- Lesung: Sir 27, 30 – 28, 7 (27, 33 – 28, 9)
- Lesung: Röm 14, 7–9
Evangelium: Mt 18, 21–35
Die vergangenen Betrachtungen im „Wort zum Sonntag“ gingen grundsätzlich von den Worten des Evangeliums aus. Heute, am 24. Sonntag im Jahreskreis, wollen wir uns der alttestamentlichen Weisheit aus dem Buch Jesus Sirach widmen. Sie steht in enger Verbindung mit den Worten Jesu aus dem Evangelium. Zusammen bilden die beiden Texte eine Gedankenkette: Zorn – Groll – Rache – Vergebung – Barmherzigkeit. Entscheidend ist das Vergeben, Verzeihen und die Barmherzigkeit.
Zorn und Groll
Im Buch Sirach lesen wir: „Groll und Zorn, auch diese sind Gräuel und ein sündiger Mann hält an ihnen fest.“ Ein menschliches Verhalten, in dem Zorn und Groll sich eingenistet haben, wird entschieden abgelehnt. Umgangssprachlich würden wir sagen: „Das gehört sich nicht; das passt nicht ins Leben; das solltest du lassen.“ Warum ist es so?
Groll bedeutet einen tief sitzenden, lange festgehaltenen Ärger über erlittenes Unrecht. Er ist mehr als ein kurzer Zorn. Zorn kann aufflammen und wieder vergehen. Groll dagegen bleibt im Herzen. Der Mensch erinnert sich immer wieder an die Verletzung und kann sie innerlich nicht loslassen. Im Groll steckt oft der Gedanke: „Ich werde nicht vergessen, was du mir angetan hast.“ Daraus können Bitterkeit, Feindschaft oder der Wunsch nach Vergeltung entstehen. Man trägt die Vergangenheit gleichsam weiter mit sich.
Im biblischen Sinn ist Groll deshalb gefährlich, weil er das Herz an die Verletzung bindet. Er nimmt dem Menschen innere Freiheit und erschwert die Vergebung. Darum sagt das Buch Sirach: „Groll und Zorn … sind Gräuel.“ Nicht die erste spontane Empörung über das Böse wird verurteilt, sondern das bewusste Festhalten am Zorn.
Rache
Im gleichen Buch lesen wir weiter: „Wer sich rächt, erfährt Rache vom Herrn; seine Sünden behält er gewiss im Gedächtnis.“ Rache bedeutet: Ich will dem anderen das Leid zurückgeben, das er mir zugefügt hat. Die eigene Verletzung soll durch eine neue Verletzung „ausgeglichen“ werden. Gerade darin liegt ihre Gefahr. Rache heilt die Wunde nicht – sie gibt sie weiter. Aus Schmerz entsteht neuer Schmerz. Aus Unrecht wächst neues Unrecht. So beginnt eine Kette, in der am Ende oft alle verlieren.
„Rache heilt die Wunde nicht – sie gibt sie weiter. Aus Schmerz entsteht neuer Schmerz. Aus Unrecht wächst neues Unrecht.“
Bildhaft gesagt: Rache ist wie glühende Kohle, die man festhält, um sie auf einen anderen zu werfen. Zuerst verbrennt sie die eigene Hand. Aus christlicher Sicht bedeutet Verzicht auf Rache nicht, Unrecht gutzuheißen. Es bedeutet vielmehr: Ich überlasse das letzte Urteil Gott und verweigere dem Bösen, mein Herz zu beherrschen.
Außerdem darf aus christlicher Sicht dieser Vers nicht so verstanden werden, als würde Gott aus verletztem Zorn „zurückschlagen“. Gemeint ist vielmehr: Wer sich an der Rache festhält, stellt sich selbst außerhalb der Logik der Barmherzigkeit. Er will für sich Vergebung, verweigert sie aber dem anderen. Dadurch verschließt er sein eigenes Herz für die heilende Gnade Gottes. „Der Herr rächt“ bedeutet in biblischer Sprache daher vor allem: Gott lässt das Unrecht nicht einfach bedeutungslos stehen. Er ist der gerechte Richter. Der Mensch soll deshalb das letzte Urteil nicht selbst in die Hand nehmen.
Vergebung
Sirach stellt eine schlichte und zugleich radikale Frage: Wie kann ein Mensch bei Gott um Vergebung bitten und gleichzeitig einem anderen jede Barmherzigkeit verweigern?
Hier berührt der Text das Zentrum des christlichen Lebens. Der Apostel Petrus richtet an Christus eine schlichte Frage: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?“ Jesus sagte zu ihm: „Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.“ Jesus lehrte seine Jünger beten. In dem uns bekannten Gebet „Vater unser“ kommt die Bitte vor: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Gottes Vergebung und unsere Bereitschaft zur Versöhnung gehören zusammen. Wer sich von Gott vergeben lässt, kann nicht auf Dauer so leben, als gelte Barmherzigkeit nur für ihn selbst.
Jeder Mensch lebt von Vergebung. Niemand steht vor Gott mit vollkommen reinen Händen. Diese Erkenntnis verändert den Blick auf den anderen. Sie macht das erfahrene Unrecht nicht kleiner. Aber sie bewahrt uns davor, uns selbst zum endgültigen Richter über einen Menschen zu machen.
Barmherzigkeit
Christliche Vergebung bedeutet auch nicht immer sofortige Versöhnung. Vertrauen kann zerstört worden sein. Beziehungen können Schutz und klare Grenzen brauchen. Manche Wunden brauchen lange Zeit, um zu heilen. Dennoch kann im Herzen ein erster Schritt geschehen: Ich verzichte auf Hass. Ich wünsche dem anderen nicht das Böse. Ich überlasse ihn der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit Gottes.
Gott sieht die Not und die Schuld des Menschen und wendet sich ihm dennoch in Liebe zu. Sie verharmlost das Böse nicht, sondern schenkt die Möglichkeit zu Umkehr, Heilung und Neubeginn. Wer Barmherzigkeit erfährt, ist gerufen, selbst barmherzig zu werden: zu vergeben, den Schwachen beizustehen und dem anderen seine Würde nicht zu nehmen. In Jesus Christus bekommt diese Barmherzigkeit ein menschliches Gesicht.
Wer an Zorn und Groll festhält und wer Rache sucht, bindet sich an das Böse. Wer vergibt, übergibt das Urteil Gott und macht sein Herz frei für seine Barmherzigkeit. Ein barmherziger Mensch wird frei für Vergebung und Versöhnung.