Die Villa Gerhart Hauptmanns in Agnetendorf, bekannt als „Wiesenstein“, ist ein Ort, an dem die Geschichte Schlesiens lebendig geblieben ist. Darüber, wie aus einem Museum ein modernes Kulturzentrum wird, über die wachsende Zahl von Touristen aus Deutschland und Tschechien und darüber, warum es sich lohnt, diesen Ort zu besuchen, sprach Manuela Leibig mit Katarzyna Nadzieja Soboczyńska, Direktorin des Städtischen Museums „Gerhart-Hauptmann-Haus“ in Hirschberg.
Das Städtische Museum „Gerhart-Hauptmann-Haus“ ist weit mehr als ein traditionelles biografisches Museum. Wie würden Sie diesen Ort heute definieren?
Katarzyna Nadzieja Soboczyńska: Wir sind ein kleines städtisches Museum, eine Kultureinrichtung der Stadt Hirschberg, aber unsere Wirkung und Bedeutung reichen weit über die Region hinaus. Ich sage oft, dass wir nicht nur Andenken an den Nobelpreisträger bewahren, sondern das gesamte Kulturerbe des Riesengebirges. Unsere Tätigkeit besteht zu etwa 70 Prozent in der Auseinandersetzung mit Hauptmann selbst – sein Haus, sein Werk und die Rezeption seiner Werke – aber die restlichen 30 Prozent entfallen auf die Geschichte von Agnetendorf, der lokalen Künstlerkolonie und den wechselvollen Schicksalen dieser Region. Unsere größte Stärke ist die Authentizität. Es ist kein Gebäude, das für eine Ausstellung errichtet wurde. Es ist das Haus, in dem Hauptmann 45 Jahre lang lebte, in dem er schuf und in dem er starb. Der Wiesenstein ist unser wichtigstes Exponat.
In letzter Zeit verzeichnen Sie einen beeindruckenden Besucherzuwachs von 30 Prozent. Wer sind die heutigen Gäste der Villa Wiesenstein?
Wir beobachten einen sehr interessanten Wandel. Natürlich ist das Riesengebirge im Trend, aber zu uns kommen Gäste, die bewusst den Kontakt zur Hochkultur suchen. Die Zahl der Touristen aus Deutschland und Tschechien hat stark zugenommen. Das sind für uns natürliche Besuchergruppen, deshalb ist unser gesamter Rundgang, alle Texte und Multimedia-Inhalte, in vier Sprachen verfügbar: Polnisch, Deutsch, Tschechisch und Englisch. Interessanterweise ziehen wir auch viele Touristen aus Großbritannien und den Benelux-Ländern an. Einige Besucher kommen durch die zeitgenössische Literatur zu uns – die Kriminalromane von Sławek Gortych, die in unserem Museum spielen, waren für viele ein Anreiz, diesen Ort persönlich zu entdecken. Sie werden von den Polychromien im Paradiessaal oder der Architektur Hans Grisebachs angezogen, nach dessen Entwurf die Villa Wiesenstein in den Jahren 1900-1902 errichtet wurde.

Gerhart Hauptmann
Foto: Alfred Jäschke
Agnetendorf ist nicht nur die Villa. Was bieten Sie den Gästen zusätzlich zur Dauerausstellung?
Wir bemühen uns, eine lebendige Institution zu sein, daher ist unser Angebot sehr breit gefächert. Wir organisieren künstlerische Workshops, Konzerte und Märkte, die sowohl die lokale Gemeinschaft als auch Touristen anziehen. Großer Beliebtheit erfreuen sich die nächtlichen Führungen mit dem Schriftsteller Sławomir Gortych – dem Autor von Kriminalromanen, die im Riesengebirge spielen – der Leser anzieht, die die Schauplätze seiner Bücher mit eigenen Augen sehen möchten. Für Bergliebhaber haben wir den Hauptmann-Wanderweg vorbereitet – eine mehrtägige Wanderung durch das Riesengebirge, die unsere Villa mit dem ehemaligen Haus der Brüder Hauptmann in Schreiberhau verbindet.
Wir vergessen auch nicht die wissenschaftliche Arbeit: Wir betreiben eine spezialisierte Literaturbibliothek, organisieren Symposien und Konferenzen mit Beteiligung von Germanisten. An den Tagen der offenen Tür bieten wir thematische Führungen an, in denen wir zum Beispiel über die einzigartige Architektur der Villa oder die intime Familiengeschichte der Hauptmanns erzählen, die wir den Gästen unter anderem durch die Tagebücher von Margarete und Ivo Hauptmann erschließen.
Das Museum ist sieben Tage die Woche geöffnet. Das ist in der polnischen Museumslandschaft eine Seltenheit.
Das war eine bewusste Entscheidung. In einer Tourismusregion können wir uns keine „montäglichen Ruhetage“ leisten. Touristen klopfen täglich an unsere Tür und wir möchten für sie da sein. Das ist ein großer personeller und organisatorischer Aufwand, aber unsere Öffentlichkeitsarbeit hat für uns oberste Priorität. Oftmals lernen Menschen hier zum ersten Mal den Namen des Nobelpreisträgers kennen und sind fasziniert vom Paradiessaal oder der Bibliothek des Schriftstellers.
Sie erwähnten den Paradiessaal. Er ist das Herz des Hauses und beeindruckt die Besucher sehr.
Der Paradiessaal ist unser „Ausgangspunkt“ und eine der größten Stärken des Museums in puncto Image. Die farbenprächtigen Polychromien von Johannes Maximilian Avenarius aus dem Jahr 1922 schaffen hier eine einzigartige Atmosphäre, die biblische Motive mit Hauptmanns Werk verbindet. Dieser Ort bleibt für immer in Erinnerung. Die neue Dauerausstellung „Entdecke den Wiesenstein“, die wir Ende 2025 modernisiert haben, führt die Gäste jedoch durch sieben verschiedene Räume – vom Arbeitszimmer des Schriftstellers über den Musikalischen Salon bis hin zum Observatorium. Jeder dieser Räume erzählt eine eigene Geschichte, unterstützt durch moderne Technologie, aber stets mit Respekt vor der historischen Bausubstanz der Villa.

Paradiessaal
Foto: Robert Karczmarczyk, aus der Sammlung des Museums
Wie sieht die deutsch-polnische Zusammenarbeit in der Praxis aus?
Unser Museum ist aus dem Geist des Dialogs entstanden – Grundlage waren die deutsch-polnischen Vereinbarungen von Premierminister Tadeusz Mazowiecki und Bundeskanzler Helmut Kohl aus dem Jahr 1989. Heute ist diese Zusammenarbeit sehr intensiv. Wir arbeiten beispielsweise mit dem Schlesischen Museum zu Görlitz und den Museen in Bautzen zusammen. Wir tauschen Museumsstücke aus, führen gemeinsame Bildungs- und Forschungsprojekte durch. Unsere Ausstellungskataloge sind stets zweisprachig. Wir arbeiten auch eng mit dem Institut für Germanische Philologie der Universität Breslau zusammen und organisieren wissenschaftliche Konferenzen, wie kürzlich eine über Hauptmann im europäischen Kulturgedächtnis. Wir verbinden die Welt der Wissenschaft mit der Popularisierung und zeigen Hauptmann nicht als monumentale Figur, sondern als Menschen, der in die Geschichte seiner Zeit verstrickt war.
Das Museum wird regelmäßig für seine Arbeit ausgezeichnet. Welche Ehrungen sind Ihnen besonders wichtig?
Jede Auszeichnung ist eine Bestätigung dafür, dass wir den richtigen Weg gehen. Die Ehrungen des Polnischen Museumsverbandesschätzen wir sehr – unsere Ausstellungen, wie zum Beispiel die über Paul Aust, gewinnen regelmäßig Preise im Wettbewerb um die Museumsveranstaltung des Jahres in Niederschlesien. Wir haben den „Niederschlesischen Schlüssel zum Erfolg“ sowie Zertifikate der Niederschlesischen Tourismusorganisation erhalten. Diese Auszeichnungen stärken unser Prestige, aber die größte Genugtuung ist der Moment, wenn Besucher uns schreiben, dass sie gerne länger im Wiesenstein bleiben würden, inspiriert vom Geist dieses Ortes.

Ze zbiorów Muzeum Miejskiego “Dom Gerharta Hauptmanna” w Jeleniej Górze
© Copyright for the works of Erich Fuchs by Renate Baumgärtner, 2026
Sie bereiten eine neue Sonderausstellung vor.
Bereits am 5. September eröffnen wir eine außergewöhnliche monographische Ausstellung über Erich Fuchs – einen Künstler, der ein herausragender Dokumentarist des Lebens der Riesengebirgsbewohner und Illustrator von Hauptmanns „Webern“ war. Es ist eine seltene Gelegenheit, nicht nur Werke aus unseren eigenen Sammlungen, sondern auch aus dem Privatbesitz der Künstlerfamilie zu sehen. Die Ausstellung wird von einem schönen, zweisprachigen Katalog begleitet. Es ist ein Projekt, an dem wir sehr intensiv gearbeitet haben und das sich perfekt in die Mission einfügt, Hauptmann im weiteren Kontext der lokalen Kultur zu zeigen.

Der Wiesenstein scheint ein Ort zu sein, an dem Grenzen – die geografischen und die zeitlichen – ihre Bedeutung verlieren.
Denn so war das Riesengebirge an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, und so eine Institution wollen wir heute sein. Das Museum bewahrt das Erbe Gerhart Hauptmanns, aber es interpretiert es durch die Authentizität seines Hauses und den Reichtum der Geschichte und Kunst der gesamten Region. Ich lade alle nach Agnetendorf ein – nicht nur, um die Ausstellungen zu sehen, sondern um den Geist eines Ortes zu spüren, der Nationen und Generationen verbindet.
Wissenswertes:
- Adresse: Städtisches Museum „Gerhart-Hauptmann-Haus”, ul. Michałowicka 32, Hirschberg – Agnetendorf.
- Öffnungszeiten: Das Museum empfängt Gäste sieben Tage die Woche.
- Fuchs-Ausstellung: Eröffnung der Ausstellung „Erich Fuchs – Theater des Riesengebirges“ am 5. September um 12:00 Uhr.
- Serviceleistungen: Vollständige Touristeninformation und Rundgänge verfügbar auf Polnisch, Deutsch, Tschechisch und Englisch.
- Webseite: https://muzeum-dgh.pl/
- FB : https://www.facebook.com/MuzeumMiejskieDomGerhartaHauptmanna/