischen Bevölkerung bewohnt, doch das Interesse an der Geschichte der deutschen Bevölkerung in der Region wächst vielerorts wieder.
Wer selbst Vorfahren aus der Region hat, findet im Detail eines anderen Dorfes womöglich ein Stück der eigenen Familiengeschichte wieder.
In Deutschland dagegen, sagt Wrobel, wisse ein Großteil der Menschen kaum noch, was Oberschlesien überhaupt sei: „Sagt man einem Studenten, man forsche über Oberschlesien, kommt oft die Antwort: Ja, meine Vorfahren kommen da auch her, aus Stettin nämlich“, erzählt er, lacht kurz und fügt hinzu: „Dabei liegt Stettin ca. 400 km außerhalb der Region… Und dann weiß man: Da ist keinerlei Wissen über diese Region mehr vorhanden.“

Viele der historischen Überlieferungen stammen aus offiziellen Dokumenten der Zeit.
Foto: Mika Ballhausen
Gerade darin liegt für ihn der Reiz des mikrohistorischen Ansatzes. Die konkrete Geschichte des einzelnen Dorfes Kerpen lässt sich auf unzählige andere oberschlesische Orte übertragen. Wer selbst Vorfahren aus der Region hat, findet im Detail eines anderen Dorfes womöglich ein Stück der eigenen Familiengeschichte wieder.
Wie sehr das trägt, hat Wrobel selbst einmal erlebt, als er in den 1980er Jahren auf einen fast hundert Jahre alten Aufsatz des Oberschlesien-Historikers Pfarrer Augustin Weltzel (geboren 1817 in Jeltsch, Landkreis Oels, Provinz Schlesien; ab 1857 bis zum Tod 1897 tätig in Tworkau, Landkreis Ratibor) stieß. „Vermutlich hatte den bis dahin niemand mehr gelesen“, sagt er.
„Für mich war das so ein großer Moment, dass ich mir immer denke: Mein Buch wird jetzt wahrscheinlich in vielen Bibliotheken landen, wird da stehen und vielleicht wird der ein oder andere mal reingucken. Aber irgendwann, in ein paar Jahrzehnten, findet vielleicht jemand das Buch und sagt: Wow! Das ist genau das, was ich immer lesen wollte.“

Das Buch kann über den Verlag direkt bestellt sowie in den Bibliotheken in Oppeln ausgeliehen werden.
Foto: Mika Ballhausen
Am Abend nach der Präsentation in Oppeln stellte er das Buch noch in Kerpen vor; dort, wo die gesamte Geschichte sich abgespielt hat, und Professor Wrobel seine familiären Wurzeln hat.
- Das Buch „Oberschlesische Alltagsgeschichte vom 13. bis zum 21. Jahrhundert am Beispiel der Dorfgemeinschaft Kerpen, Kreis Neustadt/OS“ ist beim Verlag Harrassowitz in Deutschland erschienen und kann über den Verlag bestellt werden.
- Das Buch wird in der Joseph von Eichendorff Zentralbibliothek, der Universitätsbibliothek und der Woiwodschaftsbibliothek in Oppeln verfügbar sein. Außerdem wird ein Exemplar dem Regionalmuseum in Oberglogau zur Verfügung gestellt.